Kapuzenjacke trifft Frack
Fabrice Bollons „Viderunt omnes. Konzert für DJ und Orchester” wird in Leipzig uraufgeführt
Von Georg Rudiger
„Res severa verum gaudium” steht unter der großen Orgel im Leipziger Gewandhaus – wahre Freude ist eine ernste Sache. Neben dem Dirigentenpult sind auf einem mit weißem Laken überzogenen Tisch drei Plattenspieler, ein Equalizer und allerlei zusätzliches elektronisches Gerät aufgebaut. Das Equipment für die Party nach dem Konzert? Fabrice Bollon ist immer für Überraschungen gut. Vor drei Jahren hatte der Freiburger Generalmusikdirektor für ein spektakuläres, von ihm geleitetes Projekt der Söhne Mannheims mit dem SWR-Sinfonieorchester die Arrangements und Überleitungen komponiert. Jetzt hat der Franzose ein Konzert für DJ und Orchester geschrieben, das ebenfalls den Spagat wagt zwischen Popmusik und Klassik – ohne sich dabei in seichten Crossover-Gewässern zu tummeln. Wahre Freude ist eine ernste Sache. Zwei Welten treffen bei dieser Uraufführung nicht nur im Publikum aufeinander, wenn im nur halbvollen Gewandhaus neben den älteren, fein gemachten Zuhörern auffallend viele Jugendliche in ganz legerer Kleidung sitzen. Auch DJ Bart Philips passt mit seiner Kapuzenjacke zumindest äußerlich nicht in die Welt der Frackträger. Sein Auftreten wirkt linkisch, das Terrain ist ungewohnt. Aber dann steht der gebürtige Karlsruher an seinen Plattentellern, ein kurzer Blick zu Fabrice Bollon am Dirigentenpult – dann ist es vorbei mit der Unsicherheit.
Der erste Satz beginnt wie auch die beiden Folgesätze mit den Klängen des DJ. Ganz hohe Frequenzen schickt Bart Philips mit Hall über die Lautsprecher, das MDR-Sinfonieorchester schleicht sich nach und nach in die rhythmisch klar akzentuierten Figuren. „Let’s dance” ist das Motto des Konzertes, das mit den tranceartigen „Chairman Dances” von John Adams und Bernsteins Sinfonischen Tänzen aus der „West Side Story” zwei weitere, vom Rhythmus lebende Kompositionen präsentiert. Fabrice Bollon setzt auf musikgeschichtliche Kontinuität, wenn er im seinem Lehrer Mauricio Kagel gewidmeten Konzert mit dem titelgebenden Organum „Viderunt omnes” von Perotin, dem wichtigsten Vertreter der Notre-Dame-Schule, auf über 800 Jahre altes Material zurückgreift. Die konkreten musikalischen Bezüge äußern sich vor allem in der atmosphärisch dichten, Raum öffnenden Sarabande. Hier wird das gesungene Original vom Band eingespielt, nachdem es motivisch von der Harfe vorbereitet wurde. Immer wieder setzt Bollon hier gesangliche Instrumente wie Oboe und Violine solistisch ein; auch die zum Teil vorher produzierten Klänge des DJs sind fließend. Der zweite, leider etwas kurz geratene Satz, „Mister ‚so fresh’” ist ein echter HipHop. Hier scratcht Bart Philips Wortfetzen, sogenannte Wordcuts. Die Nummer hat Drive, das Orchester wird mit den vorzüglichen Schlagzeugern zur Rhythmusmaschine. Im Finale setzt Bollon dann ganz auf Effekt, bringt mit zwei großen Orchestercrescendi Zug in den eher schlicht gebauten musikalischen Verlauf und sorgt mit großer Trommel, Congas und Snare Drum für sambaähnlichen Groove. Über dem Orchestertutti zieht Bart Philips virtuos seine vertrackten Sololinien, ehe die Energie in einem scharf markierten Schluss plötzlich zum Stillstand kommt. Am Ende gibt es Jubel in Leipzig und Blumen für den DJ, der sich vor lauter Schreck in seine Kapuze verkriecht.











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