Göttlich respektloses Vergnügen
Brecht-Enkelin Johanna Schall inszeniert „Orpheus in der Unterwelt” am Münchner Gärtnerplatz-Theater/Jubel für die Premiere
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Ganz entgegen der griechischen Mythologie ist Orpheus heilfroh, als seine Gattin Eurydike via Schlangenbiss in die Unterwelt befördert wird – geht sich doch das Ehepaar gewaltig auf die Nerven. Doch weil Künstler Orpheus nicht so sehr fürchtet wie „Bild”-Schlagzeilen, macht er sich widerstrebend auf, um die von Pluto Geraubte zurück zu gewinnen und zumindest den Schein zu wahren. Das wird auch im Olymp kräftig versucht, aber die Moral wackelt an allen Ecken und Enden. Und dazu sprüht Jaques Offenbachs Musik wie Champagner: Aufschäumend, spritzig, in unaufhörlich sprudelnd-stampfendem Rhythmus fast wie ein Perpetuum mobile.
„Orpheus in der Unterwelt”, die Operette mit dem berühmten Höllen-Cancan, ist durchaus kein leichtes Stück für einen Regisseur. Parodie und Seitenhiebe reihen sich aneinander, kaum gibt es echte Gefühle – das Ganze ist durch und durch respektlos gemeint. Und kann ein köstliches Vergnügen sein, wenn es so auf der Bühne präsentiert wird wie seit Faschings-Freitag vom Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz. Das kleine Schatzkästchen von Theater, das stets wirkt, als sei es einer Adventskalender-Szenerie entsprungen, scheint gerade in pfiffigen Musical- und Operettenproduktionen seine Nische in der Münchner Opern-Szene zu finden.
Für die „Orpheus”-Inszenierung wurde die Brecht-Enkelin Johanna Schall engagiert – eine gute Wahl! Schall kommt vom Schauspiel und nimmt sich jeder einzelnen Figur im Olymp, im Hades wie auf Erden mit einem derart scharfen Blick für menschliche (und göttliche) Schwächen an, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt. Dabei spielt das Ganze nicht selten mitten im Publikum – und auch das Bühnenbild (Horst Vogelgesang) ist ein getreues Abbild der echten Bühne und gibt wenn nötig den Blick auf einen Aufzug frei, der oben und unten miteinander verbindet. Ergo: Wir werden auch unter göttlichen Kostümen üppiger und phantasievoller Ausfertigung (Jenny Schall) konfrontiert mit unseren eigenen Schwächen. Dabei vermeidet Regisseurin Schall aber den Brechtschen Fingerzeig, bleibt vergnüglich-respektlos und immer detailverliebt – vor allem in die göttliche Schar von der dauertrunkenen Venus bis zum schelmischen Cupido. Dabei geht es immer wieder ums sinnlose Aufblähen von Machtstrukturen, ums Gegockle der Sippen von Zeus und Pluto, am liebsten gegen- und voreinander. Dafür lässt Schall die Musik oftmals schweigen und fügt rhythmische Sprecheinlagen ein, die das Ganze noch mehr anheizen und das Tempo ins Irrwitzige steigern.
Das ist nicht leicht für die Sänger wie für die Musik. Doch Dirigent Andreas Kowalewitz hat die brodelnde Energie, die zwischen Bühne und Orchestergraben hin- und herspringt perfekt im Griff, heizt an, wenn nötig und bremst auch mal, wenn unumgänglich für die Sänger. Was macht’s bei so viel Vergnügen, wenn manche Stimme aufregungsbedingt anfangs noch ein wenig dünn klingt, sich dann aber zu Koloratur-Kaskaden steigert (Sybilla Duffe alias Eurydike). Aus dem wunderbar harmonierenden Ensemble, das fast ununterbrochen auf der Bühne präsent ist und nicht nur Hingucker, sondern auch Feinstes fürs Ohr bietet, nur ein paar Highlights: Meine Favoritin ist Katja Stuber alias Diana, die mit äußerst kultiviertem und tragfähigem Sopran, feinster Koloratur und einer innigen Stimmfärbung beste Chancen hat, von sich in den nächsten Jahren reden zu machen. Ein Kabinettstückchen macht auch Gunter Sonneson aus seinem John Styx und dem Couplet vom „Prinz von Arkadien” – dem melancholischen Gegenpol zu aller Lustigkeit. Auch dem Furien-Ballett gebührt ein Sonderlob.
Und wenn dann am Schluss Orpheus sich zur großen Freunde von Eurydike doch nach ihr umdreht (weil sie einen hilfreichen Blitz zündet), dann geschieht das bei Johanna Schall in Zeitlupe. Ein genialer Moment einer gelungenen Inszenierung. Nichts wie hin!













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