Festival der Auseinandersetzung

Tiroler Festspiele Erl, Bühnenprobe 2010; Foto: Richter-Lux
In der Sommersonne des 10. Juni sticht die imposante Architektur des Gebäudes im Inntal fast skurril heraus in seinem glatten Weiß, eingebettet in satte grüne Wiesen, umgeben von den Tiroler Bergen. So außergewöhnlich, wie dieses Festspielhaus, so außergewöhnlich versprechen die diesjährigen Operninszenie-rungen zu werden. Dafür bürgt schon der Name Gustav Kuhn, der für den „Fliegenden Holländer“ in einer öffentlichen Bühnenprobe mit einem riesigen roten Tuch gekonnt hantiert: ein echtes Gennaker-Segel (89m²) aus der Segelmacherei Hubert Raudaschl mit Sitz am Wolfgangsee, wurde hier erstmals im Passionsspielhaus gehisst.
Er greift bei seiner Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ nicht nur auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Dirigent und Regisseur zurück, sondern kann auch einen noch ganz anderen Aspekt seiner Karriere einbringen: Gustav Kuhn blickt nämlich auf eine beeindruckende Laufbahn als Spitzensegler zurück: Österreichische Olympiamannnschaft im Soling, mehrfacher Staatsmeister, unter anderem im „Flying Dutchman“, sind nur einige wenige der sportlichen Highlights in seinem Leben. Er versetzt die Handlung des „Fliegenden Holländers“ in die moderne Regattaszene. Das Segeln als Grundelement der Oper, von Wagner selbst in den Vordergrund gerückt, dieser Gedanke wird im Regie- und Ausstattungskonzept umgesetzt.
Ein „Festival der Auseinandersetzung“ zu bieten ist das Ziel. So wird altehrwürdiger Opernstoff von überkommenen Interpretationsmustern befreit, die musikalische und dramatische Substanz der Werke kann in den Vordergrund treten. So auch bei der zweiten Operninszenierung der diesjährigen Tiroler Festspiele: Für die „Zauberflöte“ gibt es eine besondere Erweiterung der Besetzung: die Schauspielerin Brigitte Karner wird die Rolle des Sarastro sprechen. Gemeinsam mit Pavel Shumlevich (Bass) ist Sarastro somit im Wortsinne „doppelgesichtig” besetzt. Die Ambivalenz von Maskulinität und Femininität soll das oft missverständlich interpretierte Frauenbild und das Verständnis der „Weisheit” in der „Zauberflöte“ kritisch prüfen und erweitern.
Brigitte Karner erklärt im Gespräch mit Gustav Kuhn: “Wenn ich die weibliche Seite der ‚Weisheit’, des Sarastro, bei den Tiroler Festspielen Erl präsentiere, bin ich ganz ich – mit dem, was ich bin, mit meiner weiblichen Präsenz, zeige ich diese andere Komponente des Sarastro, ohne die die Weisheit, die er verkörpert, nicht denkbar ist“. Die österreichische Theaterschauspielerin Brigitte Karner, die auch bei zahlreichen internationalen Film- und Fernsehproduktionen sowie in Krimiserien wie „Tatort“, „Ein Fall für Zwei“ und „Derrick“ mitwirkte, feierte zuletzt mit dem 80-Minuten-Monolog „Gute Nacht Okapi“ grandiose Erfolge. Seit Mai 2010 steht sie in der (männlichen!) Titelrolle von Molières „Der eingebildete Kranke“ am Landestheater Salzburg auf der Bühne. Besonders beliebt sind auch ihre Lesungen und Rezitationsabende mit ihrem Mann Peter Simonischek.
Die Auseinandersetzung mit Wind und Wetter und mit der Ambivalenz von Maskulinität und Femininität ist eine selbsterwählte Aufgabe, die der ungebrochen getriebenen Dynamik Gustav Kuhns entspricht.
Weitere Informationen finden Sie unter www.tiroler-festspiele.at









Einen Kommentar schreiben