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Ich lasse mich einfach vom Leben überraschen

1. September 2010

Rolando Villazón, Foto: Anja Frers/DG

Rolando Villazón über seine Auszeit, (die er als heilsam empfand!), neue Entdeckungen und seine Heimat Mexiko, in die er ein bisschen verliebt ist.

Von Tobias Haberl

Für ein Interview mit Rolando Villazón reist man gerne nach London. Wir treffen ihn im St. James Hotel, Park Place, London SW1A 1LS. Der Concierge trägt hier noch Zylinder. Rolando Villazón sitzt. Man sieht ihn kaum, seine Haare sind so lang. Er blickt auf und blitzt einen an, feurig und voller Energie. Ja, auch er selbst freue sich auf das Interview, aber er müsse erst noch einen Blick in die holzvertäfelte Bibliothek werfen. Vielleicht könne er da ein, zwei wertvolle Bücher mitgehen lassen. Ein kleiner Scherz – natürlich. Guter Zeitpunkt, um mit dem Interview zu beginnen:

CRESCENDO: Sie haben mal gesagt, als Sänger durchlaufe man mehrere Entwicklungsphasen. 2009 war ein schwieriges Jahr für Sie, nach einer Operation an den Stimmbändern mussten Sie pausieren. In welcher Phase befinden Sie sich gerade?

 
ROLANDO VILLAZÓN: Das kann ich Ihnen in zehn Jahren sagen, wenn ich eine Distanz zu den Dingen habe, die ich heute mache.

CRESCENDO: Sind Sie erwachsen oder noch in der Teenagerphase?

VILLAZÓN: Sie lassen nicht locker. Gut, ich bin 38 und habe wohl alles erreicht, wovon ein Opernsänger träumen kann. Und jetzt, nach dieser kleinen Pause, die sehr heilsam war, mache ich mich auf zu neuen Ufern. Ich will Neues entdecken, auch außerhalb der Bühne. Ich habe zum Beispiel angefangen, einen Roman zu schreiben.

CRESCENDO: Einen ganzen Roman? Worum geht’s?

VILLAZÓN: Ein Clown und ein Philosoph unterhalten sich. Mehr will ich aber nicht verraten.

CRESCENDO: Gerade haben Sie „¡México!„ veröffentlicht, ein Album mit mexikanischen Liedern, komponiert von Consuelo Velázquez, Roberto Cantoral oder Jorge del Moral. Gibt es einen Grund, warum dieses Album gerade jetzt kommt?

VILLAZÓN: Den gibt es in der Tat. In diesem Jahr feiert Mexiko den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Das wollte ich feiern.

CRESCENDO: Wenn man Freunde aus dem Ausland zu Gast hat, kocht man gern Spezialitäten aus der Region.- Man möchte dem Gast mit Stolz ein Stück seiner Heimat in den Gaumen schieben. Haben Sie das jetzt auf die Musik übertragen? Wollen Sie uns damit Ihr Mexiko schmackhaft machen?

VILLAZÓN: Das trifft es ziemlich genau. Ich werde den Abend nie vergessen, als ich mit den Leuten von der Plattenfirma und vom Management zusammen saß, um die CD zu besprechen. Das Meeting fand bei mir zu Hause statt und es gab ausschließlich mexikanisches Essen: Kaktussalat, Taccos, viele verschiedene Tequilas und Margaritas. Es wurde ein legendärer Abend. Und ja, ich habe beim Essen diesen Stolz auf mein Land gespürt. Mexiko hat so viele Probleme, mit diesen Liedern will ich den Menschen zeigen, wie schön unser Land ist und wie viel Humor die Menschen haben.

CRESCENDO: Humor? Bisher haben wir Mexiko nicht in erster Linie mit Humor in Verbindung gebracht.

VILLAZÓN: Das ist ein Fehler, denn Humor ist unsere schärfste Waffe. Wir nehmen unseren Tragödien die Schwere, indem wir Witze über sie machen. Wir wissen nicht, ob wir Indianer oder Mexikaner sind, wir wurden von den Spaniern erobert und grenzen heute an die mächtigste Nation der Welt, die vor allem die schlechten Seiten ihrer Kultur zu uns rüberschickt. Aber Gott sei Dank haben wir unseren Witz und unsere Lieder, die sind unser Rettungsanker.

CRESCENDO: Sind die Lieder auf der CD in Mexiko bekannt?

VILLAZÓN: Ein paar sind unbekannt, aber die meisten sind sehr populär. Ein Mexikaner weint, wenn er sie hört.

CRESCENDO: Bestand die Gefahr, dass Sie als Mexikaner zu viel Pathos in die Arrangements hineinlegen?

VILLAZÓN: Nein. Ich singe seit elf Jahren Musik, die nicht Teil meiner Kultur ist. In meiner Jugend habe ich kubanische Protestlieder gehört, nicht Händel oder Mozart, meine erste Oper war „Tosca„ im Jahr 1992. Durch die intensive Beschäftigung mit der europäischen Musik habe ich eines gelernt: Disziplin. Ein Sänger muss sich einer Melodie mit Respekt und Distanz nähern, er muss sie kennenlernen und dann stehlen wie ein Dieb. Damit meine ich, er muss seine eigene Interpretation einer Melodie finden. In diesem Fall habe ich einfach gespürt, wie diese mexikanischen Lieder zu singen sind. Da sind Serenaden dabei, die ich meiner Frau um 2 Uhr morgens vorgesungen habe, um ihr meine Liebe zu zeigen.

CRESCENDO: Machen das nur Sie als begnadeter Musiker oder auch “normale” Jungs?

VILLAZÓN: In Mexiko machen das alle jungen Männer! Man schnappt sich eine Mariachi, geht zum Haus der Freundin, packt eine Gitarre aus und singt los.

CRESCENDO: Sie haben sich als Begleitung ein Kammerorchester ausgesucht, warum kein richtig großes Orchester?

VILLAZÓN: Weil ich eine intime Atmosphäre haben wollte. Ein richtiges Orchester ist zu wuchtig, nur ein Klavier wäre zu wenig, eine Mariachi wäre zu klischeehaft, also bin ich auf ein Kammerorchester gekommen. Man muss an diese Melodien behutsam rangehen, sie sind sehr persönlich, intim, fast privat.

CRESCENDO: Sie haben in einem Interview mal gesagt: “Meine Stimme ist meine Seele.” Seien Sie nicht böse, aber für uns klingt das nach einer Phrase, irgendwie hohl und ziemlich pathetisch. Selbst wenn es stimmt, darf ein Sänger solche Sätze noch sagen?

VILLAZÓN: Vielen Dank für das Kompliment, ich hatte schon gehofft, jetzt schwärmen Sie los, nachdem Sie den Satz zitiert hatten. Aber im Ernst, ich mache mir über solche Dinge keine Gedanken. Wäre es erwachsener und reifer zu sagen: Nein, meine Stimme ist nicht meine Seele, sondern meine Stimme? Wenn Sie sagen, das ist pathetisch, dann bin ich eben pathetisch, kein Problem.

CRESCENDO: Sie sprechen nicht gern über Ihre beiden Zwangspausen, richtig? Darf ich trotzdem eine Frage dazu stellen? Immerhin mussten Sie viele Aufführungen absagen. Rolando Villazón ist ausgebrannt, hieß es erst, dann wurden Sie an den Stimmbändern operiert. Niemand wusste, ob sie wieder der Alte werden.

VILLAZÓN: Nur zu, ich sage im Vorfeld immer, bitte nicht über die Pause oder irgendwelche Krisen sprechen, weil viele über nichts anderes mehr reden wollen, aber ich habe natürlich nichts zu verbergen.

CRESCENDO: Waren diese Pausen nicht auch ein Schatz, wenn Sie heute zurückschauen? Immerhin hatten Sie ein paar Monate lang Abstand zu sich, zum Betrieb, zu den Medien.

VILLAZÓN: Stimmt. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich wieder alles genauso machen. Ich hatte eine angeborene Zyste an einem meiner Stimmbänder, ich wurde- operiert, ich musste pausieren, aber das war doch keine Tragödie. Schlagen Sie die Zeitung auf, dann sehen Sie, was eine Tragödie ist. Ich dagegen habe andere Seiten des Lebens kennengelernt. Ich habe viel mit meinen Kindern gespielt, ich habe gelesen, geschrieben und es kam sogar vor, dass ich mich hin und wieder in der Stadt verirrt habe, so ziellos bin ich durch die Straßen flaniert.

CRESCENDO: An Ihrer Art zu erzählen merkt man, dass Sie lange eine Psychoanalyse gemacht haben.

VILLAZÓN: Ich habe sie mittlerweile abgeschlossen, nach 14 Jahren. Diese Jahre waren ein großes Abenteuer für mich. Heute bin ich ein anderer Mensch – nein, so kann man das nicht sagen – heute kann ich all die vielen Menschen sein und genießen, die in mir wohnen.

CRESCENDO: Im Moment sind Sie für eine Premiere in London: Sie werden als erster Klassikstar auf dem iTunes-Festival singen. Ist das Honorar so hoch oder hat der Auftritt eine besondere Bedeutung?

VILLAZÓN: Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ich wurde eingeladen, ich habe mich gefreut und zugesagt. Ich glaube, wir messen solchen Fragen zu große Bedeutung zu. Schauen Sie, als im Sommer die Fußball-WM vorbei war, gab es am Ende eine Mannschaft, die glücklich war, und 31, die frustriert nach Hause geflogen sind.

CRESCENDO: Und was hat das mit der Frage zu tun?

VILLAZÓN: Dass man nicht alles hinterfragen und einordnen und interpretieren soll. Wie haben wir denn früher Fußball gespielt? Zwei Steine als Tor, die Hälfte der Jungs hat ihre T-Shirts ausgezogen und los ging’s, mit dem Unterschied, dass am Ende alle glücklich waren. Was ich sagen will: Nicht alles in meiner Karriere ist eine Strategie, manchmal lasse ich mich auch einfach vom Leben überraschen.

CRESCENDO: Jetzt kokettieren Sie. Sie sind ein Weltstar. Sie können uns doch nicht weismachen, dass Sie jeden Tag spontan gestalten.

VILLAZÓN: Natürlich nicht, einen übergeordneten Masterplan muss es schon geben, aber innerhalb dieses Rahmens nehme ich mir kleine Freiheiten heraus. Leider wird einem genau das schwer gemacht, alles wird kommentiert und in Frage gestellt. Seit Neuestem werden die Plattenfirmen dafür kritisiert, dass sie Starsänger aufbauen. Entschuldigung, das ist ihr Job. So funktioniert die Welt und wir alle wurden doch nur zu Opernliebhabern, weil wir mal eine CD von einem Star gehört haben.

CRESCENDO: Welcher Star hat Sie zum Opernfan werden lassen?

VILLAZÓN: Plácido Domingo. Ich war zwölf, hörte ganz zufällig eine seiner Platten und war gefangen. Diese Stimme hat mich nie wieder losgelassen. Und wissen Sie was? Es war ein Crossover-Album, keine klassische Opernaufnahme. Eine faszinierende Stimme bleibt eine faszinierende Stimme, egal was sie damit anstellt.

CRESCENDO: Das sehen viele Opernliebhaber anders.

VILLAZÓN: Und haben unrecht. Die Welt der Oper ist voll gepackt mit Tradition und das ist ein großes Problem. Vor 100 Jahren hat irgendein großer Sänger eine Verdi-Arie auf eine bestimmte Art gesungen; danach haben es Dutzende genau so wiederholt. Und irgendwann kommt einer und singt sie anders und was macht das Publikum? Es schreit „Buh„. Das ist doch Unsinn. Starre Regeln gibt es nicht in der Oper. Es gibt Menschen, die gehen in die Oper wie andere zum Stierkampf oder zum Fußball. Machen die etwas falsch? Nein! Wer aber definiert, mit welcher Geisteshaltung man in der Oper zu sitzen hat? Foucault hat gesagt: „Definitionen überlasse ich der Polizei.„ Das finde ich gut.

CRESCENDO: Im letzten Jahr haben Sie ein Händel-Album aufgenommen, das teilweise heftig kritisiert wurde. Ihre Stimme scheint wirklich nicht für Händel gemacht, trotzdem haben Sie es gemacht.

VILLAZÓN: Gut, dass Sie das ansprechen, denn das wollte ich erklären: Vielleicht habe ich nicht die perfekte Händel-Stimme und alle haben sich gefragt: Warum macht er das? Er wird scheitern. Ich habe es aus Neugier gemacht. Ich wollte es ausprobieren. Es gibt zwei Arten von Sängern: Der eine singt sein ganzes Leben lang das, was er kann. Er wird jeden Tag besser, entdeckt neue Details, neue Farben. Der andere geht auf den Rummel und will jedes Fahrgeschäft ausprobieren. Eines ist ihm zu langweilig. So einer bin ich. In letzter Zeit reden auch alle davon, dass die Kunstform Oper geschützt werden muss. Ich glaube, die schützt sich ganz gut selbst.

CRESCENDO: Was meinen Sie damit?

VILLAZÓN: Dass die vielen Crossover-Aufnahmen nicht den Tod der Oper bedeuten. Dass man nicht alles mit spitzen Fingern anfassen soll, was nicht nach großer Oper klingt. Hat Andrea Bocelli mit seiner Musik andere Tenöre tot gesungen? Nein! Von mir aus soll auch André Rieu so viel Geige spielen wie er will, den Menschen gefällt es und die Konzerte von Anne-Sophie Mutter sind trotzdem ausverkauft. Diese Sachen existieren parallel, es besteht also kein Grund zur Panik.

Rolando Villazóns neues Album ¡México! ist soeben bei DG erschienen. Ab 15. November ist er mit den Liedern aus seiner Heimat fünf Mal live in Deutschland zu erleben.

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2 Kommentare zu “Ich lasse mich einfach vom Leben überraschen”

Thurid

8. September 2010 um 22:56 Uhr

Bravo Villazón! Wenn es mehr Klassikkünstler wie ihn gäbe, wäre das nur ein Gewinn! Crossover singt ganz sicher nicht die Oper tot, das sehe ich auch so! Und eine gute Portion Neugier ist sicher auch für die Oper nur förderlich. Also weiter so und nicht unterkriegen lassen!

In Memoriam Schlingensief | crescendo

5. Oktober 2011 um 00:30 Uhr

[...] Trotzdem haben wir wieder ein spannendes Heft gebastelt. Überzeugen können Sie sich auf den folgenden Seiten. Nur so viel als Hintergrund: Wir hatten, wie ich finde, großes Glück, zu einem schwierigen Zeitpunkt wie diesem, den Tenor Rolando Villazón in London besuchen zu dürfen. In einer Zeit, in der er noch immer mit seiner Gesundheit und Stimme zu kämpfen hat, ist er dennoch ein sehr tiefsinniger und interessanter Gesprächspartner. Das Interview des Kollegen Tobias Haberl mit unserem „Titelhelden“ lesen Sie hier. [...]

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