Es ist fünf vor zwölf für die Klassik
Zu den Ergebnissen des 1. Jugend-KulturBarometers
Von Susanne Keuchel
Ist die Veralterung des Klassikpublikums ein natürliches Phänomen? Noch wähnen sich einzelne Veranstalter in Sicherheit, weil sie glauben, die Jugend kehre im Alter zur Klassik zurück. Die Frage nach dem Nachwuchspublikum rückt jedoch zunehmend in den Fokus der Kulturpolitik und war auch der Auslöser für die Durchführung eines groß angelegten empirischen Forschungsvorhabens, dem 1. Jugend-KulturBarometer. Finanziert wurde diese Umfrage von drei Stiftungen und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. 2.625 junge Leute im Alter von 14 bis 24 Jahre wurden 2004 bundesweit in bis zu einstündigen Interviews zu ihren aktuellen kulturellen Interessen und Einstellungen befragt. Ziel der Studie war neben einer Bestandsaufnahme, wann, mit wem, wie oft im Verlauf der Kindheit kulturelle Angebote besucht wurden, auch das Entwickeln von Strategien, wie und wo man junge Leute “abholen” kann, um sie zu klassische Kultur zu motivieren.
Junge Leute sind nicht “kulturverdrossen”!
Junge Leute interessieren sich anteilig sogar etwas stärker für das Kulturgeschehen in der Region als die erwachsene Bevölkerung ab 25 Jahre, da sie über ein höheres Zeitbudget für Freizeitaktivitäten verfügen, wie übrigens auch Rentner. Sie setzen jedoch beim Besuch von Kulturangeboten deutlich andere Akzente als ältere Bevölkerungsgruppen. Musik steht auf Platz eins, hier jedoch vor allem populäre Musikrichtungen wie Pop, Rock oder Hip-Hop. Nur 9% interessieren sich explizit für Klassik, 3% für Opernmusik. Dass 20% schon einmal ein klassisches Musikkonzert und 19% eine Oper besucht haben, ist den Vermittlungsbemühungen von Schule und Elternhaus geschuldet.
Das Klassische Theater hat ähnliche Nachwuchssorgen wie Konzert oder Oper. Besser gestellt ist das Moderne Theater, das zwar eine kleine Fangemeinschaft hat, in der sich aber anteilig sogar etwas mehr junge Leute befinden als Erwachsene ab 25 Jahre. Auch die Bildende Kunst hat heute (und das war nicht immer so) anteilig bei Jung und Alt gleich viele Interessenten zu verzeichnen. Vom Nachwuchsschwund sind also nicht alle Kultursparten gleichermaßen betroffen.
Künstlerisch-kreative Aktivitäten stehen bei den jungen Leuten hoch im Kurs: Waren 1973 beispielsweise 20% in der Freizeit künstlerisch-kreativ, malten, tanzten oder musizierten im klassischen Sinne, lag der Anteil 2005 bei 28%. Berücksichtigt man zudem neue künstlerische Ausdrucksformen, wie Graffittisprayen oder Streetdance, die aus Vergleichsgründen im Zeitvergleich nicht berücksichtigt wurden, liegt der Anteil junger Hobbyaktivisten sogar bei 48%. Die vermehrten künstlerischen Aktivitäten bieten einen wichtigen Ansatzpunkt für die Kulturvermittlung. Denn junge Leute, die ein Musikinstrument spielen, egal ob E-Gitarre oder Geige, sind klassischen Musikkonzerten gegenüber deutlich aufgeschlossener. Hier setzen einige Orchester schon erfolgreich an: Die Tonhalle Düsseldorf präsentiert zum Beispiel mit einer neuen Reihe “Big Bang” junge Orchester und auch das eigene Jugendsinfonieorchester” (JSO), welches aus einer Kooperation mit der Düsseldorfer Clara-Schumann-Musikschule hervorgegangen ist.
Jugendliche wollen als Zielgruppe ernst genommen werden
Neben der fehlenden Bereitschaft, für Kulturbesuche zuviel Geld auszugeben, beklagen sich junge Leute vor allem über das Ambiente vieler klassischer Kulturhäuser, das auf die Bedürfnisse älterer Besucher zugeschnitten sei und keinen “Wohlfühlfaktor” garantiere. Damit erklärt sich auch der Zuspruch der Jugend für zeitgenössische Bildende Kunst, die sich in Kunsthallen mit integriertem Museumscafé präsentiert, deren Architektur und Design die Jugend anspricht.
Allgemein möchte die Jugend als Zielgruppe ernst genommen werden. Dies spiegelt sich in ihren Wünschen nach Präsenz junger Künstler, mehr Jugendclubs, mehr Berücksichtigung von Jugendthemen etc. wider. Dies beinhaltet auch eine Angleichung der Servicegestaltung an den Bedarf junger Zielgruppen, wie beispielsweise Kulturbesuche spontan und flexibel zu ermöglichen durch den Erwerb von Last-Minute-Karten.
In den Alltag junger Leute eindringen
Je mehr Multiplikatoren, wie Schule, Kindergarten, Elternhaus, Verein, Kirchengemeinde- etc., in der Kulturvermittlung aktiv waren und je früher diese ansetzte, desto erfolgversprechender sind die Chancen, junge Menschen zu Kultur zu motivieren. Von den jungen Leuten, die bereits im Vorschulalter ein Museum, Theater oder Konzert besucht haben, sind heute 43% stark kulturinteressiert. Von denjenigen, die erst mit 16 Jahren eine Kultureinrichtung besucht haben, ist es nur noch jeder Fünfte.
Wichtig ist auch eine angemessene Präsenz der klassischen Kultur in den Medien, vor allem im Fernsehen. Auch die aktuelle Erfahrungswelt der Jugend gilt es stärker zu berücksichtigen, wie die Vorliebe für Stars als Vorbilder und die Beschäftigung mit deren persönlichem Umfeld. Diese Konzentration auf den Personenkult findet langsam, aber stetig auch Eingang in den Klassiksektor, man denke an die Vermarktung von Anna Netrebko, Nigel Kennedy oder Sol Gabetta.
Dr. Susanne Keuchel ist Direktorin des Zentrums für Kulturforschung (ZfKf). Die Ergebnisse des 1. Jugend-KulturBarometers wurden 2006 in Buchform veröffentlicht.









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