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“Loblied und Totalverriss”

5. April 2010

Autor und Dozent Martin Morgenstern über die Schwierigkeit der objektiven Kritik und sein Experiment mit dem Nachwuchs

Ich sitze beim verspäteten Morgenkaffee, als das Handy klingelt. “Hallo?” – “Quasthoff!” Der Sänger ist im Rahmen seiner neuen Jazz-Tournee vorgestern Abend in der Dresdner Semperoper aufgetreten und offenbar gut gelaunt. “Ich wollte Ihnen nur mal schnell sagen, wie sehr ich mich über Ihre Kritik – geärgert habe!” Und schon sind wir mitten im schönsten Schlagabtausch, wie objektiv eine Rezension sein kann, sein darf. Objektivität, Subjektivität: soll der Kritiker schreiben, dass (und vor allem warum) er ein Konzert ganz grauslich fand, auch wenn das Publikum um ihn herum abgeht wie Schmidts Katze und dem Künstler am Ende noch drei Zugaben abfordert? Oder sollte er besser ein “objektiver” Berichterstatter von der vordersten Kunstfront sein, der als “embedded journalist”, als “eingebetteter Journalist”, die Stimmungen der Kombattanten – Künstler und Zuhörer – einfängt und zu einem großen Sittengemälde aufhäufelt?

Überhaupt: Kritiker. Das sind doch, ganz Muppetshow-like, diese alten, bärbeißigen, weißbärtigen Herren. Immer schlecht gelaunt, ausgeleiertes Jackett, Gläschen Wein, Dirigentenfrisur. Das allabendliche Konzertritual, mit dem sie ihren Lebensunterhalt so schlecht und recht verdienen, macht ihnen schon lange keinen Spaß mehr. Sie gehen vor der ersten Zugabe, denn die gehört nicht zum Konzert, und jede vertane Minute schlägt sich auf das Stundenhonorar nieder. Und die Künstler? Kommen ihnen gerade recht, um ihre schlechte Laune mal etwas abzureagieren. Ist es nicht so?

Nun, ein bisschen rätselhaft ist es für Konzertbesucher manchmal schon, lesen sie am übernächsten Tag den wollüstigen Totalverriss eben jenes Abends, den sie selbst so genossen haben. Was hat der Kerl sich dabei gedacht? Hatte dieser Mensch wirklich das gleiche Konzert besucht? Tageszeitungen drucken solche und ähnliche Leserbriefe öfter mal als Reaktion auf die Kritik ab, und auch sonst bekommen Kritiker oft und gern Rückmeldung über ihr Tun. Per E-Mail von der Ehefrau des abgekanzelten Dirigenten. Telefonisch vom Redakteur (“Sie haben ja recht, aber denken Sie doch mal an unsere Leser!”). Brieflich vom indignierten Förderverein des Orchesters. Oder gleich mündlich vom Künstler selbst, beim nächsten Konzert oder bei der ohne Umschweife vorgeschlagenen Aussprache im Operncafé.

Leider ist es mir persönlich bisher nur ausgewählte Male vergönnt gewesen, dass Künstler sich auch mal lobend an ihren Kritiker gewendet haben. Die meisten von ihnen scheinen insgeheim der Meinung des Dirigenten Gennadi Roschdestwenski zu sein, der mir in einem Interview einmal schnaubend an den Kopf warf (und ich zitiere die abgemilderte Variante der scheuen Übersetzerin): “Die meisten Rezensionen haben überhaupt keinen Bezug zur Musik, zur Kultur, und insgesamt sind sie von außerordentlich schlechter Qualität. Leider ist die Zeit vorbei, wo man Musikkritiken etwas entnehmen, wo man als Künstler etwas aus ihnen lernen konnte. Sie können meine Arbeit zensieren, aber sie können sie nicht einschätzen. Es ist hoffnungslos. Oftmals werden einfach Auszüge aus den Programmheften abgeschrieben. Es wird ohne Herz, ohne Verstand, ohne Einfühlungsvermögen geschrieben. Ich frage mich: Was bringen solche Rezensenten der Kunst? Nichts. Sibelius hat richtig bemerkt: Ich habe noch nicht einmal ein Denkmal eines Kritikers gesehen.” Peng, das saß. Mein vorsichtiger Einwurf, dass Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki oder Joachim Kaiser den Dialog um die Kunst doch auch wesentlich mitgeprägt hätten, wurde brüsk abgeschnitten: “Joachim wer? Ach wissen Sie, wir sollten Kritiker nicht mit Künstlern gleichsetzen. Ein Kritiker lebt vom Tun der Künstler, und zum Schluss bewirft er sie mit Schmutz. Da ist ein Austausch, sagen Sie? Ich brauche keine Kritiker. Aber wenn ich aufhöre, mein Amt auszuüben, bleibt er ohne Brot und Wasser …”

Wie sollte man nun eine junge Kritikergeneration am besten vorbereiten auf die Erfahrungen, die da auf sie zukommen? Gibt es ein Geheimrezept für gute Kritiken? Mit solchen Fragen habe ich mich mit Studenten der Universität Bremen im letzten Semester im Rahmen eines Seminars beschäftigt. Es war ein gemeinsames Nachdenken über unsere Profession, ein gegenseitiges Beschnuppern und Abwägen. Und es war für mich mindestens so interessant wie (hoffentlich) für die Studierenden. Die trauten sich am Anfang meist nicht so recht, ihre persönliche Meinung über die Tonqualität einer CD, über ein Bühnenbild oder die Akustik des Saales auch deutlich niederzuschreiben. Hatten sich vielleicht doch andere, erfahrene Besucher desselben Konzertes in der Pause lautstark ganz anders über dieses und jenes geäußert! Andererseits maßen sie den Zwängen der Redaktion weniger Bedeutung bei. Sie dachten nicht von vornherein “an den Leser”, an mögliche Einwände aus der Chefredaktion (“Wir brauchen ne Story!”) und die vielen, vielen Dinge, die freiberufliche Kritiker oft als unbewussten Ballast mit sich tragen, wenn sie Rezensionen schreiben. Dadurch gelang den Studenten vieles frischer, pointierter. Ein Genuss, die Texte zu lesen!

Unser Fazit nach vielen Übungen, Probetexten und einer gemeinsam besuchten Premiere von Don Giovanni: Kritiker sollen ruhig schreiben, was sie persönlich über ein Konzert, über einen Künstler denken, und wie sie selbst das Konzert wahrgenommen haben. Für ihre Einschätzung ist es natürlich wichtig, dass sie sich mehr als der Durchschnittshörer mit der Materie auseinandersetzen und dann ihr Urteil fällen. In diesem Sinne muss ein Kritiker auch nicht alt und graubärtig sein. Aber ein Musikjournalist sollte sein Urteil nachvollziehbar fällen, und dazu gehört eben ein bisschen Erfahrung mit dem Metier, mit dem Künstler, mit dem Ort, vielleicht auch mit dem Publikum. In diesem Sinne gibt es keine allgültigen Regeln. Meinen Studenten habe ich zwei Sachen empfohlen: so oft wie nur möglich ins Konzert zu gehen (das heißt in manchen Städten: jeden Abend). Und auf Formulierungen wie “Man darf gespannt sein, ob …” oder “Bleibt zu hoffen, dass …” verzichten. Das liest niemand gern zum tausendsten Mal.

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Ein Kommentar zu ““Loblied und Totalverriss””

Peora

30. März 2010 um 14:29 Uhr

Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, den ich leider erst heute entdeckt habe.
Zunächst: Respekt für Herrn Quasthof, der offenbar nicht nur zugibt, Kritiken zu lesen, sondern auch, sich gelegentlich darüber zu ärgern. Im Allgemeinen ist es unter Künstlern ja zur Zeit Mode zu behaupten, daß man Kritiken nicht mal liest.

Zum Thema:
Ich halte es nicht für erstrebenswert, wenn Kritiker versuchen allzu objektiv an die Besprechung eines Konzertes oder einer Opernaufführung heranzugehen, denn mich persönlich interessiert in erster Linie, wie der Abend dem Rezensenten gefallen hat, und warum. Ob es dem Sänger, dem Pianisten, dem Orchester gelungen ist, einen Herzenston zu treffen und den Kritiker zu berühren oder eben auch nicht, da kann und soll es m.E. ruhig subjektiv zugehen. Technische Finessen interessieren zwar auch, aber mich eben erst in zweiter Linie. Versatzstücke wie „Es bleibt zu hoffen daß XYZ seine Probleme überwinden wird /weiter auf diesem Niveau musiziert/halten kann was er mit diesem Abend verspricht“ etc. braucht tatsächlich kein Mensch, denn selbstverständlich bleibt so etwas zu hoffen.
Was indessen m.E. in professionellen Kritiken dringend Not tut ist etwas mehr Humor.
Ich stelle immer wieder fest, daß ich die lebendigsten Besprechungen eines Abends oft in Internetforen lese in denen musikalisch gebildete Laien schreiben. Sie verfügen in aller Regel nicht über das technische Know-How eines Profis, sind aber oft in der Lage einen Abend mit viel Lebendigkeit und Witz zu schildern.
In diesen Tagen z.B. feierte ein bekannter und von mir sehr geschätzter Tenor nach langer Pause seine Rückkehr auf die Opernbühne, auf der Suche nach Besprechungen dieser Vorstellung habe ich den lebendigsten Bericht in einem Musikforum im Internet gefunden. Keiner der (gewiß sehr kompetenten!) Berufskritiker hat eine Besprechung mit auch nur ansatzweise soviel Esprit zuwege gebracht. Das liegt wohl weniger daran, daß sie das nicht könnten, als vielmehr daran, daß sie sich das nicht trauen, weil es ja immer so schrecklich seriös zugehen muß. Vor allem in der Klassik.
In einem anderen Forum habe ich vor geraumer Zeit den Veriss eines offenbar recht missglückten Liederabends gelesen, der aber mit soviel liebenswertem Humor UND Kompetenz geschrieben war, daß nicht einmal der so abgestrafte Künstler wirklich sauer sein könnte, bekäme sie ihn zu lesen.
Also: ernsthaft und kompetent soll es schon zugehen bei den Herren und Damen Kritikern, aber Leidenschaft, Begeisterung und Humor sollten auch ihren Platz haben, schließlich geht es um Kunst und Musik, nicht um die Jahresbilanz der Deutschen Bank.

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