Einmal Abu Dhabi und zurück

Abu Dhabi: Emirates Palace Hotel; Foto: Abu Dhabi Festival
Was passiert, wenn man einen Mitarbeiter zum Klassik-Festival an den Persischen Golf sendet? Wir haben es getestet.
Ein Erlebnisbericht.
Von Jens F. Laurson
Wenn man noch nicht in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) war, weiß man über dieses sieben-geteilte Land von wetteifernden Scheichtümern nur bedingt viel: Hohe Häuser, phantasievoll gestaltete künstliche Inselwelten, eine Formel-1-Rennstrecke und ein bisschen Finanzkrise. Und – immerhin seit sieben Jahren in der Hauptstadt des Landes – auch das Abu Dhabi Festival, welches große Klassik verspricht und in diesem Jahr aus aller Welt Journalisten einlud, um darüber zu berichten.
Ich war einer davon.
Das Festival war schon in vollem Gang, als ich gefragt wurde, ob ich nicht kurzfristig nach Abu Dhabi reisen wollte. Als der Airbus von Ethiad Airways um acht Uhr Abends landete, erwartete mich eine Nachricht auf dem Telefon: „Körper vom Bruder des Scheichs gefunden. Festival für drei Tage wegen Staatstrauer abgesagt. Wollen Sie zurückfliegen oder bleiben?“
Scheich Ahmed bin Zayed Al Nahyan, der mit einem Segelflugzeug in Marokko in einen Stausee stürzte, war nicht nur der Bruder von Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan, dem Emir von Abu Dhabi und Präsidenten der UAE, sondern leitete auch den größten Staatsfonds der Welt, die Abu Dhabi Investment Authority. Den richtigen Vater oder Bruder zu haben ist im Scheichtum, mehr noch als in der (modernen) westlichen Welt, eminent wichtig.
Die traditionelle Staatstrauer, streng in Abu Dhabi und etwas weniger streng in den anderen Emiraten zu befolgen, bedeutete, dass die schon in Kostümen, hinter der Bühne aufgereihten Ballettdamen, wieder herunterbeordert wurden. Und das bei der einzig ausverkauften Vorstellung des Festivals. Alle Radiostationen spielten nur noch Klassische Musik oder Korangesänge. Leif Ove Andsnes, der am nächsten Abend seine Show „Pictures Reframed“ darbieten sollte, nahm stattdessen den nächsten Flieger nach Hause, und Yundi (ehem. Yundi Li) konnte sich die Reise sparen: Sein Chopin-Abend fiel ins Wasser. Allein das Pferderennen durfte noch beendet werden. Prioritäten gibt es schließlich auch in den UAE.
Ich blieb natürlich, denn auch ein Klassikfestival mit wenigen klassischen Konzerten kann interessant sein, und ich war ja nicht für Leif Ove Andsnes oder Arabella Steinbacher in Abu Dhabi, sondern des allgemeinen Eindrucks wegen. Drei unerwartete Tage Freizeit erlauben einem, richtig herumzuschnuppern, Supermärkte und Moscheen zu besuchen, Restaurants zu erkunden.
Das ganze Land scheint auf den ersten Blick leicht parfümiert zu sein. Der Flughafen. Das Taxi. Das Hotelzimmer. Der Aufzug. Eine in vielen Variationen, immer unterschiedliche Mischung aus Rosen, Apfelrauch und Schuhcreme. Das Klima im April ist schön warm, aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit spürt man schon den heißen Sommer im Nacken, in dem alle Bewohner, die können, das Land verlassen. Später Oktober, November und Februar wurden mir von allen Seiten als ideale Monate in Abu Dhabi empfohlen. In allen anderen Monaten spielt sich das Leben nur in klimatisierten Räumen ab, unterbrochen nur von Ortswechseln in eisig gekühlten Autos und Limousinen.

Abu Dhabi: Sonnenuntergang in der Stadt; Foto: Abu Dhabi Tourism
Emiratis, die nur knapp 20 Prozent der Bevölkerung des Einwander- und Gastarbeiterlandes ausmachen, sind Sportfanatiker, was sich in den vielen Stadien wiederspiegelt, die man schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt Abu Dhabi – eine Insel ähnlich wie Manhattan – sieht. Alles auch zu später Stunde, denn die Emiratis sind Beleuchtungsmeister. Nicht nur die Stadien sind rund-um-die-Uhr beleuchtet. Auf als solche kaum zu erkennenden Baustellen ragen neunarmig grün-schimmernde Tentakeln in den Nachthimmel, wie gigantische Endzeitkraken … es sind die vielen Kräne, die man für Lichtinstallationen halten könnte.
Schnell bemerkt man einen ästhetischen Grundunterschied zum Westen: Prunk – um nicht zu sagen: Protz – ist im Mittleren Osten keineswegs verpönt. Darüber könnte man leicht und sehr selbstgefällig-überlegen lächeln, aber das geht auf eine andere Definition von Luxus zurück. Für den Deutschen – wenn wir schon mal in Stereotypen wühlen – ist Luxus, wenn er seinem Perfektionsdrang freien Lauf lassen kann. Reichtum in einem europäischen Haus zeigt sich am besten in der Küche oder im Bad. Im Mittleren Osten und Süd-Asien ist Luxus eher mit „Schönheit“ beziehungsweise Opulenz verbunden. Die repräsentativen Räume, das Wohn- und Empfangszimmer sind wichtig. Badezimmer nicht.
Das sehr ungestörte Verhältniss zum Prunk erklärt vielleicht auch die „Guinnessbuch der Rekorde Mentalität“ der UAE. Zwar haben Nord Korea, Jordanien, und Turkmenistan inzwischen den höchsten Flaggenmastrekord überboten, aber Abu Dhabi hat immer noch den größten durchgehenden Teppich der Welt, das (angeblich) teuerste Hotel der Welt, und nachdem man dem kleinen Pleitebruder Dubai mal eben mit 20 Milliarden Dollar unter die Arme griff, ist auch das höchste Gebäude der Welt in Dubai nach der Abu Dhabischen Regentenfamilie „Burj Khalifa“ benannt worden. Dabei ist alleine schon die Stadt an sich eine Leistung: Eine grüne urbane Oase, die sich aus der Wüste in die Weltöffentlichkeit entwickelt hat. Ein Las Vegas des Nahen Ostens, mit Pferde- und Kamelrennen anstatt Black Jack.
Und wie in Las Vegas, nur in noch größerem Maßstab, ist auch die Kultur als Statussymbol besonders wichtig. In Nevada gab es eine Heremitage-dépendance, in Abu Dhabi wird kräftig an der Kulturinsel Saadiyat gebaut: Die Guggenheim-Zweigstelle bekommt ein von Frank Gehry ersponnenes Museum. Der Louvre ein hinreißend fragiles UFO-Rund von Jean Nouvel, und für Oper und Konzerte kreierte Zaha Hadid eine Behausung, die aussieht wie eine angeschmolzene Yacht. Tadao Ando präsentiert sich mit einem schockierend geschmackvollen, einfachen, zurückhaltenden Museum für das einzig genuin Emiratische auf der Insel: Ein Museum maritimer Kultur, das auf die tausende von Jahre alte Handels- und Perlenfischertradition des Arabischen Golfes blickt. Diese Insel ist Teil eines fast 30 Milliarden Dollar schweren Projektes, in dem es für das überschaubare Abu Dhabi Festival schon mal schwer sein kann, sich entsprechend bemerkbar zu machen.
Doch nun zum eigentlichen Grund der Reise: Die Schirmherrin und Gründerin des Festivals und der dahinterstehenden Organisation, der Abu Dhabi Music & Arts Foundation (ADMAF), Ihre Hoheit Hoda Al Khamis Kanoo, ist eine zurückhaltend-glamouröse Dame mit großen und hehren Zielen über Kulturaustausch, Respekt und die Zukunft der Menschheit. Konkretes mag sie mit dem Festival zwar geschaffen haben, in einem einer Audienz gleichenden Interview beschränkt sie sich aber auf Plattitüden. Dass auch absolut ernst gemeinte Plattitüden Wert haben, soll hier nicht geleugnet werden; von Frauenrechten und kulturübergreifender Toleranz hört man gerne, besonders in arabischen Ländern. Da übersieht man schon mal die zum Teil spärlichen Zuschauerzahlen des hauptsächlich aus dem Westen stammenden Publikums im Auditorium des wie ein Märchenschloss anmutenden Emirates Palace Hotel.
Der Beitrag von Jazz-Trompeter Wynton Marsalis zu alldem war indirekt, aber sein durch-und-durch professionelles Konzert begeisterte wie kein anderes, das ich besuchte. Kulturaustausch wurde auf der Bühne nicht nur gepredigt sondern vorgelebt. Der irakische Musiker Naseer Shamma, einer der großen Virtuosen der Oud – der federleichten Ur-Laute aus dem Mittleren Osten – kam auf die Bühne und dann improvisierten Marsalis, seine Band und Shamma zusammen in hinreißendem musikalischen Geben und Nehmen. Marsalis bekundete auf der Stelle den Beginn einer wunderbaren Freundschaft und zukünftiger Kooperation. Und Shamma konnte nach dem Konzert am Vorabend mit der Ägyptischen Philharmonischen Gesellschaft – das allerdings ein aus Lautsprechern schepperndes Rossini-Desaster war – glorios beweisen, was wirklich in ihm steckt. Dass bei dem Freiluft Konzert von Il Divo (Pop Lieder auf italienisch übersetzt, mit viel Vibrato und geballter Verstärkerkraft und unter schmachtenden Blicken dem Publikum als „Oper“ entgegengeschleudert) viele Emiratis vor der Zugabe das Weite suchten, spricht für so etwas wie die Existenz eines Kulturübergreifendem Ästhetikverständnisses.
Jalal Luqman, einer der wenigen Emiratischen Künstler von internationalem Rang und erfrischenderweise so gar nicht auf der offiziellen „Make Nice, Not News“-Schiene des Landes, spricht ganz offen davon, dass die UAE versuchen, in weniger als 20, 30 Jahren aufzuholen, was andere Kulturen in 300 oder gar 3000 Jahren aufgebaut haben. Es fehle allerdings noch ein wenig das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in Eigenes, weswegen vom Diabetiszentrum über die Universitäten bis zu den Museen immer ein bekannter westlicher Partner Pate stehen muss. Die ganze Region denke in ikonischen Dimensionen, auch weil die Erfahrung des letzten halben Jahrhunderts dieses Denken bestätigt. Als der Jebel Ali Hafen von Dubai gebaut wurde, wollte keiner an Erfolg oder gar Auslastung glauben. Die Abu Dhabi-Dubai Autobahn, wo vorher nur eine staubige Schotterstraße war, wurde mild belächelt – inzwischen sind beide überlastet. Bis zur Finanzkrise (die Abu Dhabi kaum tangierte) gab es keine Obergrenze. Und so würde nun Kultur aus dem Boden gestampft werden. Jalal meint ganz unumwunden, dass Kultur in den Emiraten zwar auch – aber eben nicht nur – ein Feigenblatt und ein Spielzeug der Reichen sei.
Kultur ist eine Zukunftsinvestition in Abu Dhabi, nicht nur als Tourismusattraktion für die Zeit nach dem Öl, oder um Dubai eins auszuwischen, sondern auch um sich als weltoffene, tolerante und deshalb florierende Gesellschaft zu etablieren. In diesem Plan sind Colin Davis und Krysztof Penderecki zwei der tausend Blumen die im Scheichtum blühen sollen.









R.Grainger
“Das ganze Land scheint auf den ersten Blick leicht parfümiert zu sein.” Autsch. Da hat wohl seine Sinnesorganmetaphern gründlich durcheinandergebracht.
Hinter der Bühne | crescendo
[...] dortigen Klassik Festival erlebte und warum er zu einem schlechten Zeitpunkt ankam, lesen Sie unter „Einmal Abu Dhabi und zurück“. Christian Strauss und Paul Gulda; Foto: Bob [...]
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