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Elisabeths wahre Schattenseiten

23. Oktober 2009

Musical “Elisabeth”, Markus Pol als Kaiser Franz Joseph, Annemieke van Dam als Elisabeth; (c)  Herbert SchulzeImmer noch unvergleichlich: Das Musical „Elisabeth” hatte in München Premiere

Von Barbara Angerer-Winterstetter

„Kitsch” sei das alles, schreit Sissis Mörder Lugi Lucheni, getarnt als Andenkenverkäufer: von wegen Harmonie bei den Kaisers, von wegen Eintracht zwischen Mama Sissi und Sohn Rudolf, von wegen strahlende Kaiserin! Denn Elisabeth, die Kaiserin von Österreich, war anders. Das bayerische Naturkind, dressiert zur Kaiserin, unterdrückt von der Schwiegermutter, an der Seite eines zu schwachen Mannes – eine einsame, traurige Kaiserin. Aber eben auch eine Egoistin, die dauerreisend ihren Kopf durchsetzte und doch nur vor sich floh, die ihren Sohn abschob und in dekadent in Litern von kostbarer Milch badete.

All diese Aspekte, die uns das Musical „Elisabeth” zeigt, sind – folgt man der Biografie von Brigitte Hamann – ziemlich dicht dran an der Realität dieser über die Jahre hinweg verbitterten Frau. Das Werk von Autor Michael Kunze und Komponist Sylvester Levay, stieg nach der Weltpremiere 1992 in Wien bald zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musical auf. Die Premiere der Neuinszenierung auf Basis der Wiener Produktion im Deutschen Theater München (Musicalzelt Fröttmaning) bewies es aufs Neue: „Elisabeth” ist immer noch einmalig gut. Weil die Geschichte, von hinten aufgerollt als Rechtfertigung des Sissi-Mörders und als Liebesgeschichte zwischen Elisabeth und dem Tod, anspruchsvoll und zugleich packend gestaltet ist. Weil die Musik die richtige Mischung findet aus unvergesslichem Ohrwurm, emotionalen Tönen und großen, rockigen Ensembles. Und vor allem: Weil die Regie abermals vom großartigen Harry Kupfer stammt, der (nicht nur) meine Vorstellung von Regietheater vor allem in Bayreuth und Berlin maßgeblich geprägt hat.

Tempo und Tiefe, aber auch witzige Einfälle (die Hofschranzen als Lipizzaner, die Welt als Kaffeehaus mit sich drehenden Tischen) prägen die Regie – und die Bühne ist dank geschicktem Einsatz dauernd in Bewegung. Verändert und modernisiert hat sich das Bühnenbild (Hans Schavernoch), das nun mehr mit Projektionen arbeitet, weil die Produktion ja auf Reisen gehen will. Fast kubistisch in verschiedene Ansichten zerlegt zeigt die Bühne (vorwiegend) ein Zerrbild Wiens, ein Zerrbild eben jener kitschigen Wein-Weib-Gesang-Romantik.

Vorbildlich auch die Besetzung des Stücks mit einem in sich geschlossenen Ensemble, in dem sogar ein 8-Jähriger als Rudolf bravourös singt (Simon Harner). Eine Idealbesetzung als Elisabeth ist Annemieke van Dam: Bezaubernd in der Erscheinung, charmant in der Ausstrahlung, aber auch wandelungsfähig vom jungen Mädchen zur verhärmten Kaiserin verströmt sie sich mit großem Stimmvolumen und viel Sensibilität. Von ungeheurer (beinahe androgyner) Anziehungskraft ist auch der Bregenzer Musicalstar Oliver Arno als Tod – ein ebenbürtiger Gegenspieler oder gar Geliebter? Herrlich schwankend: Markus Pol als Kaiser Franz-Josef, zupackend Bruno Grassini als Lucheni. Daniel Behrens hat als Dirigent alles souverän im Griff.

Ein Ausflug ins Musicalzelt in München-Fröttmaning (neben der Allianz-Arena) lohnt sich übrigens nicht nur wegen der Wieder- oder Erstbegegnung mit einem ausgezeichneten Musical, sondern auch wegen des erstklassigen Sounds, der guten Sicht – und weil man hier schon im Foyer und Restaurant von passenden Walzerklängen empfangen und eingestimmt wird.

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