Konwitschnys Diktatorenballett
Peter Konwitschny erinnert tragischer Weise an Harald Schmidt – der ist vor einiger Zeit in eine „Kreativpause“ gegangen, von der er sich nicht mehr erholt hat. Konwitschny, dem die Opernwelt allerhand Revolutionen zu verdanken hat, geriet vor einem Jahr in eine Krise, und er tat das einzig Richtige: Er hat sich zurückgezogen. Heute Abend hatte seine Inszenierung der Lehár-Operette „Das Land des Lächels“ an der Komischen Oper in Berlin Premiere. Die eigentliche Operette fing allerdings schon vor der Aufführung an: Egon Bahr war da, Christoph Stölzl, und haben Sie Christina Weiß gesehen? Die üblichen Kritiker drängten sich ins Parkett, 3-Sat übertrug fast live und überhaupt: So wie sich die fette Opernwelt inzwischen feiert, davon könnte die von Lehár auf die Schippe genommene Wiener Gesellschaft noch einiges an Schmierenkomödiantentum lernen.
Und die Aufführung? Ein Skandal, der keiner mehr ist. Hat Hans Neuenfels vor einigen Jahren noch durch einen Totentanz von Neptun, Mohamed und Jesus für Aufsehen gesorgt, ließ Konwitschny nun Hitler, Stalin, Napoleon, Caesar und George Busch (wo war Saddam Hussein?!) zum Diktatoren-Ballett antanzen.
Seine Kreativpause führte nicht zur Neuerfindung, sondern zum gelangweilten Abklatsch des Alten – eben ganz Harald Schmidt. In den Proben war er der einzige, der gelacht und sich auf die Schenkel geklopft hat, sein Lieblingsdramaturg hat ihn während dieser Arbeit den Rücken gekehrt. Hauptsache wir kriegen die Zeit rum – egal, ob sie dabei lang und weilig fließt.
Da will einer den Chauvinismus der Welt anklagen und benutzt doch längst ein hochchauvinistisches Vokabular. Man könnte all das auch einfach nur noch arrogant nennen: Da spielt ein Regisseur für ein Publikum Operette, greift in die sicheren und abgeschmackten Effekt-Kisten des Regietheaters und befriedigt ganz selbstverständlich mit Hitler und Co. den Stereotyp der Operette. Und die Kritiker und die Politiker und das Publikum schunkeln mit. Auf dem Nach–Hause-Weg noch ein Small-Talk mit einem Fernseh-Fritzen: „Habe mich amüsiert“, sagte er – „Ja wirklich lustig, der Hitler“, antwortete ich. Widerlich!
Sollen wir bei Konwitschnys Diktatoren-Ballett und seinen anderen Klamauk, der von mittelmäßigen Sängern wortunverständlich und aufgedreht dargebracht wurde, lachen, sollen wir all das ernst nehmen, oder sollen wir im Angesicht der pseudo provokanten Kunst nur noch weinen? Oder sollen wir uns tatsächlich ernsthaft damit beschäftigen? Früher war Konwitschny ein Prophet, ein Jean Baudrillard der Oper. Davon ist nichts geblieben. Und deshalb an dieser Stelle statt einer Kritik einen Lesehinweis. Kaufen Sie sich die neue „Lettre“, schlagen Sie Seite 30 auf und lesen Sie Baudrillards Essay „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“ Ein melancholischer Abgesang der Menschheit, die all ihr Sein auslöscht, die alle Aussage durch das Pseudo-Spektakel unterwandert, die Operette ist und auf dem Vulkan tanzt.
Keine Kritik also an dieser Stelle — und dennoch der Aufruf: Schreiben Sie uns, was Sie von dieser Aufführung halten. Die Debatte ist eröffnet.
Axel Brüggemann









Reinhard Hartmann
Danke! Ja,.selten so eine langweilige Aufführung gesehen, und all diese politischen Andeutungen und Überhöhungen, einfach nur peinlich. Ich bin fassungslos, dass das die Kritiker dieser Stadt dieses Niveau (Gesang, Personenregie, Bühnenbild) goutieren können. Ich hab schon lange nicht einen so derart peinlichen und überhaupt nicht unterhaltsamen Abend gesehen. Wer bei diesem “Als ob-Andeutungstheater” lachen kann ??? Hab den Abend fast schon wieder vergessen.
Jan Renner
Lieber Herr Hartmann,
ich war zwar nicht in der o.g. Aufführung, aber ich kann Sie
versichern, dass ich in letzter Zeit des öfteren fassungslos war, wenn ich nach verunglückten Interpretationsversuchen oder einfach nur langweilig-mittelmässigen Aufführungen (dazu gehörten in der vergangenen Saison leider auch manche Konzerte der Philharmoniker unter ihrem Chef) am nächsten Tag bei den “Kritikern dieser Stadt” lesen durfte, dass ich angeblich das einzigartige Glück hatte, einer ganz erfrischend modernen, demokratischen und am Ende noch revolutionären Aufführung beizuwohnen.
Ich habe mich oftmals gefragt, ob diese Tendenz zur Schönschreiberei am geringen Anspruch oder an der Abhängigkeit mancher Kritiker von den Institutionen, die sie kritisch beurteilen soll(t)en, liegt. Vermutlich trifft beides zu.
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