Die Vermessung der Rüschenbluse
Unser Kolumnist diagnostiziert die Kammermusik: wertvoll, aber krank!
Von Pascal Morché
Vom Herzkammerflimmern einmal abgesehen, stellen Substantivkonstruktionen mit dem Wort Kammer im heutigen Sprachgebrauch ein ziemliches Problem dar: Kammerdiener, Kammerjäger, Kammerzofe … Es scheint, dass all diese Begriffe aus einer anderen Zeit und Welt stammen. Und sehen wir der Tatsache einmal kühlen Blicks ins Auge, so gehören Worte wie Kammersänger, Kammerkonzert und Kammermusik ebenfalls dazu. Alles, was nämlich mit einer Kammer zu tun hat, nennen wir – die modernen, in lofts und flats und living-rooms beheimateten Menschen – heute bestenfalls noch antiquiert oder museal. Im Allgemeinen aber gilt für uns: Substantivkonstruktionen mit dem Wort Kammer sind altväterlich, staubig, spießig und vorgestrig. Nein, Kammer klingt nicht sexy!
Und weil das nun einmal so ist, und weil die Ausnahme bekanntlich die Regel immer nur bestätigt, änderte sich am Mief des Wortes Kammer auch nichts, als es ein letztes Mal kurzfristig seine mediale Reaktivierung erlebte. Damals nämlich, als es Deutschlands Allgemeinbanalphilosoph Boris Becker in einer Besenkammer trieb. Doch das war eben eine, in jeder Weise, linguistisch ekstatische Ausnahme. Auch durch Boris Beckers triebhaftes Bemühen konnte das Wort Kammer im täglich kleiner werdenden Wortschatz der deutschen Sprache nicht wirklich vor dem Aussterben bewahrt werden.
Dem Begriff Kladde ging es übrigens ganz ähnlich. Seine Reanimierung fand am 28. April 1983 durch das Magazin Stern statt – beziehungsweise durch den dortigen Abdruck von, in wieder entdeckten Kladden angeblich festgehaltenen Gedanken des Führers. Heute wissen wir: Auch dieses Medienereignis rettete das schöne alte Wort Kladde nicht hinüber in die Zukunft.
Also: Mit Kammer, Kladde oder beispielsweise auch mit der Tapetentür ist nun wirklich Schluss im deutschen Sprachgebrauch. Und vielleicht hat die Kammermusik auch gerade deshalb ein Problem: Ihre Etikettierung wird von jungen Menschen absolut nicht mehr goutiert oder gar verstanden. Ihnen gustiert das englische Wort chamber schon viel besser und bekannter im Ohr – weshalb übrigens jede neue Orchesterformierung bei ihrer Firmierung gut daran täte, sich Chamber Orchestra zu nennen.
Es ist ja auch wirklich zum Heulen: Während man bei Opernvorstellungen und Sinfoniekonzerten im Publikum wenigstens noch ein paar junge Menschen sichtet, lichten sich die Reihen bei Kammermusikabenden erheblich. Wer’s nicht glaubt, hat vielleicht keine rosarote Brille, dafür aber rosarote Ohrschützer auf. Nun, nachdem dieser Text bisher wahrscheinlich von Musikpuristen und Kammermusikfans mit Abscheu gelesen wurde (Recht haben Sie: was interessieren uns Becker und Hitler hier?), möchte der Autor seinen Lesern versichern, dass ihm selbst Kammermusik viel bedeutet. Sein Herz blutete, als er bei einem Besuch des Alban-Berg-Quartetts im Münchner Herkulessaal das Auditorium halbleer erlebte. Mozarts “Haydn-Quartette” vom Juilliard String Quartett oder Beethoven- und Schubert-Trios mit Istomin, Stern und Leonard Rose gehören zum wertvollsten seiner CD-Sammlung, das Takács-Quartett verehrt er auf Knien und das Hagen-Quartett kann er gar nicht hoch genug rühmen. Dies alles ändert aber nichts daran, dass es sich bei der Kammermusik (leider ganz ähnlich wie beim Liedgesang) um eine aussterbende Gattung innerhalb der klassischen Musik handelt.
Was also ist geschehen, dass jene Musikform, die gewiss die konzentrierteste, die reinste und sicher auch die ehrlichste und menschlichste ist, derart ins Hintertreffen geraten konnte?
Eine junge, 20-jährige Frau, die von Monteverdi bis Peter Eötvös die Kunstform Oper kennt und liebt (!), die Bruckner von Beethoven unterscheiden kann (was im untergehenden Abendland ja schon eine ganze Menge ist) und die außerdem ihrem Blüthner altersgemäß-gefühlvolle Chopinwalzer abgewinnt, diese junge Frau antwortet auf die Frage, was ihr denn zum Thema Kammermusik einfalle: verstaubte Rüschenbluse und spießige Perlenkette. Kurz: Die Kammermusik ertrinkt in ihrem eigenen Klischee.
Diese Kolumne ist kein Ort, die historische Herkunft der Kammermusik zu erklären. Er ist auch nicht der Ort, das Ende der Hausmusik (jene einst verlässliche Rettungsmöglichkeit der Kammermusik) als Folge eines (warum auch immer) nicht mehr existenten Bildungsbürgertums zu beklagen. Es ist hier aber durchaus der Ort, dem letzten Aufgebot des Kammermusik-Publikums selbst einiges vorzuwerfen: Warum lebt ein Großteil dieses Kammermusik-Publikums in einem selbst geschnitzten Elfenbeinturm? Warum besucht das typische Kammermusik-Publikum nur höchst selten Konzerte, in denen Mahler- oder Strauss-Sinfonien gespielt werden und warum interessiert sich ein Kammermusik-Publikum nahezu überhaupt nicht für die musikalische Kunstform der Oper? Für den eingefleischten Kammermusikliebhaber, der auf ähnlich monogame und inzestuöse Weise Musik an und in sich lässt wie es der Wagnerianer tut (nämlich mit Scheuklappen vor den Ohren) – für diesen Kammermusikfan ist beim Mendelssohn-Oktett Schluss mit üppigem Instrumentensound. Alles darüber hinaus zerstört ihm sein selbsternanntes musikalisches Reinheitsgebot und zerschmettert ihm den heiligen Ernst, mit dem er meint, dass die Kammermusik zu spielen und zu hören sei. Die Orchestrierung von Beethovens “Grosse Fuge” Opus 133 gilt jenen Puristen bereits als Sakrileg; von der Bearbeitung des Schubertschen d-Moll Streichquartetts “Der Tod und das Mädchen” durch Gustav Mahler ganz zu schweigen. “Schändung”, ruft er aus, wie er es nur noch mit gleicher Vehemenz zu tun vermag, kommt ihm Leopold Stokowskis Orchesterfassung der Beethovenschen “Mondscheinsonate” zu Ohren.
Wer ein typisches Kammermusikpublikum an einem typischen Kammermusikabend beobachtet, der mag denken: Es ist soviel Blut, Sinn und Sinnlichkeit in dieser herrlichen Vielfalt der Kammermusik – warum nur ist ihr Publikum meist so blutarm und so ganz ohne jeden Sinn für Sinnlichkeit? Warum wird Kammermusik von einem Publikum in Birkenstocksandalen und nicht in Louboutin-High-Heels konsumiert? Warum ist erst bei der Salonmusik wieder erlaubt, was sich in der Kammermusik streng zu verbieten scheint: Der musikalische Genuss von purer Lebenslust. Es scheinen auf das Publikum jener Zwang und jene Zwanghaftigkeit abzufärben, die drei oder vier oder fünf Menschen zusammenbringt, um ausschließlich Musik zu machen. Bei, über viele Jahre existierenden Kammermusik-Ensembles spricht man gemeinhin von einer “eheähnlichen Gemeinschaft”. Nun, dass Ehen nicht immer glücklich sind, ist ja bekannt. Die phobischen Zwänge, die in einer solchen Gemeinschaft herrschen, sie wurden niemals besser beschrieben als von Thomas Bernhard in dessen frühem Stück “Die Macht der Gewohnheit”: Fünf Menschen, aneinander gekettet in dem zwanghaften Unternehmen das Forellenquintett aufführen zu wollen, zerfleischen einander. “Wir lieben das Cello nicht. Aber es muss gespielt werden. Wir lieben das Leben nicht. Aber es muss gelebt werden.” Dieses gnadenlose System, aus dem es keinerlei Entrinnen gibt, wir finden es auch bei anderen Ensembles: Bei jenen, zu siamesichen Zwillingen gedrillten Piano-Duos zum Beispiel, oder auch bei Kaffeehaus-Trios. Und wer denkt da jetzt nicht an das wundervolle, einzigartige Farcas-Trio im schönsten und musikalischsten Hotel der Welt, dem “Waldhaus” im schweizerischen Engadin?
Doch, zurück zur Kammermusik. Diese intime Seele ihres jeweiligen Schöpfers und ihrer interpretierenden Künstler, sie ist als musikalische Kunst nicht massenkompatibel. Kurz: Kammermusik ist absolut nicht eventfähig. Das ist – aus musikalisch ideologischer Sicht schön – aber zugleich auch ihr Todesurteil! Deshalb an dieser Stelle ganz persönlich: Am meisten krankt die Kammermusik an ihren selbsternannten Kennern. An jenen, die meinen, es sei ganz besonders vornehm und zeuge von ganz besonders großer Kenntnis, sich Kammermusik stets mit spitz geschürztem Mündchen zu Gehör zu bringen. Sie krankt daran, dass sich ihre Hörer nicht einmal zu jenem kleinen erotischen Exzess zu bekennen trauen, zu dem Operngänger manchmal wenigstens noch fähig sind: ihr unausgelebtes Leben zu sublimieren und zu kompensieren. Ja, die Kammermusik krankt – (noch) mehr als jede andere Form der klassischen Musik – an verstaubten Perlenketten und Rüschenblusen; sie krankt an dieser emotionalen Enge und Verklemmtheit ihrer Hörer, die nirgendwo sarkastischer und besser persifliert werden kann, als im stilistisch gar nicht so unähnlichen Humor von Loriot und Christoph Marthaler. Kammermusik, sie kränkelt nicht, sie krankt – sie siecht dahin und wird sterben und zwar noch lange bevor es den Opern und Sinfoniekonzerten an den Kragen geht. Dass dies durchaus zu beklagen, ja sogar zu beweinen ist, das steht auf einem ganz anderen Blatt.









Betreff: "musica in camera" | crescendo
[...] Es gibt mit Sicherheit viele Gründe, die Kammermusik in einem modernen Magazin NICHT zu einem Schwerpunktthema zu machen. Ich denke da an das angestaubte Image dieses Musikgenres, über das sich unser Kolumnist Pascal Morché in seiner unnachahmlichen Art und Weise erheitert. Sein zweiseitiges Werk “Die Vermessung der Rüschenbluse” lesen Sie unter http://www.crescendo.de/blog/die-vermessung-der-ruschenbluse [...]
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