Hinter dem Vorhang wartet die Arbeit
Wer sind die “guten Geister”, die unsichtbaren Dienstleister hinter den Kulissen der Bayerischen Staatsoper?
Von Richard Eckstein
Auf der Bühne stehen Gesangssolisten, Chor, Tänzer und Statisten. Im Graben spielt das Bayerische Staatsorchester. Doch so manche gewichtige Arbeit wird in der Regel vom Publikum nicht wahrgenommen: Wofür ist zum Beispiel ein Technischer Direktor, Werkstättenleiter oder Künstlerischer Betriebsdirektor verantwortlich? Sind sie die eigentlichen Strippenzieher? Fragt man nach, ist schnell zu erkennen: Planung, Logistik, Engagement, Improvisation, Kreativität und Verantwortung – so lauten die magischen Zauberworte, durch deren geniale Mischung die Bayerische Staatsoper auf einzigartigem Niveau betrieben werden kann, als eines der größten Repertoiretheater der Welt.
Hinter Orchestergraben und Portalrahmen, auf der Bühne, erlischt der festliche Glanz, der den Zuschauerraum normalerweise umgibt. Hier wird gearbeitet. Wir stehen dort mit Ralf Wrobel, dem Technischen Direktor des Hauses, schauen zu und stellen Fragen. Gerade installieren zahlreiche Bühnenarbeiter eine riesige Projektionsfläche, die für Filmausschnitte innerhalb des neuesten Tanzabends von Jiři Kylián gebraucht wird. Die Abendvorstellung naht.
Für alle, die nur den Blickwinkel auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters kennen, war die Uraufführung von Kyliáns abendfüllendem Ballett “Zugvögel” am 3. Mai ein aufschlussreiches Erlebnis: Im ersten Teil schickte der Choreograf das Publikum auf Spurensuche in die Unterbühne, in “die Gedärme dieses fantastischen Gebildes Theater”, wie er verkündete. Nach einer gut halbstündigen Tour aus der Versenkung kommend, sah sich der Zuschauer unwillkürlich im Rampenlicht der riesigen, 800 Quadratmeter großen Hauptbühne stehen. Über eine spezielle Treppenanlage gelangte man erst in den Orchestergraben, um anschließend seinen Sitzplatz im Parkett oder Rang einnehmen zu können.
Wrobel ist für die Organisation des gesamten technischen Bereiches mit 280 Mitarbeitern (das größte Kollektiv an der Staatsoper, noch vor dem Orchester) zuständig, das heißt, auch für die Dekorationen. “Die Dekorationen werden in unseren Werkstätten in Poing (ca. 21 Kilometer vom Nationaltheater entfernt, Anm. d. Red.) gebaut. Dafür gibt es hier im Haus ein Planungs- und Konstruktionsbüro für die Berechnungen, bis die einzelnen Gewerke die Dekorationen in Poing herstellen. Die Originaldekos werden dann in die Probenarbeit integriert, ausgeleuchtet und akustisch behandelt. All dies gehört zu meinem Aufgabengebiet – Toilettenpapier auch.”
Die Arbeit wird nicht weniger: Bühnenbilder werden immer größer, architekturlastiger – und schwerer. “Das Haus in ‚Wozzeck‘ wog zum Beispiel acht Tonnen, die vom Schnürboden getragen werden mussten. Aber meine Mitarbeiter besitzen einen hohen Identifikationsgrad mit diesem Haus. Wenn Not am Mann ist, sind sie auch nachts da.”
Gibt es Inszenierungen im Staatsopern-Repertoire, bei denen die Hinterbühne zum Einsatz kommt – also offen und vom Zuschauerraum aus einsehbar ist? “Ja, eine solche ‚Altlast‘ gibt es noch, wegen der wir immer umdisponieren müssen, denn wir brauchen die Hinterbühne dringend als Lagerfläche.” Wieso? “Auf Hinter- und Nebenbühne müssen zeitgleich drei komplette Ausstattungen gelagert werden, damit wir unseren Repertoirebetrieb aufrecht erhalten können. Nach den Vorstellungen wird abgebaut. Am nächsten Mittag gibt es meist Proben für ein anderes Stück und abends folgt die Vorstellung eines neuen Werks.”
Auf der Hinterbühne werden gerade die Teile der zerlegten Drehbühne gelagert, die für die bald beginnenden Bühnenproben von “Aida”, der nächsten Opernpremiere am 8. Juni, gebraucht wird. Raumnot scheint eines der gravierendsten Probleme zu sein, mit denen man sich hier herumzuschlagen hat. Der Laie wundert sich nur in Anbetracht solcher Dimensionen, bei denen die Bühnenhöhe, die des Zuschauerraums noch überragt.
Wrobel kommt schnell auf den Punkt: “Mit den Künstlern gibt es manchmal auch Konflikte im Hinblick auf das, was machbar ist und was nicht. Die Bühne bedenkenlos mit Wasser zu fluten, geht zum Beispiel nicht, weil wir hier eine Lastbeschränkung pro Quadratmeter von 500 Kilo haben, in einzelnen bereichen zwar bis zu 1000 Kilo, aber eben nicht gleichmäßig. Unsere Priorität ist die Zufriedenheit der Künstler. Kunst ist dazu da, mehr zu wollen, als bislang geht, Grenzen zu verschieben. Wir versuchen, die Grenzen möglichst weit dahin zu verschieben, wo es der Künstler noch akzeptabel findet. Wir sind Dienstleister im Hintergrund.”
Wenn alles für die Abendvorstellung vorbereitet ist, machen die Bühnenarbeiter der Morgenschicht die Schotten dicht: Vor dem Bühnenportal, aber auch zwischen Haupt- und Hinterbühne sowie Haupt- und Seitenbühne werden die Eisernen Vorhänge herabgelassen. Völlige Dunkelheit.
Ortswechsel: Poing, eine kleine Gemeinde östlich von München. Hier versagt jedes Navigationsgerät. Ein extrem dezentes Schild verrät die Einfahrt zum mehrere Hektar großen Gelände der Bayerischen Staatsoper. Es könnte sich auch um Fabrikhallen handeln. Aber hier entsteht Kultur.
“Im Nationaltheater selbst befinden sich lediglich noch eine kleine Schreinerei und Schlosserei, um gegebenenfalls Reparaturen vorzunehmen oder Kleinstteile anzufertigen. Seit 1983 sind alle fünf Gewerke – Maler/Bühnenmaler, Raumausstatter, Theaterplastiker, Schreiner und Schlosser – an einem Ort vereint” – erläutert Mathias Kaschube, Leiter der Poinger Werkstätten mit ihren knapp 60 Mitarbeitern.
Im fast 6000 Quadratmeter großen Hallenkomplex werden immer neue Wünsche von anspruchsvollen Bühnenbildnern mit aller Professionalität erfüllt. Es gibt nur eine Ausnahme und die heißt: Gefährdung des Repertoirebetriebs. Und die tritt ein, wenn nicht gewährleistet ist, dass die Dekoration einer Oper, die gerade nicht gespielt wird, kurz vor oder nach der Vorstellung auf Teilen der Seiten- und Hinterbühne des Nationaltheaters, also auf 240 Quadratmetern, gelagert werden kann. “Sonst machen wir alles möglich”, versichert Kaschube.
“Der erste Kontakt zwischen Bühnenbildnern und uns findet in der Regel mehr als ein Jahr vor der jeweiligen Premiere statt. Etwa vier Monate später gibt es eine Bauprobe auf der Bühne des Nationaltheaters. Wir haben den ersten Entwurf dann bereits in groben Zügen 1:1 nachgebaut, damit sich alle Beteiligten eine genauere Vorstellung vom gewünschten Endergebnis machen können. Vier Wochen nach der Bauprobe sollten wir den fertigen Entwurf erhalten, den wir dann konkret ausarbeiten.” Dabei werden auch Dinge berücksichtigt, an die der Bühnenbildner zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht gedacht hat. “Auch die Bedürfnisse der Darsteller sind in der täglichen Arbeit in den Werkstätten präsent. Das Material ist oft ganz entscheidend. Was ist, wenn eine Sängerin zum Beispiel mit künstlichen Ziegelsteinen hantieren muss, die aber immer noch zu schwer sind? Wir überlegen uns dann gleich Alternativen, bringen Erfahrungswerte ein, fertigen verschiedene Varianten, die wir dem Bühnenbildner vorschlagen.”
Zu Probenbeginn – vier Wochen vor der Premiere – steht die “Aida”-Dekoration bereits komplett auf der Bühne des Nationaltheaters. Mit Änderungswünschen müssen die Werkstätten allerdings bis zuletzt rechnen. Gerade in den Details, wie der Nachbildung von natürlichen Strukturen, steckt viel Arbeit. So erzählt uns eine Bühnenplastikerin gerne, dass man auch mal in einen Steinbruch fahren muss, um die Bruchkante eines Felsens realistisch abzuformen.
Kaschube ergänzt: “Bühnenbild hat heute auch mit ‚Bild‘ nur noch wenig zu tun, oftmals sollte man besser von ‚Objektdesign‘ sprechen. Häufig müssen wir massive Objekte bauen.” Immens große Bühnenkonstruktionen wie zum Beispiel eine riesige Brücke aus Stahl, die gerade für den “Lohengrin” gefertigt wird. Jedes Brückengeländer wiegt vier Tonnen und ist 14 Meter lang. “Auf der Brücke soll der ganze Chor stehen, dass sind massive Belastungen. Da können wir nicht kleiner bauen. Das maximale Maß für den Transport ist aber 9,50 x 2,50 x 2,20 Meter.” Alles, was noch größer ist, muss zurecht beziehungsweise auseinander geschnitten werden, da es sonst nicht mehr in die Container – offene Gitterboxen – passen würde, deren Norm eigens für die Bayerische Staatsoper entwickelt wurde. “Legt der Künstler die Schnittstellen nicht selbst fest, müssen wir entscheiden…”
Durch das beschränkte Platzangebot im Nationaltheater sind zahlreiche LKW-Fahrten zwischen München und dem Dekorationslager (unmittelbar neben den Poinger Werkstätten gelegen) nötig. Pro Opernausstattung werden zwischen fünf und zehn Containern, bei manchen Inszenierungen sogar bis zu 20 Container, benötigt – beladen mit maximal vier Tonnen Dekorationsteilen.
Insgesamt stehen zwei 115 Meter lange, 30 Meter breite und ca. 15 Meter hohe Hallengebäude zur Verfügung, die sich die Bayerische Staatsoper mit dem Münchner Gärtnerplatztheater teilt. Jede Halle hat mittig eine Transportebene, von der aus die jeweils seitlich gelegenen 457 Lagerfächer “beschickt” werden können. Sowohl die Ein- als auch die Auslagerung erfolgt vollautomatisch über an der Schmalseite der Halle angeordnete Übergabestellen. Dort können die LKWs andocken.
Bei sechs Opern- und zwei Ballett-Neuproduktionen pro Spielzeit, die alle ins Repertoire übernommen werden, wird auch dieser Lagerraum trotz der ausgeklügelten Logistik schnell knapp. “Mangelnder Platz ist unsere Hauptsorge. Als die Staatsoper 1963 wiedereröffnet wurde, hat man geglaubt, der Trakt vor der Allerheiligenhofkirche, links von der Seitenbühne, würde als Dekorationslager ausreichen. Das hielt aber nicht lange vor. Um Abhilfe zu schaffen, hat man die beiden Hallen hier in Poing errichtet, die nun schon wieder zu klein sind. Im Moment behelfen wir uns noch, indem wir Lagerhallen von Bauern in der umliegenden Gegend nutzen. Mittelfristig werden wir jedoch am Bau einer dritten Containerhalle nicht vorbei kommen.” Unmittelbar im Anschluss an dieses Gespräch betreten wir mit Mathias Kaschube den 1800 Quadratmeter großen Malsaal. Sofort frage ich mich: Wie oft würde meine Wohnung hier wohl hineinpassen…?
Szenenwechsel: nüchternes Besprechungszimmer im neuen Probengebäude der Staatsoper. Wir warten auf den “Innenminister” der Bayerischen Staatsoper: Viktor Schoner. Er ist noch auf der Bühne und muss dafür sorgen, dass die “Aida”-Probe endlich beginnt. Nicht nur die Technik arbeitet im Hintergrund, auch die künstlerischen Abläufe wollen organisiert sein… Etwas außer Atem betritt Schoner schließlich den Raum.
Wie “dient” er seinem “Kanzler” Nikolaus Bachler? “Der Intendant trifft die großen künstlerischen Entscheidungen und legt die programmatischen Leitlinien des Hauses fest, die ich als Künstlerischer Betriebsdirektor dann umzusetzen habe. Oper ist ja immer ein komplexes Puzzlespiel aus der Programmatik des Intendanten, einer Sängerbesetzung, einem Dirigenten und einem Regieteam. Unsere Planungen sind sehr langfristig: Zweieinhalb bis drei Jahre vor einer Premiere stehen bereits alle Beteiligten fest.”
Man kann noch so viel absprechen, am Ende findet Theater immer auf der Bühne statt. Dort klärt sich auf den Proben, wie es klingt und ob das Timing stimmt. Schoner: “Die Besonderheit bei der Oper ist, dass es zwei Hauptverantwortliche gibt: Regisseur und Dirigent. Nach der Klavierhauptprobe muss sich der Regisseur zurücknehmen, denn dann kommt der Dirigent. Schauspielregisseure, die hier an der Oper im Prinzip sehr viel Freude haben, müssen da manchmal ihre Gewohnheiten ändern und ihre Probenabläufe anders organisieren als im Sprechtheater. Dort können Sie ihren Inszenierungen noch in den letzten drei Tagen vor der Premiere eine andere Richtung geben.”
Da wird Schoner, der sich selbst gern als Libero bezeichnet, wieder auf die Bühne gerufen, um die Gemüter zu beruhigen. Sein glücklichster Tag an diesem Haus? “Einer von denen, wo nichts passiert, sondern alles nur läuft. Wenn am Abend der Vorhang aufgeht und ‚alle Kinder‘ dort sind, wo sie sein sollen, kann man sich zurücklehnen und genießen. Wir sind bloß die Produzenten im Hintergrund.”
Bei 380 Vorstellungen pro Spielzeit herrscht nur in den Theaterferien etwas weniger Trubel. Dann wird der gigantische Kronleuchter geputzt. – Alles für die Kunst.
+++ Fakten +++
Hauptspielstätten: Nationaltheater / Allerheiligen-Hofkirche / Prinzregententheater / Cuvilliéstheater +++ 854 Mitarbeiter, davon 430 (künstlerische Bereiche, 356 (Technik/Kostüm) und 68 (Verwaltung/Hausverwaltung) – dazu mehr als 300 Gäste (Solisten, Regisseure, Dirigenten, …) und 329 Statisten +++ 2101 Plätze (davon 320 Steh-/ 48 Partiturplätze) +++ 320.000 Kilowatt Stromverbrauch/Monat +++ 250.000 Watt Lichtleistung „Spiellicht„ (Nabucco) +++ 10.000 Glühbirnen pro Jahr +++ 1,5 Fußballfelder Sperrholz +++ 10.000 Seidenblüten +++90 m³ Fichtenlatten +++ Hauptbühne: 27,50 m hoch / ~800 m² (31 x 26 m) +++ ~2.250 m² Gesamtbühnenfläche +++ 15 x 12,9 m Bühnenportal +++ 380 Vorstellungen (Oper: 180 / Ballett: 74 / Konzert: 53 / Kinder- und Jugendveranstaltung: 55 / Liederabend: 5 / Sonstiges: 13) +++ 6 m / 3600 kg / 70.000 Einzelteile: Der Lüster im Zuschauerraum +++ 5.060 km/Monat Transportweg für Dekoration (München – Novosibirsk: 4.760 km) +++ 7.000 Schuhe +++ 1 Fußballfeld Nesselstoff +++ 18.000 Totenschädel +++









Georgi Stefanov Georgi Stefanow
Ja ! Das ist ein Traumopernhaus . Bleibt Gesund und Gluklich !
Roland
Es ist ein tolles Haus, tolle Mitarbeiter. Es macht mir immer noch Spaß und fasziniert mich, auch nach 16 Jahren.
Maria Berger
Ist es möglich an einer Führung durch die Werkstätten teilzunehmen? Mit freundlichen Grüßen Maria Berger
Acacyngeatt
True phrase
Elli.H
Sometimes things are not working as forecasted, thats life….
bye,
Elli
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