La Bohème und das Gespür für erotismo
Anna Netrebko und Rolando Villazón sollen nach den großen Bühnen mit dem Film “La Bohème” nun auch die große Leinwand erobern. Dass sich kaum jemand der emotionalen Kraft der Puccini-Oper entziehen kann, zeigte die Pressevorführung des Opernfilms in Frankfurt am vergangenen Freitag. Dabei kamen im Metropolis-Filmpalast hörbar die Taschentücher zum Einsatz, und die Mitglieder der schreibenden Zunft saßen noch gebannt in den Kinosesseln, als der Abspann längst vorüber war. Hannah Glaser war für crescendo dabei.
Regisseur Robert Dornhelm drehte den fünf Millionen Euro teuren Opernfilm im Frühjahr 2008 in den Wiener Rosenhügel-Studios, in denen einst schon die “Sissi”-Filme entstanden. Tatsächlich schwelgt der “Bohème”-Film in historisierendem Realismus und entführt die Zuschauer mit einem gewaltigen Puccini-Klangteppich und mit einer Bilderflut in dokumentarischem Schwarzweiß in das Paris des 19ten Jahrhunderts, ganz so, als hätte Dornhelm das enthusiastische Zitat von Debussy im Sinn gehabt: “Wenn man sich nicht zurückhielte, würde einen der ungeheure Schwung dieser Musik einfach mitreißen. Ich kenne niemanden, der das damalige Paris so treffend beschrieben hat wie Puccini in La Bohème.”
Das “damalige” Paris, im Studio perfekt nachgebaut mit einem Dachatelier wie von Spitzweg entworfen, mit Kopfsteingassen, Feuerschluckern und Marketendern, bietet die Folie für die Hauptdarsteller, die durchweg in leichtem Sepiabraun wie in alten Filmen oder in blaustichigen, kalten Winterfarben auftreten. Regisseur Robert Dornhelm, der auch seinen Cousin, Wiens Staatsoperndirektor Ioan Holender, für einen Cameo-Auftritt als Musettas Kavalier engagierte, hat die historisierende Optik mit Bedacht gewählt: “Ich will gerade im korrekten Ambiente die Künstlichkeit der Oper betonen, gleichzeitig meine wunderbaren Protagonisten noch lebendiger erscheinen lassen.”
Seine Rechnung ist aufgegangen. Auch diesmal ist die künstlerische Harmonie der beiden Opernstars Anna Netrebko und Rolando Villazòn mit Händen zu greifen. Ihre schauspielerischen wie sängerischen Fähigkeiten lassen den Film zum Ereignis werden, ganz egal, ob man die romantisierenden Kulissen und die bläulich kühle Oberflächentextur mit permanentem Schneetreiben als Kitsch oder Kunst empfindet. Puccini verlangt starke Gefühle, Spontaneität und Intensität in der Darstellung – und hier sind Netrebko und Villazòn in ihrem Element. Wie die Oper beginnt auch Dornhelms Film in einer Stimmung rauschhafter Ausgelassenheit und endet mit dem Tod einer Frau, die jung, verliebt und todkrank ist.
Anfangs gerät man als Zuschauer kurzzeitig ins Grübeln, denn Villazòns Rodolfo scheint mit Dreitagesbart und bleichem Gesicht der Schwindsucht viel näher als Netrebkos Power-Mimi, die vor Gesundheit nur so strotzt. Doch rechtzeitig zum vierten und letzten Akt sorgen die Maskenbildner für Mimis nötige Todesblässe. Anna Netrebko interpretiert die Rolle der armen Näherin Mimi ganz und gar nicht unschuldig, sondern enthüllend kokett und sexy, während Rolando Villazòn, der wie immer ergreifend intensiv in seiner Rolle aufgeht, anfangs als leichtfüßiger, liebenswerter Bohemien daherkommt, der sich im Laufe der Geschichte als furchtsamer Versager erweist, der vor Mimis Krankheit flüchtet, die Geliebte im Stich läßt und am Ende verzweifelt und gebrochen zurückbleibt.
Die musikalische Einspielung stammt aus der Aufzeichnung der konzertanten Aufführung der “Bohème” im April 2007 in der Münchner Philharmonie am Gasteig (Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Bertrand de Billy). Um realistisch zu wirken, sangen die Darsteller bei den Dreharbeiten mit. Einige von ihnen übrigens auch zu fremder Stimme: George von Bergen mimt den Maler Marcello (zum Gesang von Boaz Daniel), Adrian Eröd den Musiker Schaunard (zu Stephane Degout), Ioan Holender den Alcidoro (zu Ticiano Bracci).
Die Idee zur Verfilmung entstand übrigens am 03. Januar 2005, als Netrebko und Villazón in einer “La Bohème”-Aufführung im St. Petersburger Mariinski-Theater auftraten. Beide standen nicht nur erstmals gemeinsam als Puccinis unsterbliches Pariser Liebespaar auf der Bühne, für Anna Netrebko, die bisher ausschließlich die kokette Musetta gesungen hatte, war es zudem die erste Mimí – von der schrägen, lebenslustigen Soubrette wurde sie zur lyrisch Leidenden. Der bei dieser Gelegenheit im Zuschauerraum entstandene Videofilm einer Freundin bezauberte beide so sehr, dass sie beschlossen, diese Magie festzuhalten und die Idee für den “La Bohème”-Kinofilm war geboren.
Nun kommt der Opernfilm mit den beiden Sängerstars im Oktober und damit im Umfeld von Puccinis 150stem Geburtstag (22.12.) ins Kino. Zwar wird das fast fünf Millionen Euro teure Opus nie ein Blockbuster werden, aber schon die Kino-Liveübertragungen der Metropolitan Opera und neuerdings auch die aus dem Royal Opera House Covent Garden in London zeigen, dass die Begeisterung für die große Oper auf der großen Leinwand gewaltig gewachsen ist.
Dirigent Riccardo Chailly, der als einer der besten Puccini-Dirigenten gilt, sagt über den Komponisten der “Bohème”: “Wir wissen, dass er ein großer Frauenheld war. Und es ist kein Zufall, dass alle Heldenfiguren in seinen Opern Frauen sind. Puccini war ein sehr, sehr sensueller Komponist, Eros muss in der Persönlichkeit eines solchen Menschen eine große Rolle spielen, das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Gespür für erotismo ist geradezu Voraussetzung für diese spezielle musikalische Sensualität.” Dieser Anforderung wird der Film “La Bohème” mit Netrebko und Villazòn als Liebespaar spielend gerecht.









Martina Pohl
Eigentlich wollte ich ja nicht mehr kommentieren, weil es sonst bestimmt wieder Saures von gewisser Seite gibt, aber ich kann mich nicht beherrschen: Danke für diesen spannenden Artikel!!! Da bekommt man Lust auf den Film. Hoffen wir, daß er auch irgendwo im schönen Bergischen Land gezeigt wird.
Nachdem der Berliner “Eugen Onegin ” szenisch ein Desaster zu werden verspricht, wäre dieser Film eine schöne Erholung.
Herbert
Kompliment der Autorin zu diesem aufschlussreichen Bericht! Ich selbst hatte auch das Glück, eine Pressevorführung besuchen zu können, und ich finde die meisten meiner Eindrücke in dem Bericht wieder. Der Schlüssel zu dem, was mir noch fehlt, liegt in dem Satz: „ganz egal, ob man die romantisierenden Kulissen und die bläulich kühle Oberflächentextur mit permanentem Schneetreiben als Kitsch oder Kunst empfindet“. Keine Frage – der Film bietet musikalisch und emotional ein Vollbad, in dem man sich aalen kann. Aber zwischendurch musste ich heraussteigen, denn dann hat der Verstand allzu laut gefragt: Filmkunst oder Filmkitsch? An was erinnert mich diese Bildsprache? Und die Antwort war immer dieselbe: an Liebesfilme aus den 40er und 50er Jahren mit musikdurchfluteten Großaufnahmen der Gesichter, die ineinander überblendet werden; schmachtende Blicke und Ähnliches – das ist allzu sehr Zarah Leander und Willy Birgel (deren Filme ja auch z.T. in den Wiener Rosenhügel-Studios entstanden sind). Aber dann kamen wieder Szenen, die einfach großartig waren, auch was das überzeugende Zusammenspiel von Anna Netrebko und Rolando Villazón betrifft. Mein Gesamteindruck bleibt also zwiespältig, aber gerade deshalb werde ich mir den Film sicher noch einmal im Kino ansehen.
Margit-Luise
Klasse, Hannah Glaser, danke für den tollen Bericht.
Nach dieser “Lektüre”,so flott mit einer Portion Ironie und Humor geschrieben, freue ich mich ganz besonders auf den Film.
Mir gefällt ausgesprochen gut, dass wir hier trotz aller Sentimentalität ein recht modernes Liebespaar sehen, eine sexy Mimi und einen sehr verführerischen Rodolfo. Das alleine ist schon sehenswert. (Verwöhnt mit solchen Opernsängern wurden wir wahrlich in den letzten Jahren nicht.)
Der gehörige Schuß Romatik den die zwei Hauptdarsteller versprühen passt auch in die heutige Zeit.
Und die Musik Puccinis kann doch so schön frivol sein.
Ich bin zwar keineswegs eine verschrobene Landlady, die Groschenromane nach Kilo kauft und vor ihrem Kamin träumt, jedoch ein Opernfilm alla “Vom Winde verweht” gehört auch bei mir ab und an dazu. Ist mir allemal lieber als Nachrichten über die höchst “erotischen” Politiker und ihre Machenschaften.
Ich bin ganz glücklich über den Mut alller Beteiligten diesen Film zu drehen, denn hier zeigen Künstler ganz große Gefühle auf einer Leinwand wo ich nicht mal nur mein Porträt sehen wollte.
Also viel Spass, auch wenn die Schneeflocken auf Rolando-Rodolfos schwarzen Locken nur aus dem Inhalt niedlicher Wegwerfwindeln stammen sollen. M-L
Herbert
Inzwischen habe ich mir den Film noch zweimal angesehen, und je öfter umso besser gefällt er mir. Die Kitsch-Sequenzen treten mehr in den Hintergrund, und umso mehr prägen sich die wirklich gelungenen Bilder ein – vor allem der gesamte IV. Akt und der Schluss, der ein filmischer Geniestreich ist. Schade, dass die Vorstellungen nur sehr schwach besucht sind!
Martina
Ich habe den Film am Wochenende nun auch erleben dürfen und bin hingerissen. Natürlich ist das keine feinsinnige, klug durchdachte Regiearbeit à la Willy Decker, natürlich wird kein Filmtrick ausgelassen und natürlich ist es ein Frontalangriff auf die Emotionen und den Blutzuckerspiegel des Zuschauers. Aber es ist wunderbar anzuschauen und anzuhören.
Wie ich so gerne sage: den Verstand zum spielen vor die Tür schicken, eine größere Menge Tempos einpacken (und eventuell ein Knuddeltier zum sich dran-klammern, es wird nämlich herzzereißend im letzten Akt!) und einfach genießen.
@Herbert
Ja, die letzte Einstellung ist umwerfend!!!
Übrigens: auf den Flyern werben sie mit einem Zitat aus Hannah Glasers Besprechung hier bei Crescendo!
Meine Glückwünsche an Frau Glaser dazu, und vor allem an Crescendo zu einer solchen Mitarbeiterin
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