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Liebe, Eros oder Porno?

28. Januar 2008

Axel BrüggemannGibt es eine nacktere Kunst als die Klassik?

Sänger stehen auf der Bühne, das Publikum erwartet den bekannen Gefühlstaumel, jede falsche Note würde einem Absturz gleichkommen. Jede Arie ist ein Seelenstriptease.
Musik ist immer dann besonders erotisch, wenn sie offen ist: Mozart war ein Genie dieser Offenheit. Wer liebt eigentlich wen in der Switcher-Oper „Così fan tutte”? Oder Strauss: Wird die junge Liebe des „Rosenkavaliers” am Ende gut gehen?

Eros in der Klassik ist ein Flirren, die Begegnung mit einem so geheimnisvollen wie bekannten Gefühl. Noten können das Unaussprechliche bewusst machen, ohne Worte zu benutzen. Vielleicht kommt Musik der Liebe näher als Texte oder Gedanken, als alles Konkrete. Kein Wunder, dass der Eros in der Oper die größten Philosophen herausgefordert hat: Nietzsche in seinem Vergleich von Wagner und Bizet, Kirkegaard in seiner „Don Giovanni”-Interpretation.

Inzwischen wird auf den Opernbühnen die Wahrhaftigkeit der Liebe, der flatternde, offene Eros oft nicht mehr gefeiert – er wird durch nackte Haut ersetzt, durch Blut, Schweiß und Sperma. Durch Porno. Nun kann selbst Pornographie sinnlich sein, verweist sie uns doch auf archaische Urinstinkte, die uns zuweilen unangenehm sind.

Im neuen crescendo versuchen wir den Eros der Musik zu fassen. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise des Altmeister-Regisseurs Walter Felsenstein an „Don Giovanni” von dem des Regietheater-Provokateurs Calixto Bieito? Was überhaupt fesselt uns an der Oper? Und: Mit was für einer neuen Erotik haben wir es im Klassik-Marketing zu tun?

Herbert von Karajan, einer der größten Dirigenten unserer Zeit, wäre dieses Jahr 100 geworden. Als ich seine Frau Eliette in Anif besucht habe, stand sie ganz unverfänglich in einem Hausrock vor mir, das Gespräch führten wir zum Teil in ihrem Schlafzimmer, weil sie einen Knöchel gestaucht hatte. Wie beflügelt die Liebe die Künstler? Und wie selbstverständlich ist das Nackte eigentlich? Eliette von Karajan hat mich sehr beeindruckt, weil sie sich keine Sorgen um ihr eigenes Bild macht, weil sie ist, wie sie ist – das ist ehrlich, mutig, nackt.

Montero, Brüggemann, HanuschikErotisch ist es auch, wenn Musik aus dem Nichts entsteht, die (Er)zeugung von Klang. Darin ist Gabriela Montero eine Meisterin – sie improvisiert Lieder, die ihr das Publikum vorsingt. Nun hat sie uns in der Redaktion besucht und vorgeschlagen, einen Song unserer Leser exklusiv zu vertonen. Machen Sie mit. Genaue Details, wie Ihr Lied zur Kunst wird erfahren Sie auf dieser Homepage.

Eine anregende, aufregende und kontroverse Lektüre wünscht Ihnen Ihr AB.

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