Leidenschaftlich dem Wort verpflichtet
Bachs Matthäuspassion mit dem Münchner Bachchor unter Hansjörg Albrecht/Daniel Johannsen als sensationeller Evangelist
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Der Matthäuspassion mit dem Münchner Bach-Chor am Karfreitag zu lauschen, hat lange Tradition. Der einst vom legendären Karl Richter gegründete und als eigene „Marke“ weltberühmt gewordene Chor hat in den letzten Jahren eine Wandelung durchgemacht und sich stimmlich verjüngt. Weg von den breiten Tempi und den großen Besetzungen Richters hat sich der Klang des Chores verschlankt, aber dabei zum Glück seine eigene Klangsinnlichkeit nicht verloren.
Chorleiter Hansjörg Albrecht, der in alter Barock-Tradition vom Cembalo aus dirigiert, hat seit seiner ersten Matthäuspassion 2006 vor allem eines perfektioniert: die Ausdeutung des Wortes. Gerade in den Chören, Chorälen und Rezitativen, aber auch in der eigenen Cembalo-Begleitung und im Continuospiel der Musiker – das Albrecht durch zwei Chittaronen klanglich interessant bereichert – hört man den Wortinhalt oft bis ins Detail ausgedeutet. Etwa, wenn „Blitze und Donner“ im Chor hernieder donnern oder der reuige Judas seine 30 Silberlinge Blutgeld auf den Tempelboden wirft.
Albrecht, der einen eigenen Weg zwischen historischer und moderner Aufführungspraxis geht, setzt auf Dramatik. Und das steht dem Werk sehr gut. Anders als etwa bei John Eliot Gardiner, der mit sehr reduzierter Besetzung arbeitet und Emotion kaum zulässt, darf bei Albrecht mitgelitten werden. Effekthascherei liegt ihm dabei fern. Wenn klanglich extreme Entscheidungen fallen, dann weil sie im Werk begründet sind – wie in der langen Generalpause nach Jesu Tod und im anschließend fast geflüsterten „Wenn ich einmal soll scheiden“.
Albrechts kleines barockes Theater wird dabei vor allem von drei Solisten hervorragend unterstützt. Allen voran singt Daniel Johannsen als Evangelist sein letztes Herzblut aus sich heraus. Gebannt ist man von dieser Textausdeutung, von dieser höhensicheren Stimme und dieser Ausstrahlung. Exzellent auch der warme Bariton von Jochen Kupfer, der einen wundervollen Jesus singt und Elisabeth Kulman, deren Bühnenerscheinung und –dramatik hervorragend ins Gesamtkonzept passt. Samtig-weich und dennoch durchschlagskräftig ihre Altstimme, ein Hörgenuss in den vielen innigen Alt-Arien. Lenneke Ruiten sang als Solo-Sopran zwar sauber und rein, aber passte mit zu schlanker Stimme einfach nicht ins Konzept. Und Stefan Loges (Bariton) wie Julian Prégardien (Tenor) blieben blass, letzterer war wohl auch indisponiert.
Das Bach-Collegium München hat sich in den letzten Jahren hin zu einem transparenten, aber auch tragfähigen Klang entwickelt und glänzt in allen erdenklichen Solo-Partien. Wie der Münchner Bach-Chor und dessen aus den Kinderchören diverser Gymnasien zusammen gestellter Jugendchor (erstaunliche Qualität!). Wollte man beckmessern, könnte man sich im großen Chor noch einen etwas satteren Sopran-Klang und mehr Gewicht in den Männerstimmen wünschen. Insgesamt ein leidenschaftliches Passionserlebnis!









Einen Kommentar schreiben