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Idomeneo geht baden

2. September 2010

Idomeneo im Muellerschen Volksbad; Foto: MICHAELA JACKL/art effectMozart im Müllerschen Volksbad in München: „Opera incognita“ ermöglicht eine ungewöhnliche Opern-Erfahrung

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Nicht nur auf diversen Seebühnen hat die Oper längst ihr angestammtes Haus verlassen: Heute gibt es nicht nur Oper in der umgebauten Reithalle (Gut Immling), sondern auch „La Traviata“ im U-Bahnhof und „La Bohème“ im Hochhaus (zwei Schweizer TV-Projekte). Zu den bislang ungewöhnlichsten Aktionen dieser Art zählt ganz aktuell der Einfall von „Opera incognita“-Regisseur Andreas Wiedermann, Mozarts „Idomeneo“ im architektonisch kostbaren Münchner Bäder-Juwel, dem Müllerschen Volksbad von 1901, baden gehen zu lassen. Im kleineren Damenschwimmbecken wohlgemerkt – weil das nicht nur einen unübertroffenen Jugendstil-Charme ausstrahlt, sondern passenderweise einen steinernen Neptun-Brunnen am Beckenende besitzt.

Und um wen geht es in Mozarts Jugendoper? Genau: Um den gestrengen Gott des Meeres, dem der kretische König Idomeneo für Rettung aus Seenot den ersten Menschen als Opfer verspricht, der ihm auf kretischem Boden begegnet. Dass das unglücklicherweise der eigene Sohn Idamante ist, erschwert die Sache ziemlich. Und so ist „Idomeneo“ der Versuch, das unheilvolle Gelübde wie des Meeresgottes Zorn zu umgehen. Ergo: Ein Kampf mit den Elementen, garniert mit Sturmchören, Wellen und viel Wasser, der im Schwimmbad gut aufgehoben ist – da thematisch motiviert und somit über den reinen zeitgeistigen Event erhaben.

Regisseur Wiedermann bezieht die Wasserfläche zudem äußerst phantasievoll in seine Inszenierung mit ein, die mitnichten ein reines Plantsch-Vergnügen ist. Mal symbolisiert der Chor mit den Händen einen Sturm, dann wiederum werden Menschen gewaltsam ins Wasser getrieben (was auch dem Publikum unten am Beckenrand so manch lauwarme Dusche beschert). Mal vergnügen sich Kreter, Griechen und Trojaner auf Luftmatratzen mit Cocktails in der Hand, dann wieder wird auf blauen Luftkissen-Stegen intensiv gespielt. Wer abtaucht, tut dies nie ohne Grund – und so manchem steht buchstäblich das Wasser bis zum Hals. Ergo: Wiedermann hat die handelnden Charaktere sehr plastisch heraus geformt und greifbar gemacht. Gespielt und gesungen wird übrigens – mit Ausnahme der griechischen Prinzessin Elettra, die als Strand-Beauty ein wenig zu eindimensional daher kommt – nicht im Badeanzug, sondern in heutiger Kleidung, die nur stellenweise durch Neoprenanzüge unterfüttert ist.

Ob das Ganze auf Kosten der Musik geht? Abstriche müssen im Wasser wie im feucht-warmen Ambiente, mehr noch durch den immensen Nachhall der Schwimmhalle natürlich gemacht werden. Dennoch: Das von Ernst Bartmann äußerst engagiert geleitete Mini-Orchester aus Mitgliedern des Salzburger Mozarteumorchesters spielt die selbst erarbeitete (und gekürzte) „Idomeneo“-Version akkurat und mit viel Herzblut. Aufgrund der Feuchtigkeit wurde das Cembalo in den Rezitativen gestrichen, die Streicher und vor allem die Bläser sind solistisch besetzt, um den Klang-verstärkenden Raum nicht zu „erschlagen“.

Der Plan geht auf: Sitzt man auf der Empore (Tipp!) und damit auf Ebene des Orchesters, wird man von der Musik geradezu umflutet, unmittelbar hineingezogen ins Geschehen. Dass Nachhall-bedingt manche Einsätze von Chor wie Sängern nicht exakt kommen können oder das Tempo etwa zum Ende des zweiten Akts gedrosselt werden muss, ist ein einkalkulierbarer Nebeneffekt, der letztlich niemanden stört. Zumal die Sänger selbst unter diesen Extrem-Umständen alle auf hohem Niveau und mit ungebremster Lust an der Sache singen.

Eine Entdeckung ist etwa die 22-jährige Reinhild Buchmayer als Idamante. Sie studiert derzeit in Salzburg bei Barbara Bonney und hat schon jetzt einen klaren, gut geführten, klangvollen Mezzo. Silvia Spinnato, die zierliche Sizilianerin, ist ein Mozart-Sopran von zarter, heller und inniger Stimmfärbung und wundervoll als Ilia. Einen jugendlich-frischen Tenor lässt Jean-Pierre Quellet als Arbace hören, dramatisch ist die Elettra der Bianca Koch – und der Idomeneo von Markus Ahme hat großes Format, wenngleich nicht mehr ganz die stimmliche Geschmeidigkeit für diese Mozart-Partie.

Mozart im Müllerschen Volksbad München ist also alles andere als ein Badewannen-Witz, sondern vom Publikum heftig umjubelt – und stark vorgebucht. Für welche Zusatz-Vorstellungen im September es noch Karten gibt, ist aktuell auf www.opera-incognita.de zu erfahren. Ach ja: In der Pause darf gebadet werden!

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3 Kommentare zu “Idomeneo geht baden”

Carla

2. September 2010 um 18:30 Uhr

Mozart ist perfekt, da bedarf es keiner Schwimmbad-Version.

Hätte Mozart sowas gewollt, hätte er es hingeschrieben.
Wieder eine Sache, die die Welt nicht braucht!

burns

9. September 2010 um 16:54 Uhr

Klar. Mozart hätte dann sicher eine Schwimmbad-Version geschrieben, wenn er das gewollt hätte…
Willkommen, Carla, im Jahr 2010 und viel Spaß mit den Opernmitschnitten auf VHS aus den 70er Jahren.

Carla

9. September 2010 um 19:16 Uhr

@ burns
“Abstriche müssen im Wasser wie im feucht-warmen Ambiente, mehr noch durch den immensen Nachhall der Schwimmhalle natürlich gemacht werden…Aufgrund der Feuchtigkeit wurde das Cembalo in den Rezitativen gestrichen, die Streicher und Bläser sind solistisch besetzt um den klangverstärkenden Raum nicht zu erschlagen…”
Das hat mit Qualität und Klang zu tun, nicht mit der Jahreszahl. Es klingt halt wie im Schwimmbad – wem´s gefällt, bitte schön.

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