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“Hier ist die Mitte der Welt”

13. September 2007

Berliner Phil“Man ist da wo die Musik herkommt - in der Musik.” (Max Frisch)

Von Thomas Bongartz

Oft werde ich gefragt, wo er denn nun sei, der schönste Platz Berlins. Block H, Reihe 2, Platz 17 lautet dann immer meine Antwort.
Unsere Philharmonie, immer noch so seltsam an den Rand gedrückt, man muss sie erst umrunden oder einen Parkplatz überqueren um hineinzugelangen. Doch wer einmal das in barocker Fröhlichkeit heiter swingende Foyer durchwandert hat und in den berauschend schönen Saal getreten ist, weiß, ” Hier bin ich zu Hause”.

Vor 25 Jahren bin ich nach Berlin gezogen, als allererstes habe ich die Philharmonie aufgesucht und dabei ist es bis heute geblieben. In keinem Saal der Welt ist die Gemeinschaft von Orchester, Solisten und Zuhörern stärker, das Erfahren von Klang und Raum inspirierender, das Erleben der Musik unmittelbarer. Raum – Musik – Mensch, die Vision Scharouns ist wahr geworden und bei dem seltenen Glück, im betörendsten Saal der Welt das beste Orchester der Welt zu hören, lässt sich nur mit den Worten Richard von Weizsäckers ausrufen: “Hier ist die Mitte der Welt.”

Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar, mit welch harten Bandagen um den Bau der Philharmonie gestritten und gerungen wurde, wie unendlich schwer die Philharmonie gegen erhebliche Widerstände durchzusetzen war. Das Projekt drohte jederzeit zu scheitern. Ein kurzer Blick zurück.

Wer kann sich heute noch vorstellen, wie die 1882 gegründeten Berliner Philharmoniker (damals noch Berliner Philharmonisches Orchester) ihre ersten Konzerte gegeben haben. Noch ohne festes Haus wird an ständig wechselnden Orten munteren Kaffeegesellschaften aufgespielt. Da erstaunt es nicht, dass ein Ort geselligen Vergnügens zur ersten festen Heimat der Philharmoniker wird. In einer ehemaligen Rollschuhbahn, anfangs noch als “Bierdom” betitelt, dann hoffnungsvoll in “Philharmonie” umbenannt, wird vor einem gemütlich tafelndem Publikum konzertiert.

Hier in der Bernburger Straße werden die Berliner Philharmoniker die nächsten sechzig Jahre spielen. Mit Franz Wüllner als Dirigent beginnen im Oktober 1882 die ersten Abonnementkonzerte. Das völlig unzureichende Gebäude wird 1888 von Franz Schwechten, Architekt des Anhalter Bahnhofs und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, umgebaut. Aus der ehemaligen Rollschuhbahn wird bis zum Ende des zweiten Weltkrieges einer der zentralen Orte im Berliner Musikleben. Auf 1.300 sehr harten und geräuschvoll knarrenden Holzstühlen versammelt sich das Bürgertum, während die weniger begüterten Musikliebhaber auf die über 900 Stehplätze verwiesen werden. Hier wird unter Hans von Bülow und Arthur Nikisch der philharmonische Ruhm begründet, finden unzählige Uraufführungen statt, treten von Johannes Brahms bis Igor Strawinsky die bedeutendsten Komponisten auf, dirigiert Bruno Walter seine eigene Konzertreihe, führt Wilhelm Furtwängler die Philharmoniker zu ungeahnten Höhepunkten.

Im Januar 1944 ist es damit vorbei, der Saal wird bei einem Bombenangriff zerstört, die Philharmoniker werden heimatlos. Trotz aller Vorbehalte gegen die Architektur der alten Philharmonie, einer mit billigstem Dekor ausgestatteten gründerzeitlichen Scheußlichkeit, “aber geadelt, durch die Musik, die in ihr erklang” (Wolfgang Stresemann), hatte sich im Laufe der Jahre so viel Tradition in diesem Hause angesammelt, dass in Erinnerung an die vielen glanzvollen Konzerte so mancher den sofortigen Wiederaufbau fordert. Vor dem Hintergrund des Streites um den Philharmonie-Neubau mag man sich gar nicht vorstellen, wie die Geschichte im Falle einer nicht oder nur wenig zerstörten Philharmonie wohl weiter gegangen wäre.

Erstaunlich kurz nach Ende des Krieges kann im Mai 1945 das erste Konzert gegeben werden. Im unzerstörten Steglitzer Titaniapalast, einem wuchtigen Filmtheater mit mehr als 2000 Plätzen, beginnt mit Leo Borchard und Mendelssohns “Sommernachtstraum” eine neue Epoche. Unter einer sich imposant über dem Podium wölbenden Kinoorgel finden bis 1954 die meisten Konzerte der Philharmoniker statt. Hier wird 1947 das Wiedersehen mit Wilhelm Furtwängler gefeiert, hier beginnt die große Zeit von Sergiu Celibidache. Mit dem Einzug in den neuen Konzertsaal der Hochschule der Künste bricht die Ära Karajan an. Der von Paul Baumgarten errichtete, sachlich nüchterne und wenig geliebte Saal, 1954 von Georg Solti eingeweiht, wird zur letzten Station der Philharmoniker vor dem Umzug in das neue Haus.

Bereits kurz nach Ende des Krieges wird über ein neues Haus für die Berliner Philharmoniker nachgedacht. Unter Mitwirkung führender Politiker wird 1949 die “Gesellschaft der Freunde der Berliner Philharmonie” gegründet. Unermüdlich werden Spenden gesammelt, Sonderbriefmarken aufgelegt, Tombolas veranstaltet. Doch wo soll die Philharmonie gebaut werden? Der alte Standort scheidet aus, die gesamte Gegend rund um den Potsdamer Platz liegt in Trümmern und ist durch die politische Teilung der Stadt in Randlage geraten. Endlose Debatten. Die Philharmonie soll in das westliche Zentrum rücken. Hinter dem Joachimsthalschen Gymnasium, da wo sich heute die Freie Volksbühne von Fritz Bornemann befindet, soll die Philharmonie gebaut werden. Das im klassizistischen Stil errichtete Gebäude soll als Haupteingang fungieren, auch der neue Kammermusiksaal und die Nebenräume sollen hier untergebracht werden. Ironischerweise wäre die neue Philharmonie ähnlich ihrem Vorgängerbau wieder im Hinterhof gelandet.

1956 wird endlich ein Wettbewerb ausgeschrieben. Als wesentliche Anforderungen gelten das Grundstück selbst und die Akustik, die mit 2,0 Sekunden Nachhallzeit der alten Philharmonie gleichen soll. Außer der angestrebten Größe von ca. 2.000 Plätzen werden bezüglich des Saales keine Vorgaben gemacht. Mit dem Bau soll 1957 begonnen werden.

Das Preisgericht entscheidet sich mehrheitlich für den Entwurf 002200. Es ist der von Hans Scharoun. Herbert von Karajan verkündet begeistert. “Von allen eingereichten Entwürfen scheint uns mit Abstand derjenige den Vorzug zu verdienen, der als sein Grundprinzip die Einbeziehung des ausführenden Klangkörpers in die Mitte des Saales vorsieht.” Karajan, der sich von dem Akustiker Fritz Winckel beraten lässt, glaubt hier den für Ihn typischen Stil des Berliner Philharmonischen Orchesters “… das lange weiträumige Ausschwingen und der besondere Atem im Beginn und Ende einer musikalischen Phrase” besonders gut zum Ausdruck bringen zu können.

Was waren die Alternativen? Was haben die anderen neun Wettbewerbsteilnehmer vorgeschlagen?
Allen gemeinsam ist das Festhalten an der tradierten Sitzordnung. Sowohl der 2. Preisträger Hermann Fehling, als auch der mit dem 3. Preis bedachte Karl-Wilhelm Ochs übernehmen das Prinzip der Guckkastenbühne und einer hierarchisch gegliederten Ordnung aus Parkettebenen und darüber angeordneten Rängen.

Mit der Entscheidung für den Entwurf von Hans Scharoun beginnt ein zähes Ringen um die Verwirklichung. Der Entwurf soll zu Fall gebracht werden. Doch es regt sich auch Protest. So fragt Hans-Heinz Stuckenschmidt 1956 “wird das Beste nicht gebaut?” und “wann wäre Großes je bequem gewesen?” Doch erst Karajans Drohung, Berlin zu verlassen, leitet zögerlich die Wende ein.

1959 wird beschlossen, die Philharmonie von der Bundesallee an den Kemperplatz zu verlegen. Die Mauer steht noch nicht und so soll die Bedeutung der Philharmonie für ganz Berlin unterstrichen werden, die Lage im völlig zerstörten Zentrum Selbstbewusstsein und Zuversicht symbolisieren.

Auch wenn nimmermüde Widersacher das Gebäude für nicht baubar halten, fordern, den Entwurf erst einmal “an den Ecken abzuschleifen, überflüssige Kanten glatt zu bügeln”, wird am 19. September 1960 der Grundstein gelegt. Unter ungeheuren Anstrengungen und trotz erheblicher Sparzwänge, kann die Philharmonie am 15. Oktober 1963 mit einem Konzert unter Herbert von Karajan eingeweiht werden. Noch ohne die heute bekannte Fassadenverkleidung, steht die Philharmonie nun einsam und verlassen im Niemandsland des alten und mittlerweile von einer Mauer geteilten Berliner Zentrums.

Der Saal ist eine solche Sensation und erregt so großes Erstaunen, dass in der ersten Saison selbst die von vielen so ungeliebte Konzertreihe “Musik des 20. Jahrhunderts” ausverkauft ist. Niemand, ob zustimmend oder ablehnend, der sich durch den Bau nicht herausgefordert sah. Otto Klemperer konnte sich mit dem Saal nicht anfreunden und machte aus seiner Missbilligung, ähnlich einiger weniger Kollegen, keinen Hehl. “Eine Missgeburt” (George Szell), und Hans Knappertsbusch lehnte alle Konzerte in der Philharmonie mit den Worten “Ich lasse mir doch nicht ins Gesicht sehen” ab. Für Hans-Heinz Stuckenschmidt ist die Philharmonie “eine grandiose Klangburg”, während Friedrich Herzfeld “die Hässlichkeit und Disharmonie der Außenform” bemängelt. Vladimir Horowitz beanstandete später lediglich das Fehlen eines großen Lüsters.

Aber was ist nun das Geheimnis der Philharmonie? Warum ist insbesondere der Saal, trotz vieler versuchter Nachschöpfungen nie wieder erreicht, so einzigartig geblieben?Rein rational oder technisch kann die Frage nicht beantwortet, die Magie des Raumes nicht erklärt werden. Vielleicht hat es Max Frisch in seinem euphorischen und voll Dankbarkeit erfüllten Brief an Scharoun unbewusst ausgesprochen: “Dieser Raum ist eine der großen Schöpfungen unseres Jahrhunderts.” Eine Schöpfung – keine Planung, erschaffen aus der Empfindung eines humanistischen Menschenbildes. Die Inspiration mag aus dem Zentralraum barocker Kirchen kommen, ein direktes Vorbild gibt es nicht. Im Signet der Philharmonie, dem dreifachen Pentagon, Raum-Musik-Mensch versinnbildlichend, steckt bereits ein Geheimnis. Fälschlicherweise immer wieder als Grundrissform der Philharmonie interpretiert, kommt hier die Magie der fünften Ecke als Zeichen des Geheimnisvollen und Unerklärlichen, des Spirituellen und Schöpferischen zum Ausdruck.

Jeder Konzertbesuch beginnt im Foyer. Heiter und würdevoll empfängt eine bewegte Landschaft die Besucher und stimmt als Präludium auf den Abend ein. Festlich ohne feierlich zu sein, repräsentativ ohne förmlich zu sein, frei von jeder herrschaftlichen Geste strömen hier die Räume unter dem als Decke schon sichtbaren Saal hindurch. “Wie Bäche” (Scharoun) fließen die Treppenläufe herab. Immer neue Durchblicke, ständig wechselnde Perspektiven, überraschende dynamische Wendungen, das Foyer ist nicht auf einen Blick begreifbar. Es muss wandernd erlebt werden.

Auf leichten V-Stützen ruht der Saal fast schwerelos. Wer diesen nach der heiteren Gelassenheit des Foyers betritt, wird sanft aus seiner Alltagswelt entführt. Auch nach hundertfachem Besuch begrüße ich den Saal wie einen guten alten Freund. Scharouns Bilder vom Saal sind schon oft zitiert worden. Das Tal, der Grund, die Weinbergterrassen, der Berghang, das Sternenzelt, die Himmelschaft. Scharouns maritime Heimat (Bremen) ist unübersehbar. Terrassen wie Schiffsdecks, Brüstungen an denen man wie an einer Reling lehnt, Emporen als Ausguck, der Schiffsbug, dessen Kiel im Foyer über den Stützen sichtbar ist, die Bullaugen der Fassaden.

“Überall dort, wo Musik erklingt, schließen Menschen sich zu einem Kreis zusammen” (Scharoun). Der Kreis als Urform und Sinnbild der Gemeinschaft. Hier ist sie erlebbar, demokratisch, ranglos. Trotz der Größe des Saales mit immerhin gut 2.400 Plätzen gibt es keinen schlechten Platz. Wer hautnah erleben will, dass Kunst manchmal auch Handwerk bedeutet, setzt sich auf den Podiumsplätzen einfach zum Orchester dazu. Nirgendwo auf der Welt gibt es ein vergleichbares Erlebnis. Wer verfolgen will, mit welch geheimnisvollen Zeichen der Dirigent das Orchester durch die Partitur lotst, sitzt in den Blöcken hinter oder neben dem Podium. Die Größe des Saales ist erlebbar aber kaum spürbar, weit und intim zugleich, wer also lieber den Überblick behält, sitzt weiter hinten und ist dem Orchester doch ganz nah.

Nur ganz gelegentlich dringt die Außenwelt in Form eines Klingeltoncrescendos ein, das neuerdings zu einer bahnhofshallenartigen Ansage geführt hat, nach der man jeden Moment die Einfahrt des Orchesters erwartet. Bitte wieder abschaffen!

Die außerordentlich gute Akustik des Saales ist erst im Laufe der Jahre verfeinert und optimiert worden. Wolfgang Stresemann befand die Akustik anfangs noch als “hundsmiserabel schlecht”. Damit die im Stehen wesentlich besser klingenden Streicher wieder Platz nehmen können, wird das Podium 1964 um einen halben Meter angehoben. 1973 wird für Fernsehaufnahmen ein stufenförmiges Podium eingebaut.

Eher zufällig wird eine bemerkenswerte Klangverbesserung festgestellt und Karajans Vorliebe für das sogenannte Filmpodium führt 1975 zum Einbau des variablen Podiums, das heute jeder kennt. Fast unbemerkt hat sich hierdurch die korbbogenförmige Sitzanordnung zu einem Halbkreis geformt.

Putz, der während einer Orchesterprobe unter Ricardo Muti von der Decke fällt, führt 1990 zum großen Expertenstreit. Monatelang toben Glaubenskämpfe, wird ein Gutachten nach dem anderen vorgelegt. Manch einer wird sich noch an das engmaschige Netz erinnern, das über ein Jahr lang zum Schutz über Zuhörern und Orchester schwebt. Der Streit kann nur durch ein sicherlich nicht ganz risikoloses Machtwort des damaligen Bausenators Nagel beendet werden. Die Decke wird vollständig erneuert und nicht saniert. Die Philharmoniker müssen in das Schauspielhaus (heute Konzerthaus) und in den Kammermusiksaal umziehen. 1992 nimmt ein glücklicher und zufriedener Claudio Abbado den Saal mit den Gurreliedern wieder in Besitz, auch wenn einige Hardliner behaupten die Akustik hätte sich verschlechtert.

1987 wird der lang ersehnte Kammermusiksaal eröffnet. Herbert von Karajan dirigiert vom Cembalo aus die “Vier Jahreszeiten”. Dieser Saal kann den Zauber der Philharmonie nicht wiederholen. Auch wenn hier viele herausragende Konzerte stattfinden, die Atmosphäre gewinnt sobald das Saallicht erlischt und die Musik erklingt, ist er doch ein wenig groß geraten. Nicht nur die weit in den Raum ausschwingenden Emporen und der breite, eine trennende Zäsur bewirkende, Umgang stören. Die Farbgebung der Polsterung bleibt Geschmackssache. Trotzdem ist der Saal unverzichtbar.

Der Bau der Berliner Philharmonie ist nicht folgenlos geblieben, hat bis zu japanischen Wünschen nach einer Kopie viele Nachahmer gefunden. Doch kein Saal ist dem Geheimnis der Philharmonie je auf die Spur gekommen. Zu oft wurde lediglich die neue Sitzanordnung adaptiert ohne die vielfältigen Bezüge und Verschränkungen, das Fließen von Räumen und Ebenen aufzugreifen. Der bekannteste deutsche Nachfolger, das neue Gewandhaus in Leipzig macht da keine Ausnahme.

Später erbaute Säle, wie die in Köln und München, sind wieder zu traditionellerer Sitzanordnung zurückgekehrt. Insbesondere in München hat der Wunsch nach Multifunktionalität und damit verbundener Ausrichtung auf Vermarktbarkeit zu keinem guten Ergebnis geführt. An der miserablen Akustik des viel zu großen und schlecht proportionierten Saales beißen sich die Akustiker bis heute die Zähne aus. Schon Leonard Bernstein forderte den Saal gleich wieder abzureißen: “Burn It”.

Zur Zeit ist wieder ein Konzerthausboom zu erleben. Allein im Ruhrgebiet entstehen Säle im Minutentakt. Zwei Tendenzen sind auszumachen:
Konzepte, die sich direkt auf das Vorbild der Philharmonie beziehen, dieses variieren und neu interpretieren (Disney Hall Los Angeles von Frank Gehry, Philharmonie Paris von Jean Nouvel, Elbphilharmonie Hamburg von Herzog & de Meuron) und die Rückkehr zum bereits für ausgestorben befundenen Schuhschachtelprinzip (KKL Luzern von Jean Nouvel, Philharmonie Luxemburg von Christian de Portzamparc, Festspielhaus Baden-Baden von Wilhelm Holzbauer). Daneben entstehen Säle mit fächerförmigem Grundriss, die ihre konventionelle Gewöhnlichkeit unter möglichst spektakulärem Kleid zu verstecken suchen (Auditorium Teneriffa von Santiago Calatrava).

Zur Renaissance der Schuhschachtel haben sogenannte Akustikgurus wesentlich beigetragen. Als ewiges Vorbild muss hier der Wiener Musikvereinssaal herhalten, dessen sicher überragende Akustik über eine gewisse museale Erstarrung nicht hinwegtäuschen kann.

So gilt der Saal des Kultur – und Kongresszentrums Luzern, vom amerikanischen Akustiker Russell Johnson (Guru) in Form getrimmt, vielen als derzeit bester Saal der Welt. Eine Schuhschachtel, von höfischen Rängen umgeben, mit allen nur denkbaren technischen Raffinessen zur Justierung der Saalakustik ausgestattet. Dem Architekten Jean Nouvel blieb da nur noch eine eindrucksvoll moderne Hülle herbeizuzaubern. Wer sich selbst davon überzeugen will, kann dies im Oktober beim Konzert der Egerländer Musikanten tun. Dann ist das Festivalpublikum auch wieder abgereist.

Konzerthäuser geraten zunehmend in den Sog der Unterhaltungsindustrie mit ihrem billigen Nepp. Als Galaabende getarnte Veranstaltungen mit den immer selben Protagonisten bedienen den Geschmack, den sie selbst erst hervorgerufen haben. Wer endlich einmal “die größte internationale Show aller Zeiten” erleben will, fährt zum “Riverdance” nach Baden-Baden.

Was hat das mit der Philharmonie zu tun?
Wieder ins Zentrum der Stadt gerückt, muss sich auch die Philharmonie für die Zukunft neu positionieren. Von einer Eventisierung ist die Philharmonie bisher verschont geblieben. Zu fest ist mit den Berliner Philharmonikern an der Spitze das unglaublich reiche und auf höchstem Niveau etablierte Orchesterleben in dieser Stadt verankert. Gelegentliche Spitzentreffen deutscher Autohändler und Anlageberater, die auf Einladung des Sponsors fröhlich in die Sätze klatschen, müssen wohl hingenommen werden.

Berliner PhilharmonieDoch angesichts der heiteren Schar in Ehren ergrauter Abonnenten, stellt sich schon die Frage: “Wer kommt morgen?”. Auch an der Philharmonie selbst ist der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Das Foyer hat mittlerweile Staub angesetzt und zaghafte Versuche die Pflanzinseln zugunsten verbesserter Gastronomie zu entfernen, haben sogleich zu Konflikten mit der Denkmalpflege geführt.

2002 kann endlich ein Shop eingebaut werden und wer zum Frühstück unbedingt seine Philharmonikertasse braucht, wird hier fündig. Die Außenanlagen wirken wenig einladend, die Pausenterrassen geradezu piefig und überall bröckelt die Farbe, was im armen Berlin anscheinend niemanden mehr stört. Die miefige Atmosphäre im angebauten Musikinstrumentenmuseum ist geradezu erdrückend.

Für Scharoun war die Philharmonie nur ein erster Baustein des Kulturforums. Dieses muss im Geiste Scharouns, aber in zeitgemäßer Architektursprache und nach heutigen Bedürfnissen vollendet werden. Der Berliner Senat hat hierzu wieder Großes beschlossen. Ein sogenannter Masterplan wurde aufgestellt.

Was bedeutet das für die Philharmonie? Das Haus muss sich endlich ganztägig öffnen. Das stresemannsche Motto “Und heute abend in die Philharmonie” ist nicht mehr zeitgemäß. Den größten Teil des Tages steht das Haus da wie verwaist und ist hermetisch abgeschlossen. Natürlich wird hier viel geprobt und gearbeitet, doch die vielen Möglichkeiten, die in diesem Haus stecken, werden kaum genutzt. Dabei wäre so vieles möglich. Am einmal im Jahr stattfindenden “Tag der Musik” bekommt man eine Ahnung davon. Es gibt kein Café, kein Restaurant, der Shop ist tagsüber geschlossen, es wird fast nur im Verborgenen geprobt, Ausstellungen sind nur Eingeweihten zugänglich. Aktivitäten, die auch am Tage ein neues, junges Publikum ans Haus binden, finden keine statt. Seit Jahrzehnten ist das allabendliche Konzertritual unverändert geblieben. Muss das so sein?

Erste kleine Schritte werden gemacht, es bewegt sich was. Neu sind moderierte Familienkonzerte am Nachmittag, Ab der kommenden Saison wird es einmal die Woche sogenannte Lunchkonzerte geben – vielleicht ein Anfang. Das Haus will offener werden. Zusammen mit dem Orchestervorstand hat es hierzu unter Federführung des Senats und den Architekten Sauerbruch/Hutton erste Gespräche gegeben. Der Parkplatz soll zugunsten eines einladenden attraktiven Stadtplatz aufgegeben werden. Ein angrenzender dezenter Neubau soll ein Restaurant, einen Shop sowie Büro – und zusätzliche Probenräume für die Philharmoniker aufnehmen. Hier lässt sich noch mehr erträumen. Warum nicht eine Galerie mit programmbezogenen Ausstellungen angliedern, ein zugängliches Archiv mit angeschlossener Bibliothek integrieren, Räume für Vorträge und Lesungen, ein musikalisches Filmforum, Foyer und angrenzende Räume für neue Konzertformen öffnen, Werkstattkonzerte und moderierte Proben und und und? Das Haus sollte vollständig in die Hände der Philharmoniker gegeben werden, um zusammen mit den anderen Berliner Spitzenorchestern breit gefächerte Aktivitäten zu entwickeln. Die Berliner Philharmoniker sind das Orchester des 21. Jahrhunderts hat Sir Simon als Parole vorgegeben. Das muss für das gesamte Haus gelten! Erste Planungen gehen in die richtige Richtung.

Bald ist es wieder soweit, die neue Saison wird eröffnet, endlich wieder Philharmonie. Beim großen Wiedersehen im Saal, dem kein Alter etwas anhaben kann, der wie immer zeitlos jung und frisch ist, wird sich die Gemeinschaft aus Zuhörer und Orchester wieder bilden, wird das Geheimnis dieses Raumes wieder zu erleben sein. Und wenn wir dann den Saal am Ende wieder viel zu schnell verlassen müssen, denke ich dankbar mit Max Frisch: “Ich sehne mich nach diesem Raum”.

Thomas Bongartz ist Architekt und lebt in Berlin.

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8 Kommentare zu ““Hier ist die Mitte der Welt””

Jan Renner

13. September 2007 um 22:44 Uhr

Lieber Herr Bongartz,
vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel.
Denjenigen Lesern Ihres Beitrages, die sich nach der Lektüre Ihres Beitrages noch eingehender mit der Architektur der Philharmonie befassen wollen, sei das Buch des vor wenigen Monaten verstorbenen Mitarbeiters Hans Scharouns, Edgar Wisnieswski (Die Berliner Philharmonie und ihr Kammermusiksaal), ans Herz gelegt.
So war es auch Wisniewski, der Max Frisch durch den neu erbauten Saal der Philharmonie führte, woraufhin Frisch einen Brief an Scharoun mit den oben zitierten Worten verfasste.

Marta Hartmann

14. September 2007 um 13:04 Uhr

Lieber Herr Bongartz,

danke, das ist wirklich ein sehr schöner Blick auf die Philharmonie. Bei meinem nächsten Besuch in disem Haus, werde ich mit Hochachtung auf den schönsten Platz der Welt schauen.Block H, Reihe 2, Platz 17.
Ein sehr informatives Lesevergnügen!

Jan Renner

14. September 2007 um 15:35 Uhr

Liebe Frau Hartmann,
da lade ich Sie gerne ein, denn mein Aboplatz befindet sich zufälligerweise in Block H, Reihe 2 und ich kann das nächste Konzert nicht besuchen.
Viele Grüsse
Ihr
Jan Renner

Wolf Seesemann

15. September 2007 um 11:46 Uhr

Lieber Herr Bongartz,

danke für den informativen Artikel. Vielleicht ist Block H Reihe 2 der schönste Platz – ganz sicher bei reinen Orchesterprogrammen, (wenn nicht gerade Varese, den ich sehr liebe, der aber mit seiner Schlagwerkerarmada die Akustik der Blöcke hinter dem Orchester die anderen Instrumentengruppen akkustisch zu stark hervortreten läßt); besonders schwierig wird es, wenn Gesangsolisten, oder auch Violinsolisten dazu kommen. Hier ist das Erlebnis dann leider frustrierend. Bei Mahlers 4. Sinfonie sind die ersten 3 Sätze sicher optimal vom Block H aus zu erleben, aber im 4. Satz beim “Himmlischen Leben” des Soprans fühlt man sich doch den Blöcken vor dem Orchester sehr benachteiligt, nicht gleich in der Hölle, aber dem himmlischen Leben sehr entrückt.
Grüße
Wolf Seesemann

Thomas Bongartz

15. September 2007 um 14:17 Uhr

Liebe Frau Hartmann, lieber Herr Renner
Vielen Dank für Ihre aufmunternden Kommentare. Da freue ich mich ja schon darauf Ihnen einmal im Block H Reihe 2 zu begegnen.
Das Buch von Herrn Wisniewski ist wirklich zu empfehlen. Ich empfehle auch noch das Buch von Ulrich Conrads ” Berlin Philharmonie ” aus dem Jahre 1964. Leider vergriffen, aber ab und an über zvab erhältlich.

Lieber Herr Seesemann
Sie haben natürlich völlig recht. Bei Gesangssolisten ist dieser Platz nicht optimal. Dann setze ich mich auch woanders hin.
Überdeutlich ist der Unterschied immer dann zu hören, wenn sich die Gesangssolisten, meist bei Zugaben in Solokonzerten, während des Vortrages einmal im Kreise drehen. Ich habe das einmal bei Cecilia Bartoli so erlebt, der akustische Unterschied ist beträchtlich.

Mit den besten Grüssen, Thomas Bongartz

Jan Renner

19. September 2007 um 20:09 Uhr

Lieber Herr Bongartz,
die Akustikfrage war wohl auch der Hauptgrund, weshalb vor
allem Abbado die Gesangssolisten oftmals halb rechts bzw halb links im bzw hinter dem Orchester aufgestellt hat (zB die beiden Solisten bei des Knaben Wunderhorn). Bei der 4. Mahler würde ich mich aber auch lieber vor das Podium setzen. Bei der letzten wundervollen Aufführung dieses Werkes mit Abbado brachte das allerdings auch keine Besserung: Dies lag diesmal nicht an der Akustik, sondern an der Unpässlichlichkeit der Sängerin (Frau Fleming).
Mir schien das Akustikproblem auf den Podiumsplätzen (die ich Block H vorziehe, denn dort ist man wirklich “in der Musik”) geringer zu sein. Insbesondere bei Instrumentalkonzerten (Klavier, Streicher ausser Cello und Bass) finde ich es dort nicht schlechter als in anderen Bereichen.
Ich habe dort (Posium) viele Konzerte zusammen mit Edgar Wisniewski und seiner Frau erlebt und ich kann sagen, dass es nirgendwo eine Möglichkeit gibt, ähnlich intensiv Musik zu erleben. Eben “in der Musik”.
Viele Grüsse
Ihr
Jan Renner

Marta Hartmann

24. September 2007 um 01:45 Uhr

Lieber Herr Renner,

vielen Dank für das Angebot, dass ist aber sehr nett.
Schade, das ich Ihr Angebot nicht eher gelesen habe. Nun werde ich erst wieder im November in Berlin sein.
Dann melde ich mich dann wohl am Besten bei Ihnen, auch wenn der Platz von Ihnen selbst genutzt wird, können wir uns gerne auf ein Pausengetränk über die herrliche Akkustik des Hauses unterhalten.

Herzlichst
Marta Hartmann

richter

14. Dezember 2007 um 23:37 Uhr

Lieber Herr Bongartz,
vor ziemlich genau 23 Jahren habe ich auch mal mit einem Herrn Bongartz einen sehr schönen Abend in der Philharmonie erlebt.
Auf was man nicht so alles stößt beim Stöbern im www während die Kinder schlafen…
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Genuss beim Musik machen und hören,
schöne Grüße aus Freiburg,
Katja Richter

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