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Keine Melodien für Millionen

11. Januar 2010
Nicolas Altstaedt; (c) LUCERNE FESTIVAL

Nicolas Altstaedt; Foto: LUCERNE FESTIVAL

Nicolas Altstaedt erhält in Wien den Credit Suisse Young Artist Award 2010

Von Georg Rudiger

Kronleuchter hängen an der Decke, Marmorsäulen schmücken die Wände. Der Festsaal des Hotels Imperial in Wien gehört zum Repräsentativsten, was die Stadt zu bieten hat. Die Credit Suisse hat zur Pressekonferenz eingeladen. In der Saalecke neben dem Eingang steht ein junger Mann mit dunklen Locken vor einem silbernen Cellokasten. Es sieht nicht unbedingt so aus, als ob er hier bei der richtigen Veranstaltung ist. Kurze Zeit später wird klar: Er ist der Grund der Veranstaltung. Nicolas Altstaedt ist der Preisträger des mit 50 000 Euro dotierten “Credit Suisse Young Artist Award 2010″. Alle zwei Jahre wird dieser Preis verliehen, bei dem die fünf Jurymitglieder jeweils einen Nachwuchskünstler vorschlagen. Die Wahl fiel einstimmig auf den 1982 geborenen Cellisten, wie Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festivals und Jurymitglied, freudig verkündet. Er freue sich schon auf den damit verbundenen gemeinsamen Auftritt des Cellisten mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel am 17. September 2010 beim Lucerne Festial.

Unter den früheren Preisträgern finden sich mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja (2002) und dem Pianisten Martin Helmchen (2006) Namen, die inzwischen in der Klassikszene einen hervorragenden Ruf besitzen. Auch für die argentinische Cellistin Sol Gabetta war der Preis, den sie im Jahr 2004 erhielt, die Initialzündung für eine internationale Solistenkarriere: “Durch ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern, mit einem Stardirigenten, bei einem der wichtigsten Festivals Europas und mit Folgekonzerten in Wien werden einem genügend Plattformen geboten, sich einem breiten Publikum und vor allem auch dem professionellen Musikbusiness zu präsentieren”, erinnert sich die Cellistin. Nicolas Altstaedts Karriere ist künstlerisch schon weit fortgeschritten, obwohl sich bei ihm nicht wie bei vielen seiner Kollegen eine große PR-Maschine im Hintergrund dreht. Bei dem kurzen Porträt, das der Kultursender ARTE über ihn gedreht hat, spricht er lieber über die Eigenschaften seines von der Deutschen Stiftung Musikleben zur Verfügung gestellten Nicolas-Lupot-Cello als über sein Lieblingsessen.

Auf seiner 2005 erschienen Debüt-CD finden sich neben Werken von Beethoven und Bach auch zwei frühe Stücke von Anton Webern und die Solosonate von György Ligeti, deren zweiten Satz er auch beim Wettbewerb vorspielte. Das sind keine Melodien für Millionen, mit denen Plattenfirmen Geld verdienen können. Der Anfrage eines großen Labels hat Altstaedt im letzten Jahr widerstanden, weil die programmatischen Vorstellungen nicht mit seinen vereinbar waren: “Der Credit Suisse Young Artist Award ist für mich auch eine Bestätigung, dass mein Weg richtig war. Dass man auch Erfolg haben kann, wenn man sich den Gesetzen des Klassikmarktes widersetzt.” Zu seinen musikalischen Partnern zählen jetzt schon Größen wie Gidon Kremer, Emmanuel Pahud und Jörg Widmann sowie renommierte Orchester wie die Bamberger Symphoniker, das Simón Bolívar Symphony Orchestra und die Kremerata Baltica. Seine jüngste CD mit den beiden Cellokonzerten von Joseph Haydn, die er mit der Kammerakademie Potsdam unter Michael Sanderling einspielte, erhielt hervorragende Kritiken.

Begonnen hat Altstaedt sein Studium 2001 bei Ivan Monighetti in Basel. Nach zwei Jahren wechselt er nach Berlin zu Boris Pergamenschikow – und wird einer seiner letzten Schüler. “Am Ende hat Boris Pergamenschikow seine Celloklasse halbiert, wir waren nur noch sechs Studenten bei ihm. Er unterrichtete zu Hause, wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Er hat sich bis zur Selbstaufgabe für uns eingesetzt. Auch noch, als er schwer krank war, hat er immer angerufen und sich erkundigt, wie es uns geht.”, erzählt Altstaedt. “Als Lehrer hat Pergamenschikow ja keine Cello-Schule entwickelt – das war ihm wichtig. Wir Studenten waren sehr unterschiedlich. Er hat das gefördert.” Sein Studium setzt Altstaedt bei David Geringas und Eberhard Feltz fort. Neben dem klassischen Kernrepertoire beschäftigte er sich schon immer mit Neuer Musik, für ihn “eine Selbstverständlichkeit”. Er spielte die Schweizer Erstaufführung von Georg Friedrich Haas’ Cellokonzert und arbeitete mit Komponisten wie Wolfgang Rihm, Moritz Eggert und Sofia Gubaidulina zusammen. Auch Altstaedts CD-Produktionen spiegeln seinen breiten musikalischen Horizont. Das Cellokonzert von Robert Schumann kombinierte er mit dem von Friedrich Gulda. Seine “Vuelta al Mundo”-CD ist eine kleine, gemeinsam mit der Akkordeonistin Elsbeth Moser unternommenen musikalische Weltreise, die von den scharf gespielten Tangos des Argentiniers Astor Piazzolla bis zum folkloristischen “Sachidao” des georgischen Komponisten Sulchan Zinzadse führt.

Neben vielen anderen Preisen gewann Altstaedt auch 2005 den Domnick-Cellowettbewerb der Stuttgarter Musikhochschule, der vom dortigen Celloprofessor Jean-Guihen Queyras mit einem Neue-Musik-Schwerpunkt ausgestattet wurde. “Nicolas hat zweifellos alles, um einer der wichtigsten Musiker seiner Generation zu werden. Er ist technisch höchstbegabt, sehr neugierig. Und spielt keine einzige Note einfach routiniert, sondern ist immer mit vollem Herzen und wachem Geist dabei”, bemerkt Queyras. Als Nicolas Altstaedt im Festsaal des Hotels Imperials um eine Rede gebeten wird, sagt er nur wenige Worte. Er sei berührt von diesem Preis und fühle die große Verantwortung, die mit dieser Auszeichnung verbunden ist. Im persönlichen Gespräch ergänzt der sympathische Cellist: “Das Wichtigste ist immer, der Musik zu dienen. Ich habe kein bestimmtes Klangideal. Es geht eher um Wahrhaftigkeit.”

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