Heidelberg: Identität unter der Lupe
Der 13. Heidelberger Frühling führt mit über 80 Veranstaltungen, mit einem innovativen Programmkonzept und mit großen Namen die Erfolgsgeschichte des publikumsnahen Festivals fort.
Von Hannah Glaser
Streichquartette mit modernem Repertoire gelten als heikel, da ziehen Veranstalter normalerweise die Luft durch die Zähne und lassen die Finger davon: zu schwierig, zu anspruchsvoll, ein Nischenprodukt für Eingeweihte und andere Fortgeschrittene. Doch für Heidelberg gilt das alles nicht. In der Stadt am Neckar sind Streichquartette - selbst mit zeitgenössischem Musikprogramm – jedes Jahr wieder der Publikumsrenner beim Heidelberger Frühling.
Im vergangenen April war der Andrang beim “nachtkonzert zwischen töne” mit dem französischen Ensemble Quatuor Ébène derart groß, dass die Veranstaltung erst mit 30minütiger Verspätung beginnen konnte, weil für die vielen zusätzlichen Gäste Stühle herbeigeschafft werden mussten.
Und dieses Jahr wird es vermutlich genauso rund gehen, denn die Macher des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling haben sich mit ungewöhnlichen und unkonventionellen Konzertideen mittlerweile – ganz im Sinn des Audience Development – ein begeistertes Fanpublikum gezogen: Streicher-Süchtige, die möglichst alle Konzerte, Künstlergespräche, Workshops und Proben des mehrtägigen Streichquartettfests besuchen. Das Erfolgsrezept kann man auch beim diesjährigen Streichquartettfest (17. bis 19. April) studieren: Sämtliche Veranstaltungen der drei Tage gibt es wahlweise zum Komplettpreis (60 Euro für die beste Platzkategorie) oder mit Tagesticket (ab 11 Euro), die Workshops, Events und Konzerte bieten Traditionelles, Experimentelles genauso wie einen Blick hinter die Kulissen. Und sie finden an ungewöhnlichen Orten statt: im kühl ausgeleuchteten Studio der Villa Bosch oder im spektakulären, 20 Meter hohen Atrium des Forschungs- und Entwicklungszentrums der Heidelberger Druckmaschinen AG.
Das 1997 gegründete Festival, das sich seit Beginn durch Sponsoren wie die HeidelbergCement AG und den Freundeskreis Heidelberger Frühling mit mehr als 300 Mitgliedern aus Wirtschaft und Bürgerschaft finanziert, hat in diesem Jahr mit “Identität” ein aktuelles und komplexes Motto gewählt. Fragen zur kulturellen Identität (und wie diese sich derzeit verändert) führen dabei zu facettenreichen Künstlerbiografien wie der des britischen Stargeigers Daniel Hope, der in Südafrika geboren wurde, in England aufwuchs und irisch-jüdisch-deutsche Wurzeln hat. Er wird bei seinem Konzertabend (14. April) neben Musikstücken auch Texte aus seinem Buch “Familienstücke” vortragen und das Thema anschließend im Künstlergespräch mit dem Publikum vertiefen.
Im Rahmen des Schwerpunktes Literatur und Musik beschäftigt sich auch der Literatur- und Musiktheaterwissenschaftler Dieter Borchmeyer mit der Frage deutscher, kultureller Identität, in einem Vortrag und Gesprächskonzert (22. März) und in einer Debatte mit dem Philosophen und Schriftsteller Rüdiger Safranski (1. April) über Goethe und Schiller als die “Dioskuren des deutschen Nationalmythos”.
Die menschliche Stimme spielt als Medium zum Ausdruck der eigenen Identität eine zentrale Rolle. Vokal-Schwerpunkt und ein Höhepunkt des Festivals ist neben Andreas Scholl und dem Kammerorchester Basel (27. März) das Konzert des amerikanischen Baritons Thomas Hampson (22. April ), der bei einer Lied-Masterclass (20.-25. April) dem Publikum einzigartige Einblicke in die musikalische und kunsthistorische Schürfarbeit ermöglicht, die es bedeutet, ein Kunstlied im Geist seiner Herkunft zu begreifen und zu gestalten.
Um den Nachwuchs zu motivieren, kommen auch in diesem Jahr beim Schulprojekt des Heidelberger Frühlings die “classic scouts” zum Einsatz. Jugendliche ab 14 Jahren gestalten eine Festspielzeitung, schreiben ihren eigenen Blog auf der Internetseite des Heidelberger Frühlings und entwickeln professionelle und originelle Konzerteinführungen, die das Publikum live erleben kann. Zum Beispiel beim Konzert mit Pierre-Laurent Aimard und den Bamberger Symphonikern (28. März im Kongresshaus Stadthalle Heidelberg).
Heidelberger Frühling 2009
Internationales Musikfestival vom 21. März bis 25. April
Tickets und Info: Tel. +49-(0)6621-1422422, www.heidelberger-fruehling.de









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