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Katharina, mir graut vor Dir!

22. September 2007

Katharina WagnerIhre „Meistersinger”-Inszenierung war das erste ernsthafte Bewerbungsschreiben – danach hat Katharina Wagner ihre Bewerbungstour in Worten fortgesetzt: erst bei Dauertalker Beckmann, dann hat sie ein bisschen überall schlawenzelt, und nun ließ sie in der FAZ die Bombe platzen: gemeinsam mit Christian Thielemann will sie die Bayreuther Festspiele übernehmen. Klüger kann man seine Karriere nicht lancieren. Wirklich nicht?

Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten und Tochter von Festspielleiter Wolfgang Wagner, hat mit ihrem Bayreuth-Debüt eine Meisterleistung abgeliefert: den Abgesang auf den Mainstream, den Generationswechsel der Klassik. Ihr Schustermeister Hans Sachs ist vom Freidenker zum Neonazi geworden, vom offenherzigen Dr. Specht zum selbstgefälligen Opium für das Volk, vom Liberalen zum Demagogen. Er hat die Macht benutzt, die er aus Vertrauen gewonnen hat, um sie zu instrumentalisieren – für sein eigenes Fortkommen.

Wir kennen das. Die Klassik-Szene funktioniert heute besonders gut, wenn Tradition und Innovation miteinander verknüpft werden, wenn man vom Feuilleton entdeckt wird, mit Maria Callas in einem Atem genannt wird und dann doch nur noch in oberflächigem Hochglanz macht – so wie Anna Netrebko. Katharina Wagner hat dieses System angegriffen, indem sie das Bayreuther Publikum vorgeführt hat. Zu Recht! Dauergähnende Premierenbesucher, die nicht wegen der Inhalte kommen, sondern, um sagen zu können, dass sie dabei gewesen sind. Das war mutig.

Aber so viel Mut scheint heute zu gewagt. Katharina Wagners Qualität war die des Outlaws, der authentischen Regisseurin, die keine Klischees bedienen wollte, nicht als Urenkelin, nicht als Tochter, nicht jenes des Freundeskreises der Bayreuther Festspiele und nicht das der öffentlichen Feuilleton-Meinung. Jetzt tingelt sie durch Talkshows, Feuilletons und Massenmedien – und stellt damit nicht nur ihre eigenen Regie-Aussagen in Frage, sondern begibt sich auch in Abhängigkeiten, die ihrem Freiheitsdrang im Wege stehen.

Nachdem ihre Inszenierung weitgehend gefeiert wurde, sieht die Sache eben anders aus. Jetzt fängt Wagner an zu tingeln und zu schmusen – und zwar mit dem von ihr selbst erklärten Feind, mit Beckmann und Co. Sie hat als Sachs begonnen, als Freidenkerin, aber sie scheint auch zu wissen, dass das Freidenken seine Grenzen hat – also inszeniert sie ihre Inthronisierung mit allen Mitteln der PR: Feuilleton und Flach-TV.

Wie glaubhaft bleibt bei all dem ihre eigene Lesart der Werke ihres Urgroßvaters? Richard Wagner hat ein Leben lang um Anerkennung gerungen, Misserfolge ausgesessen, ausgehungert, ausgefochten. Er hat sich Freunde gemacht, Sponsoren gefunden, dabei aber nie seine eigene Philosophie verkauft. So wie ihr Vater Wolfgang, der weder bei den Attacken gegen den Cherau-Ring eingeknickt ist, noch in der Nachfolge-Debatte. Er schien auf Katharina gesetzt zu haben, weil der Franke den eigenen Willen der Fränkin schätzte. Wer mit dem Feind, der öffentlichen Meinung, geschmust hat, den hat er rausgeschmissen: René Kollo oder Peter Hofmann.

Wer Hans Sachs vom 68er Revolutionär und Visionär zum Nazi mutieren lässt, so wie Katharina Wagner, spielt mit der Sympathie für das Freidenken und gibt vor, die Gefahren des Mainstreams zu kennen. Das verdient Respekt und Applaus.

Christian Thielemann hat sich seit jeher dem Mainstream verweigert, sein Ding gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste, stets die Qualität im Auge. Und das hat ihn ausgezeichnet, zum Helden der wahrhaftigen Nische werden lassen.

Ja, Katharina Wagner und Christian Thielemann wären ein Traumpaar auf dem Grünen Hügel, ihr einziges Manko zeigt sich erst jetzt, da es ernst wird, und sie eine Sache unbedingt wollen. Sie vertrauten der Sicherheit nicht, in der sie sich bis gestern wiegen konnten. Sie scheinen es nötig zu haben, um ihre Qualität buhlen zu müssen, sich öffentlich bewerben zu müssen – öffentlich ordentlich und rechtlich. Dabei hatten sie längst gewonnen.

Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier hatten verloren – bis gestern. Denn sie waren machtlos gegen die Selbstverständlichkeit der Thronanwärter. Jetzt haben sich Katharina Wagner und Christian Thielemann die Blöße der öffentlichen Bewerbung gegeben, sie wollen nicht die Kunst revolutionieren, sondern einen Posten einnehmen. Einen Posten, den sie – jeder auf seine Art – vielleicht perfekt füllen. Aber auch einen Posten, um den man sich nicht durch Worte und Auftritte, durch Demagogie und PR, sondern durch das Urvertrauen in die Kunst bewirbt.

Dieses Vertrauen scheint verloren gegangen zu sein, Katharina Wagner auf dem besten Weg, den sie in ihrer Lesart des Hans Sachs vorgezeichnet hat. Die Nachfolge-Diskussion ist durch ihr Taktieren so offen geworden wie sie nie war. Spätestens am Ende der Ära Wolfgang Wagner hätte sie Bayreuth eingenommen und mit Kunst füllen können, mit Diskurs, Provokation und neuen Ideen. Jetzt vertraut sie den bekannten Methoden, dem vermeintlich bewährtem Weg zwischen Boulevard und Feuilleton, zwei etablierten konstanten der Klassik, und gefährdet damit ihre eigentliche Mission: die Kunst.

Kurz vor dem Ziel hat Katharina Wagner vielleicht ihren ersten Fehler gemacht. Sie vertraut dem Establishment, gegen das sie bis gestern gekämpft hat, mehr als dem Neuen, das sie selbst erfunden hat. Dabei weiß ihr Hans Sachs genau, wovon hier die rede ist.

Axel Brüggemann

im Video: Katharina Wagners “Lohengrin” aus Budapest. 


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