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Gebt der Neuen Musik eine Chance!

11. September 2009

Sinn Yang; (c) Classic KwonDie 27-Jährige koreanische Geigerin Sinn Yang wird in der nächsten Spielzeit am Staatstheater Nürnberg eine Stelle als 1. Konzertmeisterin antreten. Exklusiv für crescendo machte sie sich Gedanken über das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe: Neue Musik.

Von Sinn Yang

Als ich im vergangenen Jahr einen Wettbewerb des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft gewonnen hatte, bekam ich einen unglaublichen Preis: Jörg Widmann komponierte für mich ein eigenes Solo-Stück. Eine Étude nur für mich – was für ein Traum! Die Uraufführung war ein besonderer Moment. Es lag etwas Heiliges darin, diese bislang ungehörte Musik den Menschen weiterzugeben, vielleicht ein wenig mit einer Geburt vergleichbar. Auch ihre Ersteinspielung hob sich von den anderen Aufnahmen ab, die ich zuvor für meine Debüt-CD gemacht hatte. Im Gegensatz zu den anderen Werken von Schubert, Bartók und Debussy hatte ich keinerlei Bezugspunkt wie zum Beispiel eine Aufführungstradition. Man läuft wie ins Leere, alle bislang gelernten Regeln sind aus den Angeln gehoben. Aber ich machte eine für mich bemerkenswerte Beobachtung: Die Hörer meiner Debüt-CD wurden nach bekannten Werken von Schubert, Debussy etc. bei Widmann plötzlich still. Sie lauschten intensiv den ungewöhnlichen Klängen und wunderten sich. Ich hatte das Gefühl, die Musik sprach sie unmittelbar an.
Dieses Erlebnis war für mich ein Schlüsselerlebnis. Widmanns Werk war ein Anstoß an die Ohren, vielleicht auch an unsere Seele, damit wir kurzzeitig einen kleinen Richtungswechsel vollziehen und der Neuen Musik eine Chance geben, uns mit ihr beschäftigen.

Leider denken viele Musiker nicht so und ich stelle mir oft die Frage, woran das liegt. Warum stößt neue Musik – selbst die der größten Meister wie Bach und Schubert – auf das Unverständnis ihrer Zeitgenossen?
Ein Beispiel: Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo gehören heute zu den größten Werken ihrer Art. Was aber nicht alle wissen, ist, dass es an die 100 Jahre brauchte, bis sie einem breiten Publikum bekannt gemacht wurden. Joseph Joachim war einer der Pioniere, der ihre wahre Größe erkannte und sie öffentlich aufführte. Sein unschätzbarer Einsatz wurde damals von dem berühmten Kritiker George Bernard Shaw beschrieben, er habe “Töne produziert, nach denen der Versuch, eine Muskatnuss auf einer Schuhsohle zu reiben, sich wie eine Äolsharfe angehört hätte”.

Neue Musik sucht immer – damals wie heute – den Grenzübergang. Das Ungewohnte, Revolutionäre scheint Menschen seit Generationen zu befremden. Aber selbst Mozart, der zu allen Zeiten die Liebe des Publikums genoss, schrieb seinem Vater 1782: “Echte Perfektion in allen Dingen kennt man nicht mehr oder wird nicht mehr geschätzt – man muss Musik schreiben, die entweder so einfach ist, dass ein Kutscher sie singen kann – oder so uneinsichtig, dass das Publikum es einfach mag, weil keine gesunde Person sie verstehen kann.”

Verstehen wir denn wirklich die Musik Mozarts und der anderen bekannten Meister in all ihrer Tiefe und “Uneinsichtigkeit”? Ist es nicht das Anliegen des heutigen Interpreten, das Unverwechselbare, manchmal auch Schockierende der Werke vergangener Zeiten zu erspüren und anzupassen? Ist dieses immerwährende “fine-tuning” unserer Ohren und unseres Geistes nicht Grundvoraussetzung, Musik, egal aus welcher Zeit, aufzunehmen und zu verstehen?

Ich hatte Widmanns ganz persönliche Klangästhetik bis zu unserer Zusammenarbeit auch nicht gekannt. Aber ich lernte, dass Widmann genau wusste, was er kreiert hatte: Er bemerkte jede noch so kleine Abweichung. Jede Note seiner Étude war absolut so und nicht anders gewollt. Zudem erfuhr ich “Schönheit” aus der Perspektive des Komponisten ganz neu. So beschrieb Widmann eine Stelle, die “sul ponticello” (am Steg) gespielt werden soll, einer im klassischen Sinn “hässlichen” Klangfarbe, als Paradies! Das erstaunte mich, aber es war für mich ein wichtiger Wendepunkt, an dem sich mein Klangempfinden in Widmanns Kontext einzufügen begann. Irgendwann nistete sich die Musik im Körper ein, wurde sogar zu einem Körpergefühl. Wir sollten in Neuer Musik ein Privileg sehen.

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