Harmonie zwischen zwei Händen
Neulich war die Pianistin Hélène Grimaud zu Gast im Festspielhaus Baden Baden. Für das Programmheft wurde ich gebeten, einen Beitrag zu schreiben – eine Einschätzung über das Spiel und den Menschen. Hier ist er:
Neulich hat Hélène Grimaud eine neue CD aufgenommen – Klavierkonzerte von Beethoven. Jenes Komponisten also, der noch immer eine der größten Herausforderungen für Pianisten ist. Was hat Beethoven uns heute zu sagen? Warum nehmen derzeit die wichtigsten Klavierspieler seine Konzerte auf? Lang Lang, Michail Pletniev und Hélène Grimaud – alle erscheinen in diesem Jahr. Ich habe Grimaud nach der Aufnahme gefragt. Und sie hat mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit geantwortet: „Beethoven spiegelt die Zerrissenheit der Seele wieder, das Chaos des Individuums in einer unübersichtlichen Zeit. Und gleichzeitig versucht er mit jeder Note, die er geschrieben hat, diesem Chaos eine Form zu geben, seine Zeit gedanklich zu fassen, das Private und das Politische in einen Kosmos zu bringen, in eine Ästhetik der Musik.”
So weit. So gut. Andere Musiker würden all das genauso oder zumindest ähnlich formulieren. Aber Grimaud hat dann noch gesagt, dass sie Beethoven nicht als historisches Tafelbild versteht. Natürlich würden bei ihm französische Truppen in blauen Uniformen Marschieren, Soldaten kämpfen, Kanonen schießen. Und klar sei bei ihm das Europa unter Napoleon zu hören – aber all das sind für sie keine musikalischen Abbilder der Wirklichkeit, sondern bereits philosophische Ideen. Der manische Versuch des harmonischen Logos, Formen zu finden. Der fatalistische Kampf des Individuums mit den Mechanismen seiner Zeitläufte.
Überhaupt: Die Harmonie! In Ihrem Buch „Wolfssonate” beschreibt Hélène Grimaud sie nicht als Wohlfühl-Stimmung, sondern – im Sinne Platons – als Vermittlungsraum existenzieller Gegensetze, von Ebbe und Flut, von Krieg und Frieden. Harmonie als Zustand, in dem es nicht ruhig zugeht, sondern in dem die schwierigsten Kämpfe ausgefochten werden, die wir als Menschen kämpfen können.
Hélène Grimaud ist eine Denkerin. Und ihre Gedanken formuliert sie in Worten. Am Klavier wird sie selbst zum Raum der Harmonie, zu einem Körper, der die musikalischen Gegensätze im Geist abwägt, sie aufenanderkrachen läßt, Fleisch und Gedanken. In diesem Raum ist die Spache der Worte wertlos, hier werden archaische Urgewalten formuliert, Experimente mit ihren gegenseitigen Reaktionen angestellt. Musik folgt nicht der Grammatik der Worte, sie folgt den Gesetzen der Urnatur.
Bei Grimaud nimmt das Tatsächliche immer wieder Kontakt mit dem Transzendenten auf, das Dingliche wandert in den Geist. Zum Beispiel in Beethovens Sturmsonate, die sie ebenfalls schon auf CD aufgenommen hat. Nach 21 Takten holt sie zum ersten Knock-Out aus: vier erbarmungslose d-Moll-Schläge mit der Linken. Dabei tänzelt die Rechte unbeeindruckt weiter und formt gläsern strahlende Musikbögen. Ihr schmaler Körper sitzt wie eine Pufferzone zwischen den beiden Polen – meist fast bewegungslos, immer hochkonzentriert. In ihm koordiniert sie die Energien der Musik. Für andere Klavierspieler ist das Opus 31 eine Gewittermusik für harte Statements, bei Grimaud klingt es unprätentiöser.
Sie ist kein Klavier-Kasper, kehrt ihre Empfindungen nicht nach außen. Die Französin spielt nie äußerlich, immer innerlich, macht das Meiste mit sich selbst aus, lässt die Musik eher implodieren als explodieren. Klang ist für die Klavierspielerin ein Ort, von dem sie selbst sagt, dass sie sich in ihm schwerelos fühlt.
Ich habe die Pianistin vor Jahren kennengelernt, im Restaurant Borchards in Berlin. Damals scheiterte sie schon an der Vorspeise. Sie lebt lieber in der Musik als in der Realität. Suppe oder Salat? Mit solchen Fragen kann Hélène Grimaud nichts anfangen. Sie mag sich nicht entscheiden, läßt die Dinge lieber in der Schwebe, schaut, was ihr am Ende serviert wird. So eine wie sie verkörpert den Heidegerschen Begriff des Seins. Und bei der Kombination der Speisen folgt sie einem eigenwilligen Geschmack: Linsensuppe und Lotte. So hält sie es im Leben – und so nimmt sie es auch mit der Musik. „Manche setzen sich zur Entspannung ans Klavier und improvisieren”, sagt sie, wenn ich mich ausruhen will, spiele ich lieber streng nach Noten.”
Als Kind in Aix-en-Provence hatte sie ein Faible für alles Geometrische. Sie räumte Küchenschränke aus und wieder ein, sortierte ihre Bücher mal nach Farben, mal nach Größe. Und eines ihrer schönsten Hobbys war es, Hemden Akkurat zu falten. Verletzte sie sich an der linken Hand, verunstaltete sie auch die rechte. Mit acht Jahren spielte sie das erste Mal Klavier, ging ans Pariser Konservatorium, studierte bei Pierre Barbizet. Mit 13 Jahren war sie die jüngste Studentin. Der Geiger Giddon Kremer und die Mutter aller Klavierspielerinnen, Martha Argerich, förderten sie. Über all das wurde viel geschrieben, auch über ihre Fähigkeit Farben zu sehen, wenn sie Musik hört und über ihre Wolfszucht, die sie Jahrelang betreut hat. Hélène Grimaud wurde zu einem Medienstar.
Tatsächlich lebt sie wenig nach außen, macht das meiste mit sich selbst aus. Zu sehen war das, als sie vor zwei Jahren den „Echo”-Klassik überreicht bekam. Alle anderen Preisträger versuchten mehr oder weniger lustige Reden zu halten, witzten herum, weil sie glaubten, das Fernsehpublikum würde darauf stehen. Sie kam, das Haar zum Pferdeschwanz gebunden, setzte sich ans Klavier, spielte und ging. Ein beeindruckender Auftritt.
„Ich bin eine Romantikerin”, sagt sie – und Melancholie ist bei ihr weder ein negativer noch ein seltener Zustand. Irgendwann, sie hat gerade Ihre Aufnahmen mit Werken von Brahms, Clara und Robert Schumann vorbereitet, rief sie mich aus einem Hotelzimmer irgendwo in Toronto an. An diesem Abend hat sie mir über ihre Ideen von Clara und Robert Schumann erzählt. Über den alten Komponisten und das Klavier spielende Kind. Über die Liebe der beiden, das gemeinsame Ringen um neue Töne und über das erschütternde Ende dieser Ehe durch den Wahnsinn, in den der Tonsetzer fiel. Außerdem sprach sie über die Freundschaft des Komponisten-Duos mit dem jungen Bewunderer Johannes Brahms.
Für Grimaud ist die eigentliche Sprache dieses Dreigespanns die Musik. Ihr Lebensraum war die Welt der Klänge, in dem, so Grimaud, „das ewige Spannungsfeld von Liebe, Tod und Transzendenz” herrscht. „Die Keimzelle ist die musikalische Welt, die zwischen Robert und Clara Schumann entstanden ist. Die beiden haben die Musik als Raum des Geistes geschaffen. Als Raum der Phantasie. Es ist diese Welt, in der sie leben, lieben und leiden konnten.” Und dann sagte sie noch einen Satz, der als Credo über ihrem ganzen Musikzieren stehen könnte: „Die Musik ist wie die Liebe – größer als wir. Aber vielleicht ist es auch andersherum: Erst in der Musik erkennen wir, wie groß wir eigentlich sind.”
Wenn man mit dem Bariton Thomas Quasthoff über Robert Schumann oder Franz Schubert redet, könnte er ähnliche Sachen sagen. Aber Quasthoffs Intellekt ist wesentlich konkreter. Er ist einer der größten musikalischen Geschichtenerzähler, jemand, der mit seiner Stimme Welten formen kann, der Charaktere belebt und sie durch Abenteuer wandern läßt, durch Innen- und Außenräume. Es dürfte spannend sein, das erste Aufeinandertreffen des expressiven Sängers und der introvertierten Klavierspielerin zu erleben – zwei Welten, die sich zu einem Panoptikum ergänzen könnten.
Für Hélène Grimaud ist das Musizieren weniger eine Frage des äußerlichen Ausdruckes als der innerlichen Abmachungen mit sich selbst. Und ein Begriff fällt immer wieder, wenn sie über das Klavierspielen redet: Transzendenz. Damit meint sie keine übersinnliche Einrichtung, sondern eine Wirklichkeit die sie in der Welt der Töne findet. Die Musik wird zu einer Verlängerung des Lebens, zu einem Ort, an dem es unformulierbare Antworten auf viele Fragen gibt, ein Raum, in dem nichts unmöglich ist, ein Raum der grenzenlosen Freiheit. Ein Ort, an dem Hélène Grimaud keine Wahrheiten, sondern Wahrhaftigkeiten aufspürt.
Axel Brüggemann









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