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“Gefummle, große Gesten und Show sind abzulehnen”

7. Februar 2010

Friedrich Haider; (c) HasegawaDer österreichische Dirigent Friedrich Haider feilt nicht an seiner Publicity, sondern an seiner Arbeit inklusive eines Romans. Vielleicht wird er gerade deshalb berühmt.

Von Tobias Haberl

Knapp 20 Jahre ist es her, da saß Friedrich Haider mit Wolfgang Sawallisch in der Lobby des Münchner Hotels Vier Jahreszeiten. Sawallisch war seit 1972 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, ein großer Dirigent, Haider war jung, unbekannt, hatte an kleineren und mittleren Häusern erfolgreich Opern und Konzerte geleitet, aber die Münchner Staatsoper schien weit weg, obwohl sie nur hundert Meter entfernt war. Die beiden tranken, plauderten über Mendelssohn, sie verstanden und mochten sich. Und anscheinend hatte Haider einigen Eindruck auf den Maestro gemacht. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf: Wenn er wolle, könne er in der nächsten Spielzeit die “Entführung” und die “Fledermaus” übernehmen. Ja, an der Staatsoper in München. Und ja, am besten gleich beides. Haider war geschockt, dann fühlte er sich geschmeichelt, dann dachte er nach. Am nächsten Tag rief er seinen Agenten an und sagte ab. “Es war die klügste Absage meines Lebens” sagt er heute.

Friedrich Haider, mittlerweile 48 Jahre alt, sitzt wieder im Vier Jahreszeiten. Er verbringt ein paar Tage in München, im Januar machte er mit dem Rundfunkorchester den “Macbeth”. Heute ist er ein erfolgreicher Dirigent, an den besten Häusern tätig und vor allem äußerst geschätzt von Kritikern und viel wichtiger: den Orchestermusikern. Ein Kapellmeister der alten Schule, technisch und handwerklich perfekt, präzise, genau, bescheiden, kein Mann der Show, der überflüssigen Geste, die Laien für Leidenschaft halten. “Ich hätte damals sicher beide Werke problemlos über die Bühne gebracht” sagt er, “aber ich fühlte mich nicht reif dafür.” Und dann erklärt er, was er meint: “Ein junger Dirigent hat Respekt vor dem Kollektiv, das vor einem sitzt, vielleicht hat er sogar Angst, aber das einzige, das ihn interessieren darf, ist die Partitur.” Inzwischen sei er so weit, jetzt könne er das, nur in der Musik sein, und rückblickend könne er die Anekdote so gelassen erzählen, weil er zehn Jahre später sowohl die “Entführung” als auch die “Fledermaus” in München geleitet habe. Beide Werke seien ganz natürlich ein zweites Mal auf ihn zugekommen, quasi als Belohnung für früheren Verzicht, für Entsagung in einer Zeit, in der von den meisten selbst Chancen ergriffen werden, die eigentlich gar nicht da sind.

Von Anfang an spricht Haider schnell und viel. Man hört ihm gern zu, der weiche Klang des Österreichischen umhüllt einen wie eine flauschige Decke. Immer wieder entschuldigt er sich, er sei angeschlagen, seine Sätze seien unsauber und klapprig, dabei sind sie perfekt und klug formuliert. Ob er was trinken möchte? “Nein danke”, sagt Haider - er will keinen oberflächlichen Milchkaffee, er will Ideen loswerden, Meinungen einholen, debattieren. Ein ernsthafter, aber amüsanter Mann, ein Universalgelehrter, der schon als pubertierender Junge engen Kontakt zu dem Maler Ernst Fuchs unterhielt. “Von ihm wurde ich zur Kunst hingeführt, aber auch zur Religion und Philosophie und Literatur.” Die Hochachtung vor Ernst Fuchs mündete schließlich in ein Buch: Friedrich Haider veröffentlichte Fuchs Frühwerk (1945 bis 1960) als Co-Autor und Herausgeber.

Vielleicht könnte man Haider heute als musikbesessenen hochemotionalen Intellektuellen bezeichnen - gerade auf dem Weg zum Hotel habe er noch den Hexenchor aus dem “Macbeth” gesungen - und vielleicht ist das auch der Grund, warum ihn viel zu wenige Menschen kennen: Wenn Friedrich Haider im Orchestergraben steht, tut er das im Dienst der Komponisten, nicht für ein Image oder einen Kritiker. “Der Nachschöpfer, also der Dirigent, kann es nie mit dem Genie aufnehmen”, sagt er, “zwischen einer genialen Partitur und einer gelungenen Lesart besteht eine riesige Kluft.” Vielleicht ist er zu unprätentiös für die erste Seite der Feuilletons.

Friedrich Haider ist Oberösterreicher, seine Familie war “einfach, bürgerlich, aber mit großer Freude am Musikmachen.” Im Alter von zehn Jahren kommt er zu den Wiener Sängerknaben, “eine interessante und lehrreiche Zeit”, sagt er, “obwohl das damals ein Kinderschänder- und -schindervein war.” Er lernt erst Geige, dann Klavier, steht dutzendemale auf der Bühne der Wiener Staatsoper und verpasst einmal sein dreisekündiges Solo in Puccinis “La Bohème”, “so fasziniert, so überwältigt war ich von diesem Orchesterklang.” So einen Klang will er auch erzeugen und kontrollieren, er wird Dirigent, mit 29 ist er Generalmusikdirektor der Opéra national du Rhin in Straßburg. Heute umfasst sein Repertoire mehr als 70 Opern, dazu Sinfonien von Beethoven, Brahms, Dvořák, Schubert, Schostakowitsch, aber auch Werke von Lutoslawski und praktisch alles von Wolf-Ferrari, einem fast vergessenen Komponisten der vorletzten Jahrhundertwende, “damals ein Star, ein absoluter Meister, der zu Unrecht kaum gespielt wird, aber von Toscanini und Knappertsbusch sehr geschätzt wurde”. Seit 2004 steht Haider der nordspanischen Oviedo Filarmonía vor.

“The orchestra likes you because you are inspiring”, sagte Maestro James Levine nach seinem Debüt an der Met zu ihm. Schön, aber ein anderes Kompliment bedeutet ihm viel mehr: “Wissen Sie,” sagte ein Cellist der Wiener Philharmoniker nach einem Konzert in Tokio, “Sie machen einfach keine falsche Bewegung und Sie glauben gar nicht, wie angenehm das für uns Musiker ist.” Darum gehe es, sagt Haider, um Handwerk und Inhalt. “Gefummle, große Gesten und Show sind abzulehnen - Energie und Spannung erreicht man anders.” Da ist er schon wieder, der bescheidene Musiker, der Bogenstriche in Orchestermaterial zeichnen und aus der Partitur auf dem Klavier spielen kann.

“Manchmal komme ich mir vor wie ein Dauer-Sisyphos”, sagt er, “mal hatte ich gigantischen Erfolg, dann wieder warf es mich zwei Stufen zurück.” Im Grunde sei er heilfroh, dass es so lange gedauert hat bis er in Wien, München, New York und London engagiert worden sei. Man glaubt es ihm. Friedrich Haider sieht aus wie ein zufriedener Mensch. Bald wird er die Lieder von Wolf-Ferrari auf dem Klavier einspielen. Bald wird er 50. Und er wird auch bald den Roman schreiben, der ihm seit Jahren im Kopf rumschwirrt. Dort soll es um eine Melodie gehen, die so schön ist, dass sie die Kraft hat, alles Böse in der Welt auszulöschen.

Buch-Cover: Ernst Fuchs; (c) Löcker VerlagCD-Cover “Suite Veneziana”; (c) PhilArtis2003 erschien “Fuchs. Zeichnungen und Graphik aus der frühen Schaffensperiode”, Hrsg.: Friedrich Haider, im Löcker Verlag und gerade jetzt Haiders neue CD mit Ermanno Wolf-Ferraris “Suite Veneziana” bei PhilArtis.

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