Facettenreiches Überwältigungstheater
Stefan Herheims „Parsifal“ begeistert auch im dritten Bayreuther Aufführungsjahr /
Der Abend von Christopher Ventris und Kwangchul Youn
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Nach dem fulminanten Auftakt mit Neuenfels‘ „Lohengrin“ ist er der Hingucker der Bayreuther Festspiele 2010: Stefan Herheims von der „Opernwelt“ zur Inszenierung des Jahres 2009 gewählter Bayreuther „Parsifal“. Von Bayreuth-Insidern in Anlehnung an den großen „Jahrhundertring“ (1976-80) als der „Chéreau der Jetztzeit“ gehandelt, gibt es fürs Regieteam am Schluss zwar immer noch leichten Widerspruch, vor allem aber stehende Ovationen. Und das völlig zu Recht, denn Herheims „Parsifal“ ist ein Stück Überwältigungstheater, atemberaubend in seinen sich ständig wandelnden Bühnen- und Ausstattungsvisionen (Heike Scheele, Gesine Völm), zudem aber auch intellektuell durchdacht, ohne dabei belehrend zu wirken.
Die Inszenierung agiert auf drei Interpretationsebenen: Neben der psychologisch durchleuchteten Geschichte des Erlösers Parsifal, der vom Knaben zum Mann reifen muss, erleben wir die Geschichte der deutschen Nation, die ihre diversen Erlöserfiguren aufzuarbeiten hat – und gleichzeitig die Erlösungssuche der Wagnerianer in Bayreuth und im Bühnenweihfestspiel „Parsifal“. Dabei sind die drei Ebenen stets aufs kunstvollste miteinander verschränkt und ineinander verwoben. Etwa, wenn sich in Wagners 1945 durch einen Luftangriff zerstörtem Wohnhaus Wahnfried die Szene des Karfreitagszaubers abspielt. Ein anrührender Moment des Neuanfangs, der durchs Auftreten von Trümmerfrauen in seiner Wirkung noch verstärkt wird. Sei es in Wahnfried, in Paul von Joukowskys Uraufführungs-Gralstempel oder im letzten Bild auf der Neu-Bayreuther Bühne, die auf der geschichtlicher Eben mit den Anfängen der jungen Bundesrepublik im Bonner Bundestag zusammen fällt: Herheims Inszenierung glänzt mit einer Überfülle an klugen Ideen, Inspirationen und Details, die sich dem Besucher aber wohl erst bei mehrmaligem Ansehen in ihrer ganzen Bandbreite erschließen. Gerade aus dieser Hinsicht wäre es äußerst wichtig, diese bahnbrechende Bayreuther Produktion auf DVD zu verewigen. Was ärgerlicherweise nicht geschehen wird: Als einzige aktuelle Festspielproduktion wird sie wohl nicht für die Nachtwelt dokumentiert werden – eine unverständliche Entscheidung der Festspielleitung.
Musikalisch gehörte der Premierenabend zwei Sängern: Christopher Ventris hatte als Parsifal einen ganz großen Abend, kostete die lyrischen Qualitäten seines strahlenden Tenors aus, machte aber an diesem Abend seine Stimme auch ganz groß auf und ließ wundervoll kultivierte heldische Töne hören. Ein exzellenter Ohrenschmaus, der Lust auf weitere Aufgaben in Bayreuth macht! Ihm ebenbürtig der großartige Kwangchul Youn: Keiner artikuliert so glasklar wie er und gestaltet dabei so rund und schön den Gurnemanz – und das nach zwei beanspruchenden „Ring“-Partien an den beiden Vorabenden. Susan Maclean, die 2008 mit einer Dresdner Kundry von sich hören machte, sang diese Partie erstmals auf dem Hügel und stellte damit ihre Vorgängerin Mihoko Fujimura in den Schatten, die eindeutig besser in ihre aktuelle Partie als Fricka passt. Maclean verfügt über eine samtige, satte Tiefe, mobilisiert im zweiten Aufzug beachtliche dramatische Qualitäten und überzeugt nur in den etwas spitzen Höhen nicht restlos. Eine ihrer großen Zusatzqualitäten: Diese Sängerin kann sehr expressiv spielen und ist äußerst bühnenpräsent – auch in Aufzügen wie dem dritten, in dem Wagner ihr gerade noch zwei gesungene Worte gönnt. Weiterhin ein überraschend lyrischer Amfortas ist Detlef Roth, Thomas Jesatko ein vielleicht etwas zu wenig dämonischer Klingsor. Und über allem schwebt auch diesmal der Bayreuther Festspielchor als einzigartiger Vokal-Klangkörper.
Auffallend in diesem Jahr: Dirigent Daniele Gatti, der noch im ersten Aufzug die Tempi ohne innere Spannung zerdehnte, legte einen überraschend expressiven zweiten und einen von breitem, aber zwingendem Fluss getragenen dritten hin. Gatti ist kein Mann fürs Pathos, dafür aber hören sich viele Stellen der Wagnerschen Musik bei ihm leicht und lyrisch, schwebend und durchhörbar an. Schön, dass diese zwingende Inszenierung nun auch durch solch interessante musikalische Facetten ergänzt wird!









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