Einmal selbst Venus sein – oder zum Cocktail den Walkürenritt erleben

Public Viewing Siemens Festspielnacht, Foto: Stefan Obermaier
Das dritte Public Viewing auf dem Bayreuther Festplatz mit „Walküre“ und der Kinder-Version von „Tannhäuser“
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Der junge, revolutionäre Wagner hatte selbst diese fixe Idee: Freien Eintritt in die Festspielaufführungen des „Rings“ zu gewähren, alle Menschen mit seinen Ideen und seiner Musik zu infizieren und am besten noch umzuerziehen. Letzteres schaffte auch das dritte „Public Viewing“ am Samstag auf dem Bayreuther Volksfestplatz natürlich nicht – ersteres vielleicht schon. Denn nicht nur Bayreuth-Liebhabern, die seit Jahren auf eine Karte warten und extra für diesen Event anreisten, sondern auch etliche Opernanfängern, die einfach mal „nur so reinschauten“, konnte man am Samstag bei der Live-Übertragung der „Walküre“ begegnen. Einstiegsbarrieren sind bei diesem Opern-Volksfest nicht vorhanden: Man nehme sich einen Campingstuhl und einen Picknickkorb oder lasse sich in den schönen Liegestühlen am Beach nieder, verpflegt durch allerlei Köstlichkeiten der Bayreuther Gastronomen. Dort ein Plausch, hier andächtige Aufmerksamkeit – alles ist hier möglich. Wie im vergangenen Jahr waren es rund 20.000 ständig auf dem Volksfestplatz präsente Besucher (etwa 40.000 wurden beim Eintritt über den ganzen Abend hinweg gezählt), die bei der Live-Übertragung der „Walküre“ aus dem Festspielhaus im Rahmen der von Siemens gesponsorten Festspielnacht dabei waren.
Das größte Lob in diesem Jahr gilt der Übertragung der Kinderoper „Tannhäuser“ am Vormittag und vor allem dem anschließenden Wagner-Erlebnisparcours der Theaterpädagogin Ursula Gessat von der Bayerischen Staatsoper München. Toll, was man da alles erleben kann: Die kleine Alina malt eben ganz konzentriert an den feuerroten Haaren ihrer Venus, die neben vielen anderen Kinder-Kunstwerken die Plakatwände rings um den Parcours schmückt. Alina selbst trägt im eigenen Haar dekorative Silberbänder und hat einen glitzernden Blitz auf der Wange. „Ich bin doch selbst Venus“, erklärt sie und strahlt über das gelungene Werk einer Maskenbildnerin. Venus ist in punkto Schminken und Verkleiden der Renner an diesem Nachmittag – für die anwesenden Jungs ist es eher die Nebelmaschine in der Abteilung Bühnentechnik, die gar nicht mehr aufhört, weißen Dampf zu spucken. Mitten im Nebel steht Festspiel-Beleuchterin Stella Kasparek und zeigt, wie das „Rheingold“ auf der Bühne aussieht: Goldene Pailletten glänzen da zwischen blauen Flusskieseln. Sie wird ganz traurig, als sie erzählt, dass diese Produktion einen Tag zuvor „abgespielt“ wurde. Wehmut kennen die Kids freilich nicht – sie finden es klasse, wenn Herbert Häming (Requisitenleiter der Bayerischen Staatsoper) ihnen erlaubt, sich gegenseitig einen Bierkrug übern Kopf zu hauen: „Das ist Crashglas, da kann nichts passieren, es zerfällt sofort in kleinste Plastikteilchen“.
Am schönsten aber ist die Erfahrung des 4-jährigen Dennis, der vor fünf Streichern aus dem Bayreuther Festspielorchester den „Einzug der Gäste“ aus dem „Tannhäuser“ dirigieren darf. Und die Musiker spielen exakt, wie der junge Herr es vorgibt. Da strahlt Dennis aus kugelrunden blauen Augen und hat schon einen Berufswunsch für später. Begeistert ist auch Festspielleiterin Katharina Wagner – und stellt sich mit allen Nachwuchs-Dirigenten und Venus-Anwärterinnen zum Foto, muss von den Kids bemalte T-Shirts signieren, ist fröhlich und sichtlich in ihrem Element.
Dass sich die ab Nachmittag gezeigte „Walküren“- Inszenierung von Tankred Dorst zumindest in den ersten beiden Aufzügen nicht optimal fürs Public Viewing eignet, muss dennoch erwähnt werden. „Ich weiß ja, wie’s weitergeht“, schmunzelte der sympathische Autor und scheidende Bayreuth-Regisseur in der VIP-Lounge. Viele aber konnten das nicht wissen – denn dank prächtigstem Sonnenschein war Siegmunds und Sieglindes Liebesrausch leider nur in Grundzügen auf der Leinwand erkennbar (und hörbar, denn der sonst brillante Ton hatte hier einige störende Aussetzer). Auch bei des Gottes Wotan Verstrickungen im zweiten Aufzug dünkte viele dunkel der Sinn. Erst, als die rot glänzenden Walküren nach Sonnenuntergang reiten durften, war das Bild brillant. Freilich: Das hoch konzentrierte Erlebnis im Festspielhaus selbst ist mit dieser Übertragung nicht zu vergleichen. Lässt man sich aber ein auf diese Mischung aus Volksfest und Opernevent, kann man seinen Spaß daran haben. Während Wotans Götternot bauen fröhliche Kinder unbeschwert im Sand ihr eigenes Walhall – zum „Hojotoho“ der kriegerischen Töchter des Gottes klimpern die Eiswürfel im Cocktailshaker und zu Brünnhildes feurigem Abschied hört man das eine oder andere „Prost“! Auf ein Wiedersehen beim rattenscharfen „Lohengrin“, der im nächsten Festspiel-Jahr zum Opernerlebnis für alle wird.









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