Händel im Ausnahmezustand

Festspielhaus Baden-Baden 2010: Rolando Villazón; Foto: Andrea Kremper
Auf den Tag genau ein Jahr nachdem sich der mexikanische Tenor Rolando Villazón wegen einer Stimmband-Zyste von der Bühne verabschieden musste, feierte er am 29. April im Baden-Badener Festspielhaus seine Rückkehr. Auf dem Programm stand das seinerzeit abgesagte Händel-Konzert, das zu einem Abend emotionaler Intensität geriet. Standing Ovations gab es auch für die Sopranistin Lucy Crowe und die Gabrieli Players unter Paul McCreesh.
Von Hannah Glaser
Rolando Villazón, der sich in seiner sängerischen Auszeit einen dichten Lockenkopf wachsen ließ, hat auch nach der erfolgreichen Stimmband-Operation nichts von seinem feurigen Temperament eingebüßt, er beherrschte die Bühne mit großer Geste und ansteckender Passion. Schon seine 2009 erschienene Händel-CD (Deutsche Grammophon) polarisierte die Kritik, denn Villazóns Stimme strahlt eine maskuline Kraft aus, wie sie im Bereich der Alten Musik nicht üblich ist. So wurde auch in Baden-Baden der barocke Ziergesang, der sonst eher nobel und geschlechtsneutral bis zur Abstraktion daherkommt, zu „bravourösem, barocken Belcanto“ wie es Peter Krause in WELT online formulierte.
Im Gegensatz zum eher parlandohaften Monteverdi, den Villazón mit Emanuelle Haim als Einstieg in die Barockmusik produzierte, wird bei Händel schweres Koloraturgeschütz aufgefahren, eine Herausforderung für den Tenor, der im italienischen und französischen Fach des 19. Jahrhunderts zuhause ist und mit den Paraderollen von Verdi, Donizetti und Pucchini weltberühmt wurde. Wie zuvor am 26. April in Hamburg beim ersten, stürmisch gefeierten Konzert der Händel-Tournee, meisterte Villazón auch in Baden-Baden die virtuosen Arien mit „großer Agilität, viel Charme und kerniger Stimme“ (dpa), vor allem aber immer mit packender Eindringlichkeit im Ausdruck und in der Interpretation.
Villazón macht aus Händels Figuren Menschen aus Fleisch und Blut, Charaktere mit emotionaler Sprengkraft. So begeisterte der Startenor im Festspielhaus nicht nur mit männlich-samtigem Wohlklang und honigfarbenem Timbre, sondern vor allem mit seiner expressiven Interpretation, die sich den ganzen Abend über immer weiter steigerte. Speziell nach den zu Herzen gehenden Trauer- und Abschiedsarien „Scherza, infida“ aus „Ariodante“ und der Sterbeszene des Bajazet aus der Oper „Tamerlano“ herrschte sekundenlang ergriffene Stille, ehe der Applaus losbrach. Standing Ovations gab es schließlich bei den Zugaben, dem Largo „Ombra mai fu“ und einem furios gesungenen „Doppo Notte“, das die Zuhörer endgültig aus den Sitzen riss.

Festspielhaus Baden-Baden 2010: Rolando Villazón, Paul McCreesh (Dirigent) und die Gabrieli Players; Foto: Andrea Kremper
Großen Anteil am stürmisch gefeierten Erfolg dieses Abends hat das englische Alte-Musik-Ensemble Gabrieli Players unter ihrem Gründer und Chef Paul McCreesh. Die Gabrieli Players zählen zur ersten Garde der Originalklang-Ensembles, und ihr Händel kommt graziös, beschwingt und lebensfroh daher. Paul McCreesh war bei seinem einfühlsamen Dirigat achtsam darauf bedacht, Rolando Villazón und die Sopranistin Lucy Crowe optimal zu unterstützen, die mit Kleopatras Arie „Da tempeste“ aus der Oper „Giulio Cesare“ ein umjubeltes Koloraturfeuerwerk abbrannte. In zwei reinen Orchesterstücken „Concerto grosso op.3 in B-Dur“ und dem Oboenkonzert Nr. 3 in g-Moll stellten die Gabrieli Players ihre internationale Klasse mühelos unter Beweis.
Zum Konzertende wurden die Besucher wie immer vom Baden-Badener Festspielhaus mit Rosen verabschiedet. Viele davon sah man später an der Bühnentüre wieder, wo Rolando Villazón noch eine Stunde später in ausgelassener Stimmung und mit dickem Schal um den Hals Bilder und Programme signierte.
Weitere Termine:
Heute Abend (03. Mai) gastiert Rolando Villazón mit seinem Händel-Programm in London in der Royal Festival Hall (www.southbankcentre.co.uk), am 6. Mai tritt er in Paris im Salle Pleyel auf (www.sallepleyel.fr). Die Händel-Tournee endet am 10. Mai in München in der Philharmonie am Gasteig (www.gasteig.de).
Auch in Baden-Baden wird Rolando Villazón dieses Jahr noch einmal zu erleben sein: Am 28. November gastiert er im Festspielhaus mit „Mexican Songs“, Liedern aus seiner Heimat, begleitet von den Bolivar Soloists. Tickets gibt es von 46 Euro bis 170 Euro (www.festspielhaus.de).









Falconer
Es tut gut, dass Rolando Villazón nach seiner Zwangspause so fulminant wieder zurückgekehrt ist. All die wunderbaren Rezensionen die nach seinen Händel-Konzerten in zahlreichen Zeitungen erschienen sind zeigen sehr deutlich, dass dieser wunderbare Sänger sein Publikum wieder genauso begeistert wie in der Vergangenheit.
Jetzt freue ich mich noch mehr und kann es kaum erwarten ihn sehr bald mit seinem Händel-Programm auf der Bühne zu erleben. Er braucht wahrlich keine Konkurrenz zu fürchten. Er wird für sein Publikum immer seine Sonderstellung einnehmen.
gianni
Toller Abend. Jedoch: das war nicht Händel.
Petra
…stimmt genau gianni! Es war Rolando Villazon!!
)
Irmgard Woelfle
Auch ich hatte einen tollen Abend mit Villazon in Baden-Baden erlebt. Er hat einfach nach wie vor viel zu bieten, auch wenn manche kritische Anmerkung da und dort berechtigt sein mag. Kaum ein anderer Sänger vermag so viele Gefühle auszulösen und zu bedienen. Und er singt wie er möchte und wie er ist, gerade das macht ihn so einzigartig. Hoffentlich führen die zahllosen negativen Kritiken die ich leider in den letzten Wochen in den Medien lesen musste nicht dazu, dass er in Deutschland nicht mehr auftritt.
Seltsam – überall Standing Ovations – aber man versucht ihn “nieder zu schreiben”.
Andrea
Ich hatte diesen wunderbaren Abend in München – ich gebe Ihnen recht, ja man versucht ihn niederzu schreiben . Er ist einfach anders als alle Tenöre die wir bisher auf der Opernbühne erlebt haben,und gerade dieses anderssein bietet vermutlich diese grosse Angriffsfläche. Seine Stimme ist auch nach der Operation ein wunderbares,warmes und farbiges Instrument, ich wünsche ihm, dass er unbeirrt seinen Weg geht, er weiss genau was er will und das ist gut so. Solange er so vielen Menschen eine Freude macht, und seine Freude beim singen auf die Menschen übertragt, sollen seine Kritiker schreiben was sie wollen
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