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Es macht irrsinnig Spaß, Scarlatti zu spielen

17. Mai 2010
Pianist und Dirigent Christian Zacharias

Pianist und Dirigent Christian Zacharias; Foto: Nicole Chuard - www.nicolechuard.ch

Wenn es einen uneitlen, dabei absolut gewissenhaft und akribisch arbeitenden Musiker gibt, der ohne aufgesetzte Allüren seinen ureigenen Weg geht, dann kann es sich dabei eigentlich nur um „das Phänomen Christian Zacharias handeln“ – auch, wenn der diese Bezeichnung vermutlich selbst nicht akzeptieren würde. Ein Interview mit dem Pianisten, Dirigenten und Leiter des Lausanner Kammerorchesters.

Von Burkhard Schäfer

crescendo: Sie arbeiten als Dirigent, Pianist und Leiter des Lausanner Kammerorchesters. Wie schaffen Sie dieses Pensum an künstlerischer Arbeit?

Christian Zacharias: Solch eine Situation ist einfach ein logistisches Problem. Man muss wissen, wie man die Aufmerksamkeit für die verschiedenen Dinge aufteilen muss. Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel die Frage: Wann muss ich für das Orchester hundertprozentig da sein? Und dann muss ich schauen, ob dies mit anderen Punkten kollidiert. Der schwerste Moment in meinem musikalischen Leben ist, simpel gesagt, genau der, wenn sich das Orchester in einer ziemlich komplizierten Phase befindet und ich die Aufmerksamkeit aufteilen muss.

crescendo: Als Dirigent braucht man nicht nur ein gutes Orchester, sondern vermutlich eine Riesen-Portion Vertrauen, oder?

Zacharias: Mit guten Musikern können Sie die schwierigen Stellen eines Musikstückes proben wie in einem Theater. Ist der Verlauf geprobt, kann ich in dem Moment auf das Orchester vertrauen. Das gibt mir Raum, mich auch auf meinen Part zu konzentrieren. Mit dieser Art von Organisation habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. So lernt das Orchester Schritt für Schritt mit mir, und das Ganze bekommt am Ende eine Eigendynamik.

crescendo: Und dabei stoßen Sie nie an Ihre Grenzen?

Zacharias: Bei einem extrem schwierigen Stück wie etwa dem ersten Klavierkonzert von Chopin kann ich nicht mehr gleichzeitig den Klavierpart machen und auf den Dirigenten verzichten. Denn als Dirigent müssen Sie ja hören und antizipieren, was das Orchester machen wird. Und dieses Vorahnen muss der Dirigent dem Orchester mittels seines Dirigentenstabes weitergeben. Es ist generell für ein Orchester wahnsinnig schwer, so eine probate Kunst wie ein Chopin-Konzert zu begleiten, weil die Orchestermusiker spüren müssen, wie der Pianist jetzt spielt. Und auch der Pianist muss ihnen schon einen Wink geben, wie das Stück weiter laufen wird. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist beinahe die Quadratur des Kreises. Das ist mir mittlerweile zu schwierig, deshalb hole ich einen Dirigenten dazu.

crescendo: Sie haben auch in Filmen mitgewirkt. Was macht für Sie den Reiz des bewegten Bildes aus?

Zacharias: Es handelt sich dabei um Dokumentarfilme eines Musikers über Musik. Einige der Filme wurden in Frankreich gedreht. Der erste war über Scarlatti, dann Schumann und schließlich Bruckners 9. Sinfonie. Etwas anders gestaltete sich der Film für die Euro Arts, der das Leben des Musikers hinter der Bühne, also sozusagen zwischen Garderobe und Podium, zeigt. Gerade hinter der Bühne erlebe ich manchmal meine schönsten Momente und da ist das Publikum gar nicht dabei. Deshalb wollte ich auch dieses Leben einmal auf Celluloid bannen.

crescendo: Können Sie uns etwas über diese schönsten Momente verraten?

Zacharias: So ein Moment kann sich in einem kleinen Hinterzimmer einstellen. Ich spiele auf einem mittelmäßigen Instrument die „Nocturne“ von Chopin und merke auf einmal: So muss sie klingen! Und dazu gehört dann die ganze Aura, diese Beziehung zwischen dem schlechten Instrument und der unkonventionellen Umgebung. Gerade dort kann sich große Kunst einschleichen. Oder wir zeigen Situationen bei einem Ferienkurs, wo wir über Musik sprechen. Ich möchte dem Publikum gerade diese Momente zeigen, dieses Leben mit der Musik, das es so im Alltag nicht miterleben kann. Derartige Filmaufnahmen liegen mir sehr am Herzen.

crescendo: Wenn Sie die wichtigsten Momente in einer unscheinbaren Umgebung schildern, das klingt ja fast nach einer kafkaesken Situation …

Zacharias: Ja, wie auch im Studio. Der schalldichte Raum und man könnte meinen, man ist dort völlig isoliert und keiner merkt, wenn einem etwas passieren sollte, das ist wirklich surreal. (lacht)

crescendo: Was ist das Geheimnis Ihrer „kompromisslosen Individualität“?

Zacharias: Ich weiß, dass ich keine meiner musikalischen Vorstellungen verraten habe. Ich habe meine Sachen durchgezogen, und wenn ich was nicht machen konnte oder wollte, dann habe ich es auch gelassen. Ich befinde mich jetzt in einem Alter, in dem ich bei mir selbst angekommen bin. Ich denke, jede Karriere benötigt einen gewissen Zeitraum, um dies zu erreichen. Meinen Weg habe ich konsequent gestaltet mit Haydn-Sinfonien, Schumann, Brahms, dann kam Bruckner. Einen Komponisten nach dem anderen habe ich mir in mein Repertoire geholt, und zwar so, wie es meinem Bedürfnis und meinem musikalischen Erleben entsprach. Ich habe nichts geplant, sondern musste einen Stein nach dem anderen setzen. Ich glaube, das ist das Geheimnis meiner sogenannten Individualität: Die Komponisten habe ich immer so gespielt, wie sie für mich kommen mussten.

crescendo: Ihre Aufnahme der Sonaten von Domenico Scarlatti ist zu Recht berühmt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Was reizt Sie so an diesem Komponisten?

Zacharias: Erstens einmal macht es vom rein sinnlichen her irrsinnig Spaß, Scarlatti zu spielen. Scarlatti hat in einem Stil geschrieben, zu dem andere Komponisten erst viel später fanden: Mit sinnlicher Virtuosität. Dies macht ihn unverwechselbar. Scarlattis Verdienst ist es, dass er die Tür zur Klassik geöffnet hat. Er hat bereits die Harmonien der Klassik in seiner Musik vorweg genommen. Bei ihm lassen Mozart und Haydn schon grüßen, das ist das Moderne an ihm. Und man kann hier im Rahmen der kleinen Disziplin „Scarlatti-Sonaten“ lernen und als Künstler merken: Hier bin ich gut, hier kann ich alles ausreizen. Dies empfinde ich als phänomenal.

crescendo: Sie haben Bach-Arien ohne Fugen gespielt und sich dabei nicht nur Freunde gemacht …

Zacharias: Die Arien zählen zu meinen absoluten Lieblingsstücken. Es wird dabei leider nur immer über das gesprochen, was fehlt. Es ist eine Liebeserklärung an Bach, aber an den anderen Bach, den Bach der Trio-Sonaten. Aber kein Mensch darf etwas gegen Fugen sagen, denn die sind ja heilig. Ich habe später von Barock-Kennern erfahren, dass Bach selbst seinen Söhnen die Arien ohne Fugen zum Spielen gegeben hat. Ich spüre eben ein Bedürfnis aus der Musik heraus, dem gehe ich nach und entscheide, in welcher Form ich das Stück selbst spiele.

crescendo: Was bringt die Zukunft?

Zacharias: Ich bin gerade sechzig geworden und ein paar schöne Dankes-Projekte wurden in der Alten Oper in Frankfurt geplant, die ein Porträt mit vielen verschiedenen Facetten zeigen. Der Scarlatti-Film wird vorgeführt und hinterher spiele ich diesen Komponisten eine Stunde lang. Oder ich mache einen Schubert-Liedwerkabend mit Mark Padmore. Dann dirigiere ich zwei Orchester, das wird ganz besonders spannend. Sie sehen, ich habe eine ganze Menge zu tun (lacht).

CD "Robert Schumann", Zacharias

CD "Robert Schumann", Zacharias; MDG

Christian Zacharias CD „Robert Schumann“ ist gerade bei MDG erschienen.

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