In Memoriam Schlingensief

Titel der crescendo-Ausgabe: 05/2010; (c) Port Media GmbH; Foto Villazón: Anja Frers/DG
Während wir in unseren Redaktionsräumen die geführten Interviews dieser Ausgabe in Form brachten, erreichte uns die Nachricht vom Tod des Christoph Schlingensief. Er starb am Samstag, den 21. August 2010. Schlingensief wurde nur 49 Jahre alt. Die Nachricht ist für uns umso trauriger, als dass wir in der letzten crescendo-Ausgabe ein ausführliches und sehr persönliches Interview mit dem Künstler geführt hatten. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich zusammen mit dem Art-Direktor Stefan Steitz während der Heft-Produktion vor dem Bildschirm saß und wir Schlingensiefs Polaroid-Foto etwas schräg stellten, damit es besser zu seiner Headline passte: „Das Leben ist eine schräge Veranstaltung.“ Der Satz als auch die Tatsache, ein schräges Bild dazu abzudrucken, verliert mit seinem Tod leider seine humorvolle Note.
Ich habe Schlingensief selbst nie getroffen. Ich „kenne“ Christoph Schlingensief wie die meisten Menschen nur aus den Medien und Erzählungen von Kollegen oder Freunden, die ihn kannten oder zu kennen glaubten. Ich habe mir die Dokumentation der ARD über ihn angesehen und seine bunte Kreation des Feuilletons der Weihnachtsausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ Ende 2009. Es ist das große Phänomen unserer Gesellschaft, dass wir Menschen kennenlernen und am Ende glauben, sie gut zu kennen, wenn wir ein paar Sendungen gesehen oder Artikel und Interviews über sie gelesen haben. Christoph Schlingensief konnte man natürlich zusätzlich kennenlernen, in dem man eine seiner Aufführungen besuchte oder sein kreatives Schaffen live mitverfolgte. Über Jahre hatte er ja im Internet unter „schlingenblog“ Tagebuch geführt. Man konnte seine Gedanken nachlesen. Man konnte sich sogar in ihn hineinversetzen, seine – zum Ende hin – tragische Stimme hören. Man fängt auf diese Weise an, mit einem Menschen, den man noch nie getroffen hat, eine Beziehung zu führen. Einseitig zwar, aber dem realen Leben sich immer mehr annähernd. Im Fall von Christoph Schlingensief kann ich sagen: Ich fand ihn – aus dieser „fernen Nähe“ sympathisch. Er hatte eine lässige Frisur, einen witzig verschmitzten Lausbuben-Blick und viele Ideen, die keinem betriebswirtschaftlichen Plan folgten, sondern wahrscheinlich seiner inneren Stimme. Im Interview mit crescendo hatte Schlingensief gesagt: „Ich kann nicht ewig der Regisseur mit Krebsabo bleiben.“ Nur ein winziges Gramm dieser Selbstironie würde man sich von zahlreich existierenden eitlen Intendanten und Künstler-Agenten wünschen. Schlingensief war – für mich – der perfekte Kreativminister eines Landes, das weltweit immer noch als sehr spießig und viel zu aufgeräumt gilt.
Er wird uns ab jetzt fehlen.
Trotzdem haben wir wieder ein spannendes Heft gebastelt. Überzeugen können Sie sich auf den folgenden Seiten. Nur so viel als Hintergrund: Wir hatten, wie ich finde, großes Glück, zu einem schwierigen Zeitpunkt wie diesem, den Tenor Rolando Villazón in London besuchen zu dürfen. In einer Zeit, in der er noch immer mit seiner Gesundheit und Stimme zu kämpfen hat, ist er dennoch ein sehr tiefsinniger und interessanter Gesprächspartner. Das Interview des Kollegen Tobias Haberl mit unserem „Titelhelden“ lesen Sie hier.
Etwas entspanntere Stimmbänder trafen wir für unsere Rubrik Hausbesuch: Allerdings ist ein Hausbesuch nicht gleich ein Besuch zu Hause.
Als wir Elisabeth Kulman anfragten, ob wir sie besuchen kommen dürfen, sagte sie zwar ja. Aber mit dem Zusatz, sie wohne während der Salzburger Festspiele bei einer befreundeten Familie auf dem Land. In Hallein genauer gesagt, 13 Autominuten südlich von Salzburg. Als wir dort im späten August zum Nachmittagstee eintrafen, verwandelte der diesen Sommer ubiquitäre Regen den Garten des Hauses in eine verwunschene Fantasielandschaft. Sie bat dennoch auf die Terrasse, neben der die Tropfen in dampfendes Teichwasser perlten. Es war ein Bild wie ein Gemälde! Man hätte sie am liebsten gebeten, in Abendrobe aus dem Wasser emporzusteigen und dabei eine Arie zu singen. Aber das hätte – nach längerem Kennenlernen – gar nicht zu ihr gepasst. Die sympathische Wienerin mit burgenländisch-ungarischen Wurzeln braucht gar keine große Kulisse. Sie wirkt durch ihre natürliche Art. Sowohl auf den Bildern, als auch im persönlichen Gespräch. Das interessante Interview, das unser „Stimmenexperte“ Thomas Voigt führte, und die schönen Bilder (die rein zufällig von mir sind), lesen Sie hier.
Robert Kittel









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