Drama Queen
Warum Inge Borkh auch heute noch die Frau fürs Extreme ist.
Von Thomas Voigt
Auch wenn ihr die Moderne nicht immer so sehr ans Herz gewachsen war wie die Opern von Verdi, Puccini und Strauss, so konnte sie in ihren Partien immer das nötige Quantum Emotion einbringen. Emotion, die Oper erst zur Oper macht, selbst wenn man sie lieber als “Musik-Theater” bezeichnet. “Musik muss mich in meinem Herzen erreichen”, sagt Inge Borkh auf die Frage nach zeitgenössischer Musik. “So wie der ‚Lear’ von Aribert Reimann. Aber das ist ja nun auch wieder mehr als 30 Jahre her. Ich bin halt ‘ne alte Frau, ich bin ein Kind meiner Zeit, habe meine Hörerfahrungen und -gewohnheiten, und ich kann mein Inneres nicht einfach umstellen. Ich bin immer neugierig und höre mir vieles an – aber ich kann es nur dann akzeptieren, wenn es mich erreicht. Wenn es nur nach Computer klingt, bin ich verloren. Aber wenn es mich anrührt, dann ist es herrlich, dann fühle ich mich in eine andere versetzt.”
Inge Borkh, Jahrgang 1921, hatte ihren letzten Auftritt vor großem Publikum bereits 1973 (Sie sang damals die Elektra von Richard Strauss). Heute wohnt sie im Stuttgarter Augustinum. Aber meistens ist sie auf Reisen, um einen ihrer Favoriten im Konzert zu hören. Mariss Jansons zum Beispiel. Oder Jewgeni Kissin. Oder Christian Gerhaher. In die Oper geht sie nicht mehr so gerne – weil sie sich richtig aufregen kann, wenn die Regie am Stück total vorbeigeht. Deshalb lieber Konzerte, Kammermusik und Liederabende.
Im Jahr 2006 habe ich mit Inge Borkh ein Buch produziert. Der Titel: “Nicht nur Salome und Elektra”. Natürlich freut sie sich, wenn man sie mit diesen beiden Extrempartien von Richard Strauss identifiziert. Aber sie möchte nicht darauf reduziert werden. Und deshalb kam weder das berühmte Salome-Porträt von Louis Melancon auf das Buch-Cover noch eines der vielen aufregenden Elektra-Fotos – sondern ihre Färberin in der “Frau ohne Schatten”, ein Foto von jener Produktion, mit der im November 1963 das Nationaltheater in München wiedereröffnet wurde.
Der Event wurde damals vom Bayerischen Fernsehen und von der Deutschen Grammophon mitgeschnitten. Von der TV-Aufzeichnung blieb offenbar nur der zweite Akt erhalten; jedenfalls scheint kein Mensch zu wissen, was mit dem Rest passiert ist. Inge Borkh nimmt’s gelassen und freut sich, dass es zumindest ein paar Highlights aus dem zweiten Akt auf DVD gibt (Fischer-Dieskau-Porträt, DG).
Der Audio-Mitschnitt, den die DG 1996 erstmals auf CD veröffentlichte und der inzwischen “gestrichen” wurde, ist gerade bei “Brilliant Classics” erschienen. Klangtechnisch ist die Aufzeichnung, für die damals Wolfgang Lohse als Produzent und Heinz Wildhagen als Tonmeister verantwortlich waren, ein kleines Wunder: Sie klingt so präsent und plastisch, als würde man auf einem der besten Plätze im Nationaltheater sitzen. Von den Sängern versteht man auffällig viel Text, und zugleich ist auch die komplexe Orchesterstruktur besser zu hören als in jeder späteren Live-Aufnahme des Werkes. Der Unterschied zum Fernseh-Dokument ist gewaltig, nicht nur wegen der Schwarzweiß-Optik. Bühnenbilder und Regie wirken halt historisch. Ganz anders der Eindruck beim Anhören der CD: Was hier über den Lautsprecher kommt, wirkt so nah, so direkt, so wenig historisch. Man hat Mühe, zu glauben, dass die Sängerin der frustrierten Färberin inzwischen eine sehr gut erhaltene 87-Jährige ist.
Als sie noch selbst auf der Opern-Bühne stand, war sie die Frau für alles Extreme: Medea und Lady Macbeth, Tosca und Turandot, Mona Lisa und – Magda Sorel in Menottis “Konsul”. Das war die Partie, mit der sie 1951, bei der Berliner Erstaufführung des Stückes, ihren großen Durchbruch hatte. Nach ihrer Arie tobte das Publikum minutenlang, laut einer Kritik war es “der Aufschrei einer an der Kehle gewürgten Stadt im Sinnbild einer künstlerischen Leistung!”
Während der 1950er und 1960er Jahre war Inge Borkh der Idealtyp des singenden Darstellers. Sie war Schauspielerin, bevor sie Sängerin wurde. Ein Vorteil, vor allem bei literarischen Operntexten, also bei den gemeinsamen Werken von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Schon aus diesem Grunde bleibt ihre Elektra für mich unerreicht. Ich kenne keine Sängerin, die die Balance von Ton und Wort, die ganze Bandbreite vom innigsten Seelenton bis zur totalen Entäußerung so überzeugend gebracht hat wie sie. Allein der verzweifelte Ausruf nach dem voreiligen Triumph der Klytämnestra: “Mein Kopf! Mir fällt nichts ein! Worüber freut sich das Weib?!” Wer das nicht von Inge Borkh gehört hat, hat es nie gehört.
Und eigentlich habe ich erst mit ihrer Aufnahme begriffen, dass die Färberin keine hysterische Keife ist, sondern eine Frau, bei der die Nerven blank liegen. In seinen Memoiren schreibt Rudolf Hartmann, damals ihr “Vorgesetzter” als Intendant und Regisseur: “Die während der Proben an die Sänger gestellten psychischen wie physischen Anforderungen gingen zeitweilig bis an die Grenze des Erträglichen. Die ständige seelische Anspannung brachte die sensible Inge Borkh (Färberin) mehrmals zu Tränenausbrüchen”.
Das sei hauptsächlich wegen Fischer-Dieskau gewesen, erinnert sich Inge Borkh. “Er hat mich mit seiner Darstellung des Barak so tief gerührt, dass ich es kaum fertig brachte, ihm ins Gesicht zu sagen: ‚Dort ist jetzt dein Lager!’ Mit diesem Satz sagt sie ja, dass sie nicht mehr mit ihm schläft. Und bei all ihren abweisenden und verletzenden Worten habe ich versucht, die Färberin so zu gestalten, dass man immer spürt, wie sehr sie den Barak liebt – und wie sehr sie von ihm mehr Zuneigung erwartet. Sie ist emotional und sexuell total frustriert, darum ist sie ja so ein leichtes Opfer für die Gaukeleien der Amme.”
Thomas Voigts Gespräche mit Inge Borkh sind unter dem Titel “Nicht nur Salome und Elektra” im Verlag Buch & Media erschienen. Richard Strauss: “Die Frau ohne Schatten” liegt jetzt wieder in der Brilliant Opera Collection vor (Brilliant Classics).









U. Reuter
sehr geehrte redaktion,
sehr geehrter herr hanuschik,
mit interesse lese und durcharbeite ich ihr jeweiliges klassikmagazin mit
grossem interesse, so auch das vorl. neueste heft.
der bericht über “inge borkh” ist spannend und aufschlussreich zugleich,
besonders für das jüngere publikum.
die beste recherche und berichterstattung fällt ins negative, wenn grundsätzliche
fakten fehlen wie zum bs. in dem fall konnte ich nirgends herauslesen oder in dem
bericht finden, welche stimmlage inge borkh eigentlich beherrschte und gesungen hat.
der kenner wird es wissen, aber der neugierige und interessierte jüngere
klassikfan aber nicht, also ein dickes manko, note 4-5, denn das ist mit das wichtigste.
ansonsten weiter so, insgesamt ist ihr heft klasse und lesenswert und es wert
auszulegen zur mitnahme.
mfg
u. reuter
“Phonoladen”
Thomas Voigt
Lieber Herr Reuter,
vielen Dank für Ihr Schreiben, für das Lob – und auch für den Hinweis darauf, dass nirgendwo steht, dass Inge Borkh das dramatische SOPRAN-Fach gesungen hat. Das ist wirklich ein Schnitzer, für den ich mich entschuldigen möchte, ebenso für die fehlende WELT am Ende des ersten Abschnitts. Gemeint war: „… dann fühle ich mich in eine andere WELT versetzt“.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Thomas Voigt
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