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Kein Lampenfieber:
das Bühnentier René Pape

8. Oktober 2008

René Pape; (c) Mathias Bothor/DGWo andere vor Aufregung schlottern, blickt er gelassen drein. Als Sing-Schauspieler weiß man eben, wie sich aus dem Wechselspiel zwischen Alltag und Bühne Energie für den Auftritt gewinnen lässt.

Ich habe mich immer als Bühnenmensch empfunden, schon als kleiner Junge im Dresdner Kreuzchor. Ab meinem neunten Lebensjahr war ich dort und blieb sieben Jahre lang, habe praktisch meine ganze Jugend dort verbracht. Wir lebten in einem regelrechten Internat und beschäftigten uns von früh an bis abends mit Musik. Mein allererster Auftritt war als Kruzianer in der Dresdner Kreuzkirche, da war ich neun oder zehn. Ich war ziemlich aufgeregt, als wir in der Schlange standen und auf unseren Auftritt warteten. Von den Älteren wurden wir Kleinen hin und her geschubst, nach dem Auftritt bin ich dann auch noch falsch abgegangen. Das vergisst man nie.

Damals war ich noch ein Knabensopran, später dann bin ich in den Alt gewechselt und danach ging es in eine immer tiefere Stimmlage. Mein erster solistischer Auftritt war in Dresden mit zwölf, ich hatte meine erste Bühnenrolle im Musical “Cabaret”. Da war ich eigentlich nicht nervös, eher freudig erregt. Ich merkte schon damals, ich mag auf der Bühne spielen, ich mag Charaktere darstellen, und je länger man die Rolle spielt, umso mehr wächst sie durch eigene Erfahrungen.

In jungen Jahren hatte ich natürlich noch nicht die Erfahrung, dafür aber eine gewisse Unbefangenheit. Mit 24 Jahren war ich schon an der Deutschen Staatsoper in Berlin engagiert. Viele Rollen kamen sehr früh, das lag natürlich an meinem Stimmfach, mit dem man mehr auf autoritätsgeladene Persönlichkeiten und Figuren, Väter und Priester, abonniert ist. Und mit 25 Jahren war ich schon Vater, auch im echten Leben. Dann ging die Reiserei los. Das war nicht immer einfach. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann denke ich, ich hätte das eine oder andere eventuell auch später machen können. Aber eigentlich bin ich zufrieden mit dem, was ich geworden bin.

Eine meiner ersten Partien war der Gremin aus “Eugen Onegin” von Peter Tschaikowsky. Da hatte ich eine weiße Perücke auf und bin ein bisschen krumm gelaufen. Natürlich klang die Stimme sehr jung. Ich bin oft angegriffen worden, ich hätte eine zu junge Stimme für eine Partie wie Rocco oder den Sarastro. Ich habe aber immer gesagt: “Es ist besser mit zwanzig den Vater zu spielen als mit sechzig den jugendlichen Liebhaber.”

Ein Kostüm gibt einem eine gewisse Sicherheit auf der Bühne, man schlüpft in den Charakter, in die Story. Bei einer CD-Produktion hilft all das nicht, da muss man sich dann hineindenken. Ein Kostüm kann aber auch hinderlich sein, vor allen Dingen, wenn ein Bühnenbildner “schlecht” gearbeitet und viel zuviel oder zu schweren Stoff verwendet hat. Du schwitzt dich zu Tode, dann verläuft das Make up; die Schminke, die Frisur oder Perücke sitzt nicht mehr. Das darfst du aber alles nicht zeigen. Da musst du durch. Ab einem gewissen Level kann man aber bei der Produktion mitentscheiden.

Wir sind auch Schauspieler, ich schlüpfe gern in Rollen, die ich privat nicht spielen kann oder möchte. Das Verkleiden macht viel Spaß, dieses Hineingehen in verschiedene Charaktere und in verschiedene Sprachen, vom König, zum Priester, zum Vater, zum Hanswurst oder zum Don Juan. Das sind so vielschichtige Charaktere, die ich im Leben gar nicht spielen kann oder will, weil es sonst zu anstrengend wird. Es gibt aber auch Kollegen, die verstecken sich hinter den Masken vor ihrem Leben. Das tue ich nicht.

Um in einer Rolle das Publikum zu überzeugen und zu begeistern, muss man mehr tun als zu sagen: “Jetzt ziehe ich mich um und dann bin jemand anderes.” Ich bin jetzt seit über zwanzig Jahren auf der Bühne, das ist ein Teil von mir geworden. Wenn ich den König Marke singe, dann ist einiges von meinem Privatleben dabei, wenn ich den Don Giovanni singe, dann ist auch etwas dabei… Ich verwechsle natürlich nicht das Leben mit der Bühne, aber wenn man so ein Bühnenmensch ist wie ich, dann verfließen die Grenzen. Da wir so exzessiv arbeiten, spielt alles ineinander.

Cover “Gods, Kings, Demons”; (c) DGIch hatte nie Angst, dass mir die Stimme wegbleibt; es ist auch nie passiert. Rituale oder einen Talisman habe ich nicht, wenn ich natürlich eine so große Partie wie den Gurnemanz singe, dann achte ich darauf, dass ich ausgeruht bin, mich gut ernähre, viel Obst esse, solche Dinge. Ich bin aber keiner, der sich zwei Tage einschließt oder mit niemandem mehr spricht. Und ich trage auch keinen Schal um den Hals. Und ich rauche. Und zwar sehr gern. Man kann sich nicht von seiner eigenen Stimme tyrannisieren lassen.

Der Tag der Premiere ist natürlich nicht wie jeder andere ganz normale Tag. Weil man nie weiß, wie die Vorstellung werden wird. Aber nach zwanzig Berufsjahren und entsprechenden Erfahrungen habe ich dieses Lampenfieber nicht mehr. Es gibt natürlich besondere Tage, an denen man etwas angespannt ist und sich körperlich schwach fühlt. Dann achtet man besonders drauf, dass alles klappt. Viele Kollegen sagen, man darf diesen Beruf nicht zur Routine werden lassen. Ich bin da eigentlich anderer Meinung. Je routinierter man ist, umso freier kann man auch spielen und singen und muss sich nicht um sich selbst kümmern. Man kann sich sozusagen dem Stück und dem Abend hingeben. Das heißt allerdings nicht, dass jeder Abend dann gleich und “routiniert” ablaufen wird.

Während ich die Partie des Gurnemanz im “Parsifal” für New York studierte, die wirklich höllisch anstrengend ist, dachte ich: “Wenn Du erst auf der Bühne bist, wirst Du erleichtert sein, dass die Partie endlich zu Ende ist.” Als es dann wirklich soweit war, war ich regelrecht traurig, dass ich von der Bühne weg musste. Ich wollte weiter und weiter singen. Und so ist es bis zum heutigen Tag. Ich bin wohl doch ein richtiges Bühnentier.

Aufgezeichnet von Teresa Pieschacón Raphael

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