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Gesamtkunstwerk in schneller Zeit
- von Brigitte Fassbaender

14. Mai 2007

Brigitte FassbaenderDie SĂ€ngerin Brigitte Fassbaender ĂŒber die Entwicklung der Oper.

Die Oper lebt nicht mehr allein von der Musik. Konzepte und IntellektualitĂ€t haben zugenommen. Die Zeiten haben sich verĂ€ndert, die Welt ist komplexer geworden – und damit auch die Welt der Oper. 

Es war frĂŒher nicht besser, sondern anders. Die Hauptquelle der Inspiration fĂŒr Opernregisseure war: Die Musik! Die Hinterfragung und Durchleuchtung des Textes stand nicht im Vordergrund.

In den 70er Jahren fing die Zuwanderung der Schauspielregisseure an. In erster Linie vertreten durch Persönlichkeiten wie Otto Schenk, August Everding oder Rudolf Noelte, die mit psychologisch vertieften Rollenbildern auch in der Oper deutliche, schauspielerische Akzente setzten. Ich persönlich empfand weniger Widrigkeiten, als vielmehr Vorteile, denn die schauspielerische Durchdringung einer Rolle war mir persönlich immer genauso wichtig, wie die musikalische. Wobei sich ja oft eins aus dem anderen ergab, und das nun unter bewusster Anleitung und Herausforderung durch “Textarbeiter”…

Als “widrig” empfand ich eher die aufkeimende Tendenz, dass Regisseure, die etwas auf sich hielten, eine stattliche Anzahl von Adepten und MitlĂ€ufern um sich zu scharen begannen, deren Voyeurismus, gepaart mit Liebedienerei, mir bei Proben auf die Nerven gingen. Das hat sich bis heute nicht geĂ€ndert bei den Starregisseuren, (außer es geht ihnen selbst auf die Nerven…). Einmal bei Konwitschny hospitiert und schon ist man “sein MeisterschĂŒler” – (Es wimmelt nur so von ihnen).

“FrĂŒher”, als ich zu singen begann, waren die Regisseure wohl mehr “Arrangeure” und die BĂŒhnenbildner “Dekorateure”. Mit großen Ausnahmen, wo Phantasie, Intuition, Wagemut und Risikofreudigkeit auch damals schon zusammenkamen. Die “EntrĂŒmpelung” der OpernbĂŒhne setzte ja schon in den 50ern ein. Aber dass nur aus dem “CD-Booklet” inszeniert wurde, weil Regisseure oft keine Noten, geschweige denn eine Partitur lesen konnten, das kam nicht vor. Das ist allerdings erst eine Errungenschaft des sogenannten “Regietheaters”. Eine Partitur lesen – das konnten sie alle, die waschechten Opernregisseure wie Friedrich, Ponelle, Rennert, Kupfer, Horres und all die anderen, bei denen die Musik im Mittelpunkt stand und mit denen ich zu tun hatte.

Inzwischen ist die Abwanderung der Schauspielregisseure fast unĂŒbersehbar geworden und die Sichtweise auf die Oper hat sich – sehr oft zum Vorteil – grundlegend geĂ€ndert. Der Begriff “Musiktheater” ist mir allerdings nĂ€her, beinhaltet er doch die Gleichberechtigung von stimmlicher und darstellerischer Aktion. Der Schwerpunkt liegt – ebenfalls sehr oft zum Vorteil – in einer Neudeutung des Textes und damit auch neuen DenkansĂ€tzen ĂŒber die ErzĂ€hlweise einer wohlbekannten Opernstory. Was uns vertraut erscheint, kann unerwartete Dimensionen annehmen. Denn: Die Oper ist kein Museum, sie ist lebendiger Stoff, der nach immer neuer, origineller, phantasievoller Umsetzung schreit, auch wenn man immer aus dem selben Fundus arbeitet.

Mir ist das “Regietheater” vertraut und willkommen, weil es Sichtweisen vermittelt, die einem ungeahnte Einblicke in HintergrĂŒnde und ZusammenhĂ€nge eröffnen. Ich persönlich habe mich als Regisseurin nie einem Trend angepasst. FĂŒr mich ist der “Wiedererkennungseffekt” eines StĂŒckes und die musikalische Inspiration nach wie vor wichtig geblieben. Mag sein, dass mir der Respekt vor der Leistung des Komponisten und dessen Vorstellungskraft manchmal im Wege steht – die junge Regiegeneration kennt solche Skrupel Gott sei Dank nicht, und der Drang nach Selbstverwirklichung ist jedweder KreativitĂ€t ja doch immer immanent.

Nach wie vor jedoch sollte der SĂ€ngerdarsteller, der singende Mensch, im Mittelpunkt des Geschehens stehen – und bei den großen Könnern des Regietheaters tut er das auch … Dass die Kritik den Regisseuren und BĂŒhnenbildnern mehr Aufmerksamkeit widmet als frĂŒher, und das so genannte Regiekonzept bei den Besprechungen im Vordergrund steht, liegt vermutlich daran, dass das Wissen um die rein stimmliche Leistung kaum mehr vorhanden oder nicht gefragt ist. 

SĂ€ngerleistungen werden mehr oder weniger pauschal abgehandelt; sie werden dem “Konzept” untergeordnet, wobei nicht zur Kenntnis genommen wird, wie wichtig die SĂ€ngerdarsteller auch fĂŒr den genialsten Regisseur sind. Denn wenn sich der SĂ€nger verweigert – nutzt dem Regisseur der beste Regieeinfall nichts. Erst muss er ihn dem SĂ€nger plausibel machen und dessen Bereitschaft wecken, im wahrsten Sinne des Wortes mit von der Partie zu sein. Es spricht immer fĂŒr ein Regiekonzept, wenn der SĂ€nger/die SĂ€ngerin voll dahinter steht. Nur ĂŒbersieht die Kritik, wie maßgeblich im Wechselwirken der Inspiration das SĂ€ngerensemble beteiligt ist! Sinnlose Forderungen der Regie, Dilettantismus und SchaumschlĂ€gerei werden selten mitgetragen – leider aber viel zu oft von der einschlĂ€gigen Kritik nicht erkannt. Auch ein Publikum lĂ€sst sich nicht fĂŒr dumm verkaufen: Bei solchen Produktionen bleibt der Zuschauerraum nach der Premiere leer. Davon aber bemerken die abgereisten Kritiker leider nichts …

Oper im Fernsehen – ja, da gab es eigene, fernsehgerechte Produktionen, Lifeaufnahmen im Studio – diese Art von Fernsehoper ist lange ausgestorben; der Opernfilm gehörte zur guten Unterhaltung. Dass es diese Art von Abendunterhaltung im Fernsehen nicht mehr gibt, liegt wohl weniger am Genre, als am aussterbenden BildungsbĂŒrgertum. Das “Opernereignis”, der Kulturevent sind ab und an immer noch prĂ€sent, aber die Einschaltquoten so gering, dass sich der Aufwand fĂŒr die Fernsehanstalten nicht lohnt. “ARTE” ist die rĂŒhmliche Ausnahme, und die Sonntagvormittagsprogramme der dritten Sender bescheren manchmal Hörenswertes aus dem Archiv… Fernsehgerecht kann die Oper nicht agieren – also weg damit. Der Interessenkreis ist sowieso zu klein.

Ich glaube nicht, dass das Stimmenpotenzial sich verĂ€ndert hat; aber in vielen FĂ€llen fehlt der Mut zur totalen Hingabe an die Passion, die Risikobereitschaft und das Reifenlassen unverwechselbaren, kĂŒnstlerischen und stimmlichen Zugriffs. Eine erstaunliche GlĂ€tte, ein Perfektionstrieb, ein Gleichmachen, Gleichklingen ist eingetreten. Und die Perfektionierung der Aufnahmetechnik verbietet geradezu die Vermenschlichung des Mediums “TontrĂ€ger”.

Aber – wie immer: Ausnahmen gibt es auch hier, vermutlich sind die unverwechselbaren Persönlichkeiten mit ihrem Mut zu Schlacken und SchwĂ€chen jedoch seltener geworden. Das Timbre, die IndividualitĂ€t einer Stimme steht im Schönheitsbegriff nicht mehr im Vordergrund, sondern die Rolleneignung, der “Typ”, das Hochglanzcover in gewagter Pose, die OberflĂ€che, die Verpackung sind wichtiger geworden, als der durch Timbre und Material erzeugte Tiefgang. Verbindlichkeit ist das Ideal geworden. Das ist beileibe nicht bei jedem SĂ€nger so – eher eine generelle Tendenz. Aber war es nicht eigentlich immer nur eine handvoll ganz Großer? Die gibt es heute auch noch …

Alles in allem ist “die Oper” intelligenter geworden und die Menschen, die KĂŒnstler, die mit ihr und in ihr umgehen, bringen neben ihrer KreativitĂ€t auch ihren Intellekt ein, so sie ĂŒber ihn verfĂŒgen. Die Anforderungen, die Erwartungen an die Oper sind komplizierter geworden, das Publikum ist abgezogener, uninteressierter, ungebildeter; die Oper muss mehr und mehr Überzeugungsarbeit leisten. Das “Gesamtkunstwerk” ist gefragt, nicht das Individuum einer SĂ€ngerpersönlichkeit. Womit ich zum Ausgangspunkt meiner AusfĂŒhrungen zurĂŒckkehren kann: Nichts war oder ist besser oder schlechter, nur Zeitgeist und Lebenstempo haben sich verĂ€ndert. Dem muss auch die Oper Rechnung tragen, wenn sie weiter attraktiv bleiben will.

Von Brigitte Fassbaender

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4 Kommentare zu “Gesamtkunstwerk in schneller Zeit
- von Brigitte Fassbaender”

Gerd Kolbe

2. August 2007 um 19:32 Uhr

Eine sehr kluge Betrachtung, die Kompetenz ausstrahlt

Ingrid Ewald

7. September 2007 um 13:47 Uhr

In den Zeiten der sich selbst verschlingenden “SĂ€ngerpersönlichkeiten” wie Netrebko und Co.; der glatten und schönen Stimmen ohne Persönlichkeit, eine durchdringende Analyse, die leider im Kunstbetrieb weitgehend ungehört bleiben dĂŒrfte.

helen has

25. September 2007 um 21:33 Uhr

zu “hochglanzcover in gewagter pose” frage ich mich, wer auf die idee gekommen ist, ein foto von brigitte fassbaender aus den 70er jahren zum artikel zu veröffentlichen.

Michael Klein

7. Mai 2011 um 20:25 Uhr

“Die heutige REgiegeneration kennt solche Skrupel Gott sei Dank nicht!”
WAs soll das heissen Frau FAssbaender? Der Repekt vor dem WErk, oder benutzen wir ruhig das Wort Schöpfung des Komponisten sollte fĂŒr jeden Opernregisseur eine SelbstverstĂ€ndlichkeit sein! Sonst verkommt die OpernbĂŒhne zu einer abartigen und perversen Selbstverwirklichungsmaschinierie, die dem Publikum regelrechten PIsskack zumutet!
Die Zeiten des sogenannten Regietheaters, also wo Skandalinszenierungen nach Anfangsprotesten große Erfolge feiern konnten, sind schon lange vorbei! Die AnhĂ€nger und BefĂŒrworter von werkverfremdenen Operninszenierungen nehmen immer mehr ab! Nach anfangs ausverkauften Vorstellungen in einer Saison sind sie spĂ€ter spĂ€rlich besucht! Der ĂŒberwiegende Anteil des Publikums ist langsam angewidert von dem abartigen und perversen Dreck, der ihm immer noch zugemutet wird! Die Folgen fĂŒr die OpernhĂ€user werden ĂŒber kurz oder lange verheerend sein!

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