Ich wollte nicht Opernsängerin werden

Elisabeth Kulmann, Foto: Robert Kittel
Elisabeth Kulman ist die Stimme des Sommers. Wir trafen die sympathische Mezzo-Sopranistin in ihrem einsamen Refugium während der Salzburger Festspiele – fernab vom stressigen Musik-Business.
Von Thomas Voigt
Ihre CD-Projekte sind so ungewöhnlich wie ihre Laufbahn. Und wenngleich sie an der Wiener Staatsoper das große Mezzofach und in Salzburg Glucks „Orfeo“ singt, ist sie das Gegenbild der „typischen“ Opernsängerin. Das merkt man nicht nur beim gemeinsamen Nachmittagstee, sondern auch im persönlichen Gespräch.
CRESCENDO: Ihr Name assoziiert „Gräfin Mariza“, „Csárdásfürstin“ und „Zigeunerliebe“…
ELISABETH KULMAN: (lacht) Sie spielen auf Kálmán an! Und es stimmt sogar: Kálmán und Kulman stammen vom gleichen Namen ab, nämlich von Koloman, dem irischen Märtyrer und Pilger, der im Kloster Melk bestattet wurde und nach dem etliche Kirchen benannt sind.
CRESCENDO: Koloman ist in ungarn weit verbreitet. Wo sind Sie denn aufgewachsen?
KULMAN: Im Burgenland, nahe der österreich-ungarischen Grenze. Meine Eltern gehörten zur ungarischen Minderheit in diesem Gebiet. Ich bin sogar zweisprachig aufgewachsen, daher auch meine große Liebe zur ungarischen Musik.
CRESCENDO: …auch zur K.u.K.-Operette?
KULMAN: Kommt drauf an, wie sie gemacht ist! Wenn auf der Bühne mitreißende Sängerdarsteller stehen, die das Genre mit Leben zu erfüllen wissen, und die Inszenierung charmant und womöglich noch klug ist, schau ich mir auch gerne eine „Csárdásfürstin“ an. Die „leichte“ Kunst ist in Wirklichkeit sehr schwer. Freilich, mit den Fernseh-Operetten der 1970er Jahre im Stile von „Ich denke oft an Piroschka“ mit Playback-Tenören im Folklore-Look und Puszta-Schweinen kann ich weniger anfangen… (lacht). Nein, ungarische Musik ist für mich vor allem die Volksmusik, mit der ich aufgewachsen bin, also dieses reiche musikalische Erbe, das von Bartók und Kodály überliefert wurde.
CRESCENDO: Keine frühe Liebe zur Oper?
KULMAN: Nein. Die kam erst sehr viel später. Als Kind kannte ich Oper nur aus dem Fernsehen und assoziierte damit zwei Dinge: Dicke Diven, die sich wichtig machen und Männer mit gefärbten Haaren und Schal. Dieses Vorurteil hat sich lange gehalten; auch meine ersten Opernbesuche, mit Anfang 20, haben daran nichts geändert. Ich fühlte mich viel mehr im Jazz zu Hause, und statt Callas und Pavarotti hörte ich Ella Fitzgerald und Billie Holiday.
CRESCENDO: Mit 20 noch keinen Draht zur Oper, aber mit 22 Beginn eines klassischen Gesangsstudiums. Wie kam das?
KULMAN: Naja, ich wollte ja nicht Opernsängerin werden, sondern bloß richtig singen lernen! Das ist ein großer Unterschied! Zunächst habe ich an der Universität in Wien Russisch, Finno–Ugristik und Musikwissenschaft studiert und nebenbei in Jazz-Bands und Konzertchören gesungen. Und mit der Zeit ist mir das Singen so wichtig geworden, dass ich ganz zum Gesang gewechselt bin. Zur Oper hab ich erst durch mein Gesangsstudium gefunden: In der Opernschule hat man mir die Susanna in Mozarts „Figaro“ aufs Auge gedrückt, und das war der Beginn meiner späten Opernleidenschaft –- im zarten Alter von 25!
CRESCENDO: Da waren Sie noch Sopran.
KULMAN: Ja, im Chor wurde ich gleich in die Soprangruppe gesteckt, später habe ich mein Sologesangsstudium- in dieser Stimmlage mit Auszeichnung abgeschlossen und danach noch drei Jahre lang im lyrischen Sopranfach gesungen. Mein Bühnen-Debüt war die Pamina an der Wiener Volksoper. Danach kamen Traumrollen wie Contessa und Donna Elvira, alle mit großem Erfolg.
CRESCENDO: Warum dann nach kurzer Zeit der Wechsel- ins Mezzofach?
KULMAN: Tja, inzwischen war ich dreißig, und dann meldete sich langsam die Stimme der Natur. Mein Körper gab mir deutliche Signale, dass mir die Tessitura, also die Lage der Sopranpartien, auf die Dauer nicht gut tut. Ich war nach den Vorstellungen extrem erschöpft. Und so bin ich eine Etage tiefer gestiegen – schweren Herzens, denn ich träumte natürlich von den großen Sopranrollen.
CRESCENDO: Und von der Karriereplanung her ist ein solcher Schritt ziemlich riskant.
KULMAN: Es hat mich heftig getroffen: An der Volksoper hat man mich hinausgeschmissen, Veranstalter und Agenturen haben mich im Stich gelassen. Es war eine schlimme Zeit. Nur zwei Leute haben in dieser Zeit an mich geglaubt und sind mir bis heute eng verbunden: Meine Lehrerin Helena Lazarska und mein Agent Georg Monitzer.
CRESCENDO: Sänger sind Hochleistungssportler. Braucht man da nicht ohnehin immer einen Trainer, einen Coach?
KULMAN: Das ist ein diffiziles Thema. Wir Sänger können uns, während wir singen, selbst nicht von außen zuhören, können also unser „Produkt„ nicht objektiv beurteilen. Um sich zu verbessern und zu entwickeln, ist Kritik sehr wichtig. Da kann eine Vertrauensperson mit konstruktivem Feedback sehr hilfreich sein. Andererseits liefert man beim Singen eben nicht ein „objektives Produkt„ ab, sondern gibt sein Persönlichstes, sein Innerstes, seine Seele preis. Das ist eine extrem sensible Angelegenheit für einen Künstler, der von Natur aus schon eine Schwankungsbreite von Selbstzerfleischung bis Größenwahn hat… (lacht) Kritik zu ertragen und womöglich anzunehmen, ist sehr schwer. Deshalb sollte sich jeder Sänger genau überlegen, wem er Vertrauen schenkt und wessen Rat er befolgt. Das Wichtigste ist, dass man bei sich selbst bleibt, Bodenhaftung bewahrt, sich nicht irritieren und von seinem Weg abbringen lässt. Ein gesunder Instinkt und gute Intuition sind hier die besten Begleiter!
CRESCENDO: Wenn Sie bei der guten Fee einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich ändern im aktuellen Opern-Business?
KULMAN: Ich würde mir wünschen, dass die Intendanten, die über unsere Engagements entscheiden, mehr Ahnung von Stimmen haben. Leider muss ich nämlich sagen, dass ich im Laufe meiner Karriere diesbezüglich immer wieder erschreckende Inkompetenz erlebt habe. Ioan Holender ist eine der wenigen positiven Ausnahmen. Besonders für die nachkommende junge Sängergeneration würde ich mir Dirigenten- vom alten Typus des väterlichen Musikdirektors wünschen, der die Entwicklung „seiner„ Sänger über Jahre verfolgt und fördert. Die Tendenz geht leider in eine andere Richtung.
CRESCENDO: Sie singen seit 2006 an der Wiener Staatsoper das große Mezzofach: Orlofsky, Ulrica, Marina, Quickly, Herodias, Fricka, Waltraute, alles Rollen, die einen starken Spieltrieb erfordern. Reibt sich das manchmal mit der Musikerin Kulman?
KULMAN: Ich sehe darin keinen Widerspruch. Die von Ihnen genannten Bühnenrollen sind extrovertierte, oft dramatische Figuren, die zum Leben erweckt werden wollen. Hier kann ich mein Temperament voll ausleben – mit den Mitteln der schauspielerischen Darstellung und mit meiner musikalischen wie stimmlichen Ausdruckskraft. Das mache ich gern. Es ist durchaus auch ein Genuss, im Rampenlicht zu glänzen. Aber ich betrachte mich als Teamworker neben den Kollegen, dem Orchester, dem Dirigenten. Ich fühle mich als Teil eines großen Ganzen, ob ich nun inmitten eines Kammer-ensembles stehe, wie bei meinen CD-Projekten „Mahler Lieder“ und „Mussorgsky Dis-Covered“, oder auf der großen Salzburger Bühne als Orfeo. Bei dieser Rolle gibt es übrigens keine hohen Töne, mit denen man protzen kann, sondern es geht darum – ähnlich wie beim Liedgesang, mit der Kraft der Farben und des Ausdrucks zu berühren.
CRESCENDO: Auch wenn, wie jetzt bei Ihrem Salzburg-Debüt, statt eines schlanken Originalklang-Orchesters der eher üppige Sound der Wiener Philharmoniker erklingt?
KULMAN: Mit diesem bin ich ja von Wien her bestens vertraut und verwöhnt, wenn ich das so prahlerisch sagen darf. Natürlich klingt das ganz anders als in Paris, wo ich die Rolle mit Thomas Hengelbrock, begleitet von historischen Instrumenten, gesungen habe. Beide Wege sind faszinierend und sind Welten für sich. Es war meine erste Arbeit mit Riccardo Muti, und ich empfand sie als große Bereicherung. Auch von Dieter Dorn bin ich sehr beeindruckt. Er gehört nicht zu den Regisseuren, die ihren Darstellern ein Konzept überstülpen, egal ob es passt oder nicht. Er führt seine Darsteller so, dass man immer auch die künstlerische Persönlichkeit des Einzelnen spürt. Das schätze ich sehr.
Elisabeth Kulmans aktuelle CD: Mussorgsky Dis-Covered ist soeben bei Preiser Records erschienen.









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