Ein Kontinent der Künste

Heidelberg; Foto: Heidelberger Frühling
Der Heidelberger Frühling macht sich 2010 auf die Suche nach der musikalischen Identität Europas.
Von Martin Morgenstern
Ob freudig, hoffnungsvoll, seufzend oder überrascht, auf vielfältige Weise lässt sich das diesjährige Motto des Heidelberger Frühlings “Ach Europa” intonieren und ebenso vielfältig nähert sich das Festival vom 20. März bis 24. April seinem Themenauftrag mit rund 80 Veranstaltungen. Festivalleiter Thorsten Schmidt macht sich im 14. Jahrgang des Heidelberger Frühling mit Vorträgen, Lesungen, Konzerten und vielem anderen auf die Suche nach einer kulturellen, europäischen Identität: “Wo sind die Gemeinsamkeiten, die Identität stiften, wo die Differenzen, die immer auch einen besonderen Reiz im vermeintlich Gleichen eröffnen?”
Musik aus Estland, England, Finnland, Deutschland, Polen, Ungarn oder Österreich gibt Denkanstöße, lädt aber auch einfach zum Genießen ein. So sind zum Beispiel Publikumslieblinge wie die Cellistin Sol Gabetta oder auch weniger bekannte Kollegen wie Antti Siirala, der als begnadeter Pianist jüngst etwa das “Moritzburg Festival” ordentlich durcheinanderwirbelte, zu erleben. Klavieraficionados fiebern Hélène Grimaud, dem genialen Sonderling Ivo Pogorelich oder Ewa Kupiec entgegen. Und auch der erste “Artist in Residence” ist eine Pianistin. Die ECHO-Klassik-Preisträgerin Ragna Schirmer ist in vier Konzerten und einer Meisterklasse, bei der passives Hineinschnuppern übrigens kostenlos möglich ist, zu erleben. Schirmer begeisterte das Heidelberger Publikum vor zwei Jahren mit den Goldberg-Variationen, auf die sich dieses Jahr Andreas Staier stürzt.
Nicht nur Künstler aus Kerneuropa stellen sich dem diesjährigen Themenauftrag: So reist etwa auch die georgische Geigerin Lisa Batiashvili, die kanadische Sopranistin Measha Brueggergosman oder ein Chor aus Südafrika an. – Seit fünf Jahren Mitglied der Europäischen Union dagegen ist Lettland. “Die Letten sind ein schüchternes Volk, doch wehe, wenn sie aus sich herausgehen!”, droht Jungstar Andris Nelsons im Programmheft. Wie Baiba Skride stammt er aus Riga, die Geigerin ist drei Jahre jünger als der Dirigent. Gemeinsam sind sie am 20. März mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra beim Eröffnungskonzert zu hören.
Innovation und Offenheit prägen das Konzept des Heidelberger Frühling: Wo sonst existiert heute ein Festival, das eingebettet in ein stringentes Motto selbstbewusst wichtige Schwerpunkte bei der Nachwuchsförderung setzen kann, neuen Hörern neue Musik nahebringt und wie nebenbei noch ein großes Jugendprojekt stemmt? Das richtet sich an junge Kenner genauso wie an blutige Neulinge: “classic scouts” – interessierte Jugendliche ab 14 Jahren – stellen ihren Freunden Programm und Künstler vor, schreiben einen Festivalblog und organisieren gar ein eigenes Konzert im Opernzelt. Und sogar “Festivals im Festival” gibt es, nämlich das Streichquartettfest und das Heidelberger Atelier.
Beim Streichquartettfest (9.-11. April) ist unter anderem das Keller Quartett aus Ungarn zu Gast; Kurtág, Bartók, Ligeti stehen programmatisch im Zentrum. Ergänzt werden sie durch Werke der Wiener Klassik und Auszüge aus Johann Sebastian Bachs “Kunst der Fuge”. Das Heidelberger Atelier (26.-28. März) steht 2010 erneut unter der künstlerischen Leitung von Komponist und Dirigent Matthias Pintscher, im Fokus des Programms steht der Komponist Magnus Lindberg. Erstmals wird ein Publikumspreis verliehen, an einen von sechs eingeladenen Komponisten. Bei beiden “Festivals im Festival” steht der Dialog mit dem Publikum und Musikvermittlung mit offenen Proben, Lecture Recitals und Konzerteinführungen im Mittelpunkt.
Zum Schluss seien ein paar Geheimtipps gegeben. So spricht etwa – kaum mag man es glauben – der Dirigent Christian Thielemann über Robert Schumann; die Eintrittskarte kostet 15 Euro, das ist am unteren Ende der Heidelberger Skala, die bis 99 Euro reicht. Aber auch die beiden Abende mit Franz Schuberts mehrstimmigen Gesängen mit Klavierbegleitung sollte keiner, der in die Neckarstadt reist, verpassen. Ulrich Eisenlohr und ein hochkarätiges Sängerensemble bringen diese erstmals in Gänze auf die Bühne.
Heidelberger Frühling
Internationales Musikfestival Heidelberger Frühling vom 20. März bis 24. April
Heidelberger Atelier vom 26. bis 28. März
Streichquartettfest vom 9. bis 11. April
Programmbuch anfordern unter:
Tel.: +49-(0)6221-142 24 11
www.heidelberger-fruehling.de













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