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Hier darf jeder ein Maestro sein!

22. März 2010
Workshop “Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Workshop "Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Welcher Klassik-Freund hat nicht schon einmal davon geträumt, ein richtiges Sinfonieorchester zu dirigieren? Der Workshop “Dirigieren & Führen” erfüllt diesen Traum – und verspricht “Inspiration für Manager und Führungskräfte”. Der “Selbst-versuch” zeigt: Das ist fast noch untertrieben …

Von Burkhard Schäfer

“Stille Beobachter haben wir nicht so gerne”, erklärte Professor Manfred Harnischfeger am Telefon. “Wenn Sie über ‚Dirigieren & Führen’ berichten möchten, müssen Sie auch am Kurs teilnehmen und mitdirigieren. Alles andere würde die Gruppe nur irritieren.” Der das sagt, muss es wissen. Harnischfeger ist ein erfahrener Kommunikations- und Medienexperte (wenn man es genau nimmt, war er unter anderem Chefkommunikator des größten deutschen Medienkonzerns: Bertelsmann). Harnischfeger hat das Konzept von “Dirigieren & Führen” entwickelt und ist neben Professor Gernot Schulz, dem langjährigen Berliner Philharmoniker, Musikpädagogen und eigentlichen musikalischen Leiter des Kurses, der zweite Dozent dieses Experiments.

Die Idee der Veranstaltung ist einfach: Wer ein ganzes Unternehmen oder zumindest eine Gruppe von Menschen leiten möchte, benötigt dafür ähnliche Schlüsselqualifikationen wie jemand, der einem Orchester die Richtung geben will. “Dirigieren ist vielleicht die subtilste Möglichkeit, seine eigenen Führungsqualitäten zu erkennen, weil man die Impulse, die man als Maestro in Richtung des Orchesters aussendet, unmittelbar von den Musikern zurückgespiegelt bekommt”, sagt Schulz. Und er fügt hinzu: “Es ist genau dieser kommunikative Aspekt, der die zwei Bereiche Dirigieren und Führen in ein geradezu harmonisches Verhältnis miteinander setzt.”

Derart vorbreitet, betrete ich das Foyer der berühmten Berliner Philharmonie. Die fünf männlichen und drei weiblichen Kurs-Teilnehmer sitzen im Halbkreis. Schulz erklärt, wo die Gemeinsamkeiten zwischen einem Orchester und einem Unternehmen liegen. Die Wirtschaft spricht nicht zufällig von “konzertierten Marketing-Aktionen oder dem “Orchestrieren ganzer Geschäftsprozesse.” Beide Institutionen – Firmen wie Orchester – benötigen eine professionelle Führungskraft, um ein gutes Produkt beziehungsweise eine gute Dienstleistung abzuliefern. Mitarbeiter müssen selbstkritisch, beharrlich und motiviert sein, doziert Schulz. Aber ergibt das schon ein gutes Team? Nein, eine Gemeinschaft soll entstehen. Es sei die emotionale Ebene im Orchester, ergänzt Harnischfeger, die den Unterschied zu vielen Firmen ausmache, also die bedingungslose Hingabe und Begeisterung für die Musik. Genau hier zeige sich die Qualität des Dirigenten, der es verstehen müsse, den ausführenden Musikern seine Sichtweise des Werkes zu vermitteln und dies mit dem vollen Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit – über die Körper- und Zeichensprache bis hin zu den kleinsten Gesten. Im Idealfall setzen sich die Impulse, die der Dirigent aussendet, wie Wogen im Kornfeld durch das ganze Orchester fort. So wie ein Geschäftsführer die Struktur der Firma und ihre Hierarchien kennen muss, sollte der Dirigent wissen, wo der Konzertmeister, die Stimmführer und die einzelnen Instrumente sitzen, um den Orchester-Apparat leiten zu können.

Workshop “Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Workshop "Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Mit diesem Wissen ausgerüstet, geht es ans praktische Arbeiten. Was auf den ausgeteilten Blättern und bei den Profis so einfach aussieht, entpuppt sich bei der Stab-Übergabe an die Probanden als ein vertracktes Bewegungsmuster, das auf Anhieb gar nicht so leicht nachzumachen ist.
Unsere Aufgabe besteht darin, einen Pianisten zu dirigieren, der die Klaviertranskriptionen bekannter Werke wie etwa der “Unvollendeten” von Schubert genau so zum Besten gibt, wie sie ihm von uns vorgewedelt werden. Nun: Die Ergebnisse klingen bei jedem von uns anders.

Am Abend steht der gemeinsame Besuch eines Konzertes mit den Berliner Philharmonikern auf der Agenda. Sir Simon Rattle dirigiert Werke von Ligeti, Beethoven und Sibelius, und alle Teilnehmer des Workshops sitzen hinter dem Orchester. So erleben wir Sir Simon von vorn und können sein Dirigat eingehend studieren. Tatsächlich sehen viele von uns zum ersten Mal bewusst, welchen Sinn die Bewegungsabläufe haben.

Am nächsten Morgen treffen wir uns zum “Tag der Entscheidung” vor dem Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie wieder. Die Stimmung unter den Teilnehmern ist gelöster als noch am Tag zuvor – kein Wunder, haben wir doch bei den gestrigen Dirigierversuchen vor dem Pianisten schon einen Teil unserer Persönlichkeit zu erkennen gegeben.

Bevor es an die eigentlichen Werke von Mendelssohn, Brahms und Schubert geht, beginnen wir mit der C-Dur-Tonleiter: Linke Hand heben: Crescendo. Senken: Decrescendo. Arm zu Seite bewegen und Faust mit einer raschen Greifbewegung ballen: Akkord beenden. Eigentlich könnte man den Tag damit verbringen, dieser Tonleiter ihre unerschöpflichen interpretatorischen Möglichkeiten abzulauschen, aber die Zeit drängt. Brahms & Co. warten darauf, von uns gespielt zu werden. Jetzt kribbelt in jedem echtes Lampenfieber.

Los geht es mit dem Beginn der “Unvollendeten” von Schubert. Schulz zeigt noch einmal, wie es richtig ist – und es ist förmlich mit Händen zu greifen, wie intensiv diese todtraurige Musik auf uns Adepten wirkt, die wir mitten zwischen den “Berliner Jungen Sinfonikern” sitzen und die Musik so buchstäblich aus einer “unerhörten” Perspektive wahrnehmen. Nach ein paar Takten bricht der Maestro ab und übergibt die Stabgewalt an uns. Viele von uns scheitern nur daran, den richtigen Blickkontakt aufzubauen oder Takt zu halten. Auch ich verhaspele mich, finde nicht in den Rhythmus und werde nervös. Das Orchester reagiert wie ein Seismograph und meldet diese “Erschütterungen” sofort mit “falschem” Spiel. Diese negative Rückkopplung führt dazu, dass ich noch mehr aus dem Tritt komme und vollends den Faden verliere. Glücklicherweise bricht Schulz ab. Die Bezeichnung “Unvollendete” bekommt einen unfreiwillig komischen Nebensinn.

Workshop “Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Workshop "Dirigieren & Führen”; Foto: Robert Beske

Nach einer Verschnaufpause dürfen wir wählen, welches der fünf zur Auswahl stehenden Werke wir dirigieren wollen. Die kreative Unterbrechung zeigt Wirkung: Sei es, dass das Lampenfieber zurückgegangen ist oder Hemmschwellen gesunken sind – die Resultate können sich jetzt schon viel eher hören lassen. Als die Reihe an mir ist, entscheide ich mich für den “Ungarischen Tanz Nr. 5″ von Brahms. Es klappt – wie von Zauberhand: Der Auftakt stimmt, ich finde in den Rhythmus und schaffe es, das Orchester “mitzunehmen” und von meiner Tempi-Gestaltung zu überzeugen. Ein großes Glücksgefühl beginnt meinen ganzen Körper zu durchströmen, aber die Endorphine benebeln den Geist nicht, sondern schärfen ihn. Ich spüre, wie meine Bewegungen zugleich gelöster und konzentrierter werden. Die Musiker “antworten” darauf mit noch besserem Spiel. Und so erfahre ich am eigenen Leib: Intensiver als durch eine gelingende “Klangrede” und ein geglücktes “Wechselgespräch” zwischen Dirigent und Orchester lässt sich Kommunikation nicht erleben.

Später treffen wir uns zum letzten Programmpunkt “Austausch von Eindrücken und Erfahrungen”. Die Euphorie wirkt spürbar nach. Alle Teilnehmer sind begeistert. Jemand versteigt sich sogar zu der Bemerkung, man könne sich nach diesem Workshop den Psychologen sparen, weil das Orchester ein besseres und sensibleres Gegenüber als viele Therapeuten sei und Persönlichkeitssignale viel unmittelbarer zurückspiegele. Schulz und Harnischfeger können zufrieden sein – und sind es auch, ihr Konzept ist mehr als aufgegangen. Zum Abschied drückt uns Professor Schulz einen originalen Rohema-Dirigierstab in die Hand – “damit Sie den Workshop in Erinnerung behalten”. Als ob man ein solches Erlebnis je vergessen könnte!

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