Cecilia Bartoli: Junge, Göttin!
Doch, doch: Die Dame auf dem linken Foto ist Cecilia Bartoli. Warum sich die italienische Opernsängerin für ihre aktuelle CD als junger Mann verkleidete und was sie von Paparazzi vor der eigenen Haustür hält, lesen Sie im Interview.
Von Antoinette Schmelter de Escobar
crescendo: Sprechen wir über Ihre neue CD “Sacrificium”. Sie enthält Kompositionen, die im 18. Jahrhundert speziell für kastrierte Jungen entstanden. Warum ein solch schwieriges Thema?
Cecilia Bartoli: Diese Zeit ist in meinen Augen der glorreichste und auch tragischste Abschnitt der Musikgeschichte. Zum einen komponierte der Neapolitaner Nicola Porpora Meisterwerke für die größten Stars der damaligen Zeit von Farinelli bis Caffarelli. Zum anderen wurden dafür immense Opfer im Namen der Kunst gebracht, wie der Titel “Sacrificium” sagt. Denn damals wurden allein 4000 Jungen pro Jahr in Italien kastriert. Und das 100 Jahre lang. Die meisten kamen aus armen Familien und bezahlten schon als Achtjährige mit dem Verlust ihrer Männlichkeit dafür, dass sie ihre hohe Stimme behielten, intensiven Vokal- und Instrumentalunterricht erhielten und sich oft zu gefragten Interpreten entwickelten.
crescendo: Eigentlich unglaublich, aus heutiger Sicht …
Bartoli: Ja, die Kastraten konnten Frauenrollen singen, aber gleichzeitig waren es Männer mit großem Charisma. Diese Einzigartigkeit und Ambiguität, wegen der ich mich für die Kombination aus Frauenkopf und antik anmutendem Männerkörper auf dem CD-Cover entschieden habe, machte einen großen Teil ihres Erfolgs aus.
crescendo: Hört man nur die CD, ist man von den Arien beeindruckt und ahnt nichts von deren Schattenseiten. Machen Sie diese im Booklet zum Thema?
Bartoli: Natürlich. Mir war es schon lange wichtig, aus der Distanz einer Frau dieses heikle Thema anzuschneiden, aber auch die wunderbare Musik zu Gehör zu bringen. Denn die wurde bislang in der Literatur vernachlässigt.
crescendo: Nach den Kastraten gab es viele andere Stars. Über einen anderen haben Sie ebenfalls eine CD gemacht – Maria Malibran. Was war Ihr Grund, sich diese Frau auszusuchen?
Bartoli: Auch bei Maria Malibran gab es eine tragische Seite: ihr früher Tod mit 28, ein schwieriges Leben. Gleichzeitig stellt sie den Beginn einer neuen Ära dar: die der Diven.
crescendo: Die Diven. Was ist für Sie eine Diva?
Bartoli: Das Charakteristische einer Diva ist das Multitalent. Malibran, die übrigens noch mit einem der letzten Kastraten gesungen hat, war eine fantastische Interpretin, besaß auf der Bühne eine umwerfende Ausstrahlung, spielte mehrere Instrumente, komponierte und malte. Eine Diva ist für mich eine Göttin. Jemand, der übermenschlich ist.
crescendo: Wird man als Diva geboren? Oder wird man von anderen dazu gemacht?
Bartoli: Malibran wuchs in einer musikalischen Familie auf, die im Kontakt mit wichtigen Komponisten wie Rossini stand. Als sie mit dem Singen anfing, waren ihre Voraussetzungen insofern sehr gut, schnell wahrgenommen und gefördert zu werden. Aber wenn man ein außergewöhnliches Talent hat, wird das auch ohne diese Voraussetzungen früher oder später auffallen.
crescendo: Im Fernsehen boomen Talent-Shows, mit denen unter anderen der britische Handyverkäufer Paul Potts als Opernsänger berühmt geworden ist. Würden Sie Nachwuchs-Künstlern empfehlen, in so einer Sendung aufzutreten – so wie Sie es selbst auch als 19-Jährige getan haben?
Bartoli: Wenn man das tut, muss man technisch und psychologisch dazu bereit sein, denn das Ausgesetztsein und die Zurschaustellung sind enorm. Dieser Schritt vors Publikum kann einem helfen, aber auch schaden.
crescendo: Wie wird man also zum Star, Frau Bartoli?
Bartoli: Ein Stern, der über lange Zeit hinweg strahlen soll, muss immer weiter wachsen, lernen und vor allem diszipliniert bleiben. Daniel Barenboim hat einmal zu mir gesagt, dass einen auch das größte Talent verlässt, wenn man es nicht mit allen nötigen Mitteln unterstützt.
crescendo: Also gilt nicht der Grundsatz: Einmal Star – immer Star?
Bartoli: Nicht ganz: Ich denke, man darf sich durchaus Momente des Zurücklehnens gönnen, aber man muss im Anschluss daran wieder hart arbeiten. Ohne Disziplin geht nichts – da ist es egal, ob Sie im Musik-, Film- oder Sportbusiness sind.
crescendo: Fleiß ist sicher ein Erfolgs-Faktor. Doch es gibt auch Gefahren, die man nicht beeinflussen kann, zum Beispiel Stimmverlust wie im Fall von Rolando Villazón. Haben Sie selbst Angst vor so einem Einschnitt?
Bartoli: Ähnliches droht ja, wenn man Schritte macht, die zu groß für die eigenen Beine sind. Es ist wichtig, eine gute Technik zu haben und zu erkennen, wo die persönlichen Grenzen liegen. Der Körper sagt einem durchaus, was man tun kann und was nicht. Gerade jungen Künstlern fällt das allerdings schwer. Denn die sind voller Energie und fühlen sich unsterblich.
crescendo: Wann haben Sie sich zum ersten Mal als Star gefühlt?
Bartoli: Ich kann gar nicht über mich selbst sagen, dass ich ein Star bin. Ich hatte nur schon immer eine Leidenschaft für Musik, die derart groß ist, dass sie wie ein Feuer lodert.
crescendo: Sie gelten als jemand, der nicht immer den Weg geht, den andere von Ihnen erwarten. Sind Sie trotz oder wegen Ihres Eigensinns so erfolgreich?
Bartoli: Ich verfolge einfach das, was ich liebe und wähle aus, was ich meiner Ansicht nach unbedingt mit anderen teilen und auf die Bühne bringen sollte. Als Interpret muss man sich für einen Weg entscheiden und den gehen. Jeder macht das auf seine Weise, ist dabei aber mehr oder weniger überzeugend.
crescendo: Hat man es an die Spitze geschafft, wird man leicht zur öffentlichen Person und dadurch verletzlich, wie das Beispiel vieler Stars aus der Popmusik zeigt. Ist das in der Klassikbranche ebenfalls ein Problem?
Bartoli: Meines Erachtens kann man sich durchaus dafür entscheiden, Paparazzi vor der Haustür zu wollen oder nicht. Manche Künstler müssen über Privatleben reden, weil sie sonst nichts zu sagen haben. Wenn es interessante Projekte gibt, kann man mit Journalisten jedoch auch über etwas anderes sprechen.
crescendo: Sie haben von mehreren Echos bis zum Grammy zahllose Preise gewonnen. Berührt Sie eine Auszeichnung wie der Award zum Leonie Sonning Musikpreis 2010 trotzdem noch?
Bartoli: Preise erfüllen mich mit Freude und geben mir Energie, das weiter zu tun, was ich mache. Jede Auszeichnung ist ein Zeichen dafür, dass nicht nur ich selbst mein Tun genieße – eine Form des Teilens und auch Zurückbekommens.
crescendo: 2007 haben Sie eine Stiftung gegründet. Wozu?
Bartoli: Die Aufgabe meiner Stiftung ist einerseits die Wiederentdeckung vergessener und von der Musikgeschichte vernachlässigter Werke, andererseits die Unterstützung junger Komponisten. In der Popbranche gibt es genug davon, aber uns fehlt dieser schöne Dialog mit Zeitgenossen ein wenig.
crescendo: Fühlen Sie sich als Botschafterin der Musik?
Bartoli: Ja. Aber mir liegt auch die Forschung am Herzen. Ich bin eben ein neugieriger Mensch.
Sacrificium
Cecilia Bartoli
Doppel-CD
(Decca/Universal)













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