Ich war immer gegen Realismus auf der Bühne

Sir Peter Jonas; Foto: zeegaro
Von Tobias Haberl
crescendo: Sir Peter, es sind schon vier lange Jahre vergangen, seit Sie die Intendanz der Bayerischen Staatsoper abgegeben haben. Wie geht es Ihnen?
Sir Peter Jonas: Sehr gut. Danke. Ich lebe in der Schweiz am Ufer des Zürichsees. Allerdings auf der armen Seite. Und gerade bin ich von Bologna nach Siena gewandert.
crescendo: Von Bologna nach Siena, klar. Warum gerade da?
Sir Peter: Das war nur eine Etappe. Insgesamt will ich von Inverness im Norden Schottlands bis nach Palermo wandern, in vielen kleinen Abschnitten. Wandern ist meine große Leidenschaft.
crescendo: War es denn schwierig für Sie, von heute auf morgen dem Opernbetrieb den Rücken zu kehren?
Sir Peter: Ganz ehrlich: Nein. Ich habe lange vorher angekündigt, dass ich 2006 aufhören werde. Ich konnte mich darauf vorbereiten. Wissen Sie, ich hatte drei wunderbare Posten in drei wunderschönen Städten, Chicago, London, München. Das reicht doch. Viele schaffen den Absprung nicht rechtzeitig und sind alt und gebrechlich, wenn sie in den Ruhestand gehen. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Ich will auch diesen Lebensabschnitt bewusst genießen.
crescendo: Vermissen Sie München ein wenig?
Sir Peter: Ich bin ja noch regelmäßig in München, meine Freundin ist Konzertmeisterin an der Oper.
crescendo: Sie sehen also immer noch jede Premiere?
Sir Peter: Die meisten ja, das interessiert mich schon, außerdem will ich meinen Nachfolger Nikolaus Bachler unterstützen. Trotzdem hat das Interesse an der Oper abgenommen. Vor ein paar Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen, aber so richtig begeistert bin ich nur noch, wenn die Vorstellung wirklich grandios ist oder ich mit dem Regisseur oder einem der Sänger befreundet bin.
crescendo: Wie kann das sein? Ihr ganzes Leben bestand aus Oper und klassischer Musik.
Sir Peter: Genau das ist der Grund. Es war einfach zu viel. In Basel gehe ich manchmal in die Oper, die machen wunderbare Sachen, ab und zu in Zürich, aber es gibt nicht viel, was mich richtig entzündet.
crescendo: Was haben Sie für einen Eindruck von der Bayerischen Staatsoper seit Ihrem Weggang?
Sir Peter: Ab und zu schaue ich vorbei, weil immer noch Briefe und Päckchen für mich ankommen, dann spreche ich mit meiner ehemaligen Sekretärin. Aber ich bin nicht naiv: Sollte es schlecht laufen, wird mir das keiner sagen, läuft es aber richtig glänzend, wird mir das auch niemand ehrlich auf die Nase binden, um mich nicht zu kränken.
crescendo: Macht Ihr Nachfolger Nikolaus Bachler einen guten Job?
Sir Peter: Ja, sehr gut, sehr professionell. Er agiert ein bisschen anders als ich, vor allem politisch ist er viel härter. Im übrigen hilft ihm die Finanzkrise.
crescendo: Jetzt machen Sie Witze.
Sir Peter: Nein, die Landesregierung hat im Moment andere Dinge zu tun als sich mit dem Budget der Oper zu beschäftigen. Die muss sich um die Landesbank und das Chaos mit der Hypo Alpe-Adria kümmern. Gegen diese Summen sind die paar Millionen für die Oper doch ein Klacks.
crescendo: Wenn Sie weniger in die Oper gehen, müssen Sie andere Sachen machen. Wie verbringen Sie Ihre Tage?

Sir Peter Jonas im Gespräch; Foto: zeegaro
crescendo: Was haben Sie zuletzt gesehen?
Sir Peter: „Edge of Darkness“ gestern Abend, das Remake einer BBC-Serie aus den 80ern. Heute Abend gehe ich wieder, in „Green Zone“, ein Polit-Action-Thriller. Die zwei herausragenden Filme der letzten Monate sind für mich „Das weiße Band“ von Michael Haneke und „A Serious Man“ von den Coen Brüdern. Ich liebe auch amerikanische Serien, „The Shield“ zum Beispiel oder „The Wire“. In der Schweiz habe ich einen eigenen Fernsehraum, da schaue ich oft fünf oder sechs Folgen hintereinander.
crescendo: In der Oper wie im Film geht es auch um unvergessliche Bilder. Trotzdem schauen viele Opernregisseure und Intendanten eher arrogant auf den Film herab.
Sir Peter: Das stimmt, es gibt aber auch einige Filmfanatiker. Der Regisseur David Alden zum Beispiel liebt Soap Operas und das merkt man seinen Arbeiten auch an, die sind bunt und lebendig und witzig. Filmleute und Opernmenschen sind ganz anders, trotzdem schließen sich beide Leidenschaften nicht aus. Ich kenne Filmfanatiker, die sind auch Opernfans und interessanterweise lieben sie gerade die traditionellen, historisierenden Inszenierungen.
crescendo: Ist der Film die idealere Kunstform, um den Menschen im 21. Jahrhundert Geschichten zu erzählen?
Sir Peter: Das ist eine schwierige Frage. Das Kino hat als Kunstform das 20. Jahrhundert geprägt. Inzwischen hat es selbst ein paar Jahre auf dem Buckel. Wir sind im 21. Jahrhundert, jetzt muss sich zeigen, wohin der Film sich bewegt. Die Oper hat vor allem das 18. und 19. Jahrhundert geprägt, aber auf ganz andere Weise. Man kann die beiden Kunstformen schwer vergleichen.
crescendo: Waren Sie als Opernintendant neidisch auf die Mittel des Films?
Sir Peter: Niemals. Theater, Oper, das ist Proszenium-Kunst, live und begrenzt vom Bühnenraum. Wir müssen mit Metaphern arbeiten. Auf der Opernbühne wird der Drache eben gerade nicht getötet, im Film schon, zumindest hat man die Illusion. Ich war immer gegen Realismus auf der Bühne. Die Oper darf nicht den Film kopieren, sie ist eine andere Kunstform und muss dazu stehen.
crescendo: Sie haben mal gesagt, dass Ihnen am Ende Ihres Lebens vor allem Klaviertrios und Streichquartette in Erinnerung bleiben werden. Was ist mit den bunten Skandalinszenierungen Ihrer Zeit in München?
Sir Peter: Ach wissen Sie, ich habe mich jahrelang so mit Oper und Inszenierungen und Bildern beschäftigt, auch mit bildender Kunst und Malerei, ich merke gerade, dass ich mit Mitte 60 wieder zurück zu kleineren Formen finde, zu Kammermusik, Streichquartetten, Klaviersonaten.
crescendo: Evoziert ein Streichquartett auch Bilder im Kopf?
Sir Peter: Nicht unbedingt. Wenn ich ein Streichquartett höre, bin ich mehr mit der Struktur beschäftigt, ich habe ja mal Musikwissenschaften studiert. Wie unterschiedlich man diese Stücke spielen kann, das ist faszinierend. Zurzeit spielen alle Chopin, wegen seines 200. Geburtstages, aber jeder spielt ihn anders. Am besten finde ich Barenboim, der ist kein mechanischer Virtuose, sondern ein fantastischer Musiker. Unglaublich, wie sich seine Interpretation von Chopin in den letzten 30 Jahren gewandelt hat. Ich muss da immer an den Filmregisseur Stanley Kubrick denken. Ich habe keine Ahnung, ob er musikalisch war, aber seine Filme sind es, das sind sinfonische Meisterwerke. Auch er hat sich so gewandelt im Laufe seiner Karriere. Vergleichen Sie mal „Spartacus“ mit „Barry Lyndon“, man käme nie auf die Idee, dass beide Filme vom gleichen Regisseur gedreht wurden.
crescendo: Kann es sein, dass in einem Haydn-Streichquartett, anders als in einer Wagner- oder Strauss-Oper, eine Art göttlicher Funke liegt?
Sir Peter: Das weiß ich nicht, aber ich weiß, warum es mich so fasziniert: Es ist die Strenge. Im Leben sucht doch jeder Lösungen und Antworten. Und wenn man nur vier Stimmen hat, lässt sich über diese Strenge eine richtige Katharsis erreichen. Bei einem Streichquartett lenkt nichts ab, keine Stimme, keine Inszenierung. Alles ist weggelassen, bis auf das Grundgerüst. Weglassen, darauf kommt es in der Kunst fast immer an.
crescendo: Apropos Weglassen: Gerade beginnt wieder die Festspielzeit. Freuen Sie sich auf Salzburg und Bayreuth?
Sir Peter: Ach wissen Sie, meine Lieblingsfestspiele sind keine Festspiele. Ich kann das alles nicht mehr leiden. „Komm, Liebling, wir fahren nach Salzburg und gehen ins Hotel.“ Man kann doch immer nach Salzburg fahren, auch im Herbst oder im Winter, und manchmal sieht man dort gute Kunst und manchmal schlechte. Kaffee und Kuchen gibt es immer.
crescendo: Aber es geht doch darum, dass auch Menschen, die viel arbeiten, mal Zeit und Raum für die Kunst haben?
Sir Peter: Das ist die Grundidee, und die ist auch gut und richtig, aber mittlerweile ist sie zu stark erodiert. Das Ganze ist doch eine Moden- und Politikschau geworden. Ich bin Proletarier, ich mag Kunst das ganze Jahr über und sehe keinen Grund, in Salzburg in einem Smoking vor mich hinzuschwitzen, wenn ich die gleiche Inszenierung im Dezember in Basel sehen kann.
crescendo: Haben Sie das früher auch so gesehen?
Sir Peter: Da war meine Wahrnehmung ganz anders. Mit 17 habe ich in England studiert und bin per Autostop nach Bayreuth. Wir waren richtige Wagner-Fanatiker, haben im Zelt übernachtet und so lange Karten gekauft und verkauft, bis wir das billigste Ticket hatten.
crescendo: Sie haben mal gesagt, Wagner wäre der Erste, der von den Bayreuther Festspielen abreisen würde.
Sir Peter: Natürlich. Wagner war ein Ikonoklast und Revolutionär. Alles, was er geschaffen hat, wollte er zerschmettern, damit Neues entstehen konnte. Dieser Schrein Bayreuth, gebaut für immer und ewig, wäre sicher nicht sein Ding gewesen.
crescendo: Wie sehen Sie die Zukunft der Festspiele nach dem Tod von Wolfgang Wagner?
Sir Peter: Die beiden Mädels brauchen Mut und Unterstützung, Talent haben sie. Außerdem sollen sich die Politiker zurückhalten. Wie sich der Bund einmischt, für eine kleine Summe Geld, das ist fast ein nationaler Skandal. Ich finde, der Empfang mit Westerwelle und Merkel sollte am letzten Abend stattfinden oder in der Mitte der Festspiele, auf jeden Fall nicht am Eröffnungstag. In Bayreuth geht es um Musik und nicht um Politik.
Sir Peter Jonas
Sir Peter Jonas (69) studierte zuerst Englische Literatur, schwenkte dann aber auf Oper und Musikgeschichte um. Nach seinem Abschlussjahr an der Eastman School of Music in Rochester (New York) begann er 1974 in Chicago als Assistent des Generalmusikdirektors Sir Georg Solti. 1984 wurde er zum Generaldirektor der English National Opera ernannt und von September 1993 bis August 2006 wirkte er als Intendant der Bayerischen Staatsoper in München. Sir Peter Jonas setzte sich energisch für das Projekt „Oper für alle“ und für Werke zeitgenössischer Komponisten mit vierzehn Uraufführungen ein. Er lebt am Zürichsee in der Schweiz.









Ingrid
Sir Peter Jonas ist erst 63 und hoffentlich noch lange nicht am Ende seines Lebens. Ich bewundere auch seine sportliche Energie und wünsche ihm weiterhin viel Freude in allen Bereichen.
Hinter der Bühne | crescendo
[...] Haberl traf den ehemaligen Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Sir Peter Jonas (siehe „Ich war immer gegen Realismus auf der Bühne“), die Sopranistin Patricia Petibon (siehe „Als Sängerin bin ich nackt“) und Joachim Kaiser [...]
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