Göring-Eckardt: Musik und Politik
Was kann die Politik von der Musik lernen? Die Bundestags Vize-Präsidentin lotet das Terrain für crescendo aus. Ihre These: Es gibt keine Demokratie ohne die freie Kunst. Aber Politiker können die Musik durchaus kommunikativ nutzen.
Von Katrin Göring-EckardtÂ
Vielleicht zeigt sich die Wirkungsmacht und Bedeutung von Musik am deutlichsten daran, dass sie von der Politik immer wieder als Bedrohung verstanden wurde. Schon Platon warnte vor der umstürzlerischen Kraft der Musik. In seiner “Politeia” schrieb er: “Nirgends wird an den Gesetzen der Musik gerüttelt, ohne dass auch die höchsten Gesetze des Staates ins Wanken geraten.” Die Musik sei ein Hort der “Gesetzlosigkeit”, so Platon. Weshalb er den Mächtigen empfahl, “ihr Wachhaus in der Nähe der Musik zu bauen.” Platon meinte also, dass es keinen geordneten Staat ohne geordnete Musik geben könne. Der Nationalsozialismus und auch der Kommunismus mit ihren Zensoren und Kontrolleuren haben diesen Gedanken auf furchtbare Weise radikalisiert.
Heute wissen wir: Es gibt keine demokratische politische Ordnung ohne eine freie Kunst, im Grundgesetz ist dies festgelegt. Ein politisches “Wachhaus”, das an den Konzerthäusern aufpasst, dass nichts “Unordentliches” geschieht, wäre eine Katastrophe. Sicherlich gab und gibt es immer wieder Versuche, Musik für politische Zwecke zu instrumentalisieren – als suggestive Klangtapete bei politischen Veranstaltungen oder als Ausweis der kulturellen Beflissenheit eines Politikers. Das ändert aber nichts an dem Prinzip, dass die öffentliche Hand klassische Musik umfangreich fördert, ohne dafür Gefälligkeiten zurück zu fordern. Politik hat die Musik freigelassen, zum Glück.
Trotzdem sind Politik und Musik keine getrennten Welten. Dass es auf einer anderen Ebene zumindest so etwas wie Korrespondenzen und “Familienähnlichkeiten” gibt, wird mir manchmal klar, wenn ich eine Sitzung des Bundestages leite. Von dort oben habe ich einen wunderbaren Blick auf das lebhafte Geschehen. Wenn ich dann so über das gesamte Ensemble schaue, habe ich manchmal das Gefühl, als fügten sich die Stimmen, die Reden und Zwischenrufe zu einem wohl gestimmten Ganzen. Zu einem Orchester des Politischen. Da gibt es den Solisten, der sich nach Vorne spielt, und seine Begleitung, die ihm “Rückendeckung” gibt. Da gibt es bekannte Elemente der Wiederholung und da gibt es überraschende Interpretationen der “Partituren” und Gesetze. Da gibt es Menschen, die konzentriert auf ihren Einsatz warten und ein Publikum, das mal gebannt, mal träumend auf das Geschehen blickt. Manchmal frage ich mich angesichts dieser Korrespondenzen zwischen Parlament und Orchester, warum es eigentlich nur Farben und keine Töne für die politischen Parteien gibt.
Hinter diesen Assoziationen, die das parlamentarische Geschehen weckt, verbirgt sich mehr als ein bloßer Tagtraum. Sie verweisen darauf, dass sowohl in der Politik als auch in der Musik Freiheit das allerhöchste Gut ist. Nur durch sie kann Neues entstehen, das musikalische oder politische Regelwerk darf deshalb kein zu enges Korsett anlegen. Sonst wird die Kreativität nicht geweckt. Das Parlament wäre langweilig, wenn jede Sitzung vorherbestimmt wäre, frei von Ereignissen. Ein Konzert wäre langweilig, wenn es keinen Spielraum der Musiker und des Dirigenten gäbe.
Was in der Musik die Harmonielehre ist, ist in der Politik der Konsens. Zuviel von beidem ist lähmend und unproduktiv. Beides stellt – wenn es übertrieben und auf die Spitze getrieben wird – eine Gefahr für die künstlerische oder politische Freiheit dar.
Deshalb gab es sowohl in der Musik als auch in der Politik immer wieder Bewegungen, die das eingefahrene System in Bewegung gesetzt haben. Richard Wagner, später dann Gustav Mahler, Olivier Messiaen oder Arnold Schönberg haben die klassische, allgemeinverbindliche Harmonielehre für das kompositorische Arbeiten in Frage gestellt. Auch schon Bach hatte das im Grunde getan. Ähnliche Neuerfindungen hat es auch in der Politik gegeben: Die außerparlamentarische Opposition der 68er und die Bürgerrechtsbewegung der DDR haben die erstarrten Konsens- und Harmonielehren der beiden deutschen Gesellschaften in Bewegung gebracht, natürlich unter sehr unterschiedlichen historischen und politischen Bedingungen.
Es gibt ein Freiheitsstreben, das sowohl in der Politik als auch in der Musik wirkt, da ist etwas am Werk, das nicht zum Verstummen zu bringen ist und sich immer wieder Bahn bricht. In beidem sehen wir den Konflikt und den Widerspruch als Entstehungsbedingungen für Neues. Wenn Politik versucht, Musik zu instrumentalisieren, zu kontrollieren oder zu vereinnahmen, dann widerspricht sie damit diesem Freiheitsdrang. Trotzdem kann Politik sich einiges von der Musik “abhören”, auch ohne sie unter ihre Fittiche bringen zu wollen: wie dort aufeinander reagiert wird, wie dort Ratio und Gefühl miteinander verbunden werden, wie dort ein zwangloses Teamwork entsteht. Und auch wie dort die bestehende Realität überschritten wird und Sehnsüchte gelebt werden.
Politik ist immer auch bedroht von ihrer eigenen Entpolitisierung. Durch zu viel Konsens, aber auch durch eine technokratische Sprache, die die Menschen nicht mehr emotional erreicht. Vielleicht kann hier Politik etwas von der lebendigen und offenen Sprache der Musik lernen. Vielleicht brauchen wir das grenzüberschreitende Moment der Musik gerade heute, in Zeiten der Globalisierung und des interkulturellen Austauschs, mehr denn je – als Ergänzung, nicht als Ersatz der politischen Kommunikation.
Eines dürfen wir dabei nicht vergessen: Musik kann in einer Weise ergreifen und berühren, wie es eine politische Rede wohl niemals schaffen kann. Auch wenn es immer wieder versucht wurde.









Gerhard Ferckel
Musik ist für mich vor allem eine Ausdrucksform für menschliche Gefühle, die oft in Worte nicht zu transportieren sind, weil sie nicht statisch ist. Als Tubist in einem Posaunenchor bei Neustadt/ Weinstrasse weiß ich, dass man mit ihr Menschen erfreuen kann, aber auch Trauer ausleben und nicht erfüllte Hoffnungen bewußt machen kann.
Politik dagegen ist die schwierige Kunst Einzelinteressen zu einem Ganzen zu bündeln und jedem Mitglied zu vermitteln trotz nicht hundertprozentiger Umsetzung seiner Vision, es sei doch so. Dieses Ergebnis ist ein Kompromiß, der so viele wie möglich mitnimmt. Aber immer noch besser, als einige Wenige bestimmen über Viele
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