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Nadja Michael lieber über 200 Meter Lagen?

3. Februar 2010

Die Grenzen der Doppelbegabung von Musikern

Von Pascal Morché

Früher war alles besser! Erstens musste man nicht immer von früher sprechen. Zweitens gab es kein “Regietheater” (also keinen Scarpia als Nazi und die Königin der Nacht trug keine Sonnenbrille) und drittens gab es noch Künstler mit einer richtig schönen Doppelbegabung. Zum Beispiel Leonardo da Vinci, jenes Genie, das malte und sich ebenso mit der Technik möglicher Fluggeräte wie Hubschraubern beschäftigte. Oder Michelangelo, der große Maler und Bildhauer, dessen dichterische Doppelbegabung “auch” zu ausgesprochen guten Sonetten führte. Oder Goethe, der Dichter, Zeichner “und” Naturwissenschaftler, dessen Arbeiten über Farbenlehre, Pflanzen oder den Zwischenkieferknochen noch heute von Wissenschaftlern als gleichbedeutend zum “Faust” oder zur “Iphigenie” eingestuft werden.

Und schon fällt etwas auf bei diesen “multiple talents” wie die Psychologie das Phänomen der Doppel- und Vielfachbegabungen nennt: Es sind kaum Musiker unter den Doppelbegabten! Die wenigen Ausnahmen bestätigen diese Regel: Friedrich Nietzsche, der Philosoph, der auch ein wenig komponierte. Felix Mendelssohn-Bartholdy, der auch zeichnete. Arnold Schönberg, der Komponist, der sich ebenfalls als Maler hervortat, der aber nicht wegen seiner 361 (!) expressiven Bilder, sondern wegen seiner Musik unsterblich wurde. Im übrigen sah Schönberg keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden, von ihm ausgeübten künstlerischen Medien. “Malerei und meine Musik haben nichts gemein”, schreibt der Komponist der “Gurrelieder” und des “Pierrot Lunaire”, dieser geniale Erfinder der Zwölftonmusik 1913. Viele Jahre später, 1949, relativiert Schönberg die resolute Aussage zu seiner Malerei: “Es war dasselbe für mich wie komponieren. Es gab mir die Möglichkeit, mich auszudrücken, meine Emotionen, Ideen und Gefühle mitzuteilen; das ist vielleicht der Schlüssel, diese Bilder zu verstehen – oder auch nicht.” Nun, als Maler war Schönberg ein Dilettant, als Musiker nicht. Vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass die Bedeutung seiner zweifellos großartigen Gemälde letztlich doch in keinem Verhältnis zu seinem musikalischen Å’uvre steht.

Das “Universal”-genie (im wahrsten Sinne seines Wortes!) ist selten. Mehr noch: höchst einzigartig ist es, dass jemand in mehreren Künsten gleich Gutes und gleich Bedeutendes schafft – und obendrein auch in mehreren Künsten gleichermaßen beim Publikum reüssiert. Auch diese Singularität lässt sich am Ende nur bei Richard Wagner finden. Die dichterischen Qualitäten Wagners stehen seinen kompositorischen Qualitäten in nichts nach. Allerdings ist die Textdichtung nur verschränkt mit der Musikkomposition (et vice versa) gedacht – oder hat jemand schon Tristan oder Parsifal von Schauspielern auf einer Sprechtheaterbühne erlebt? Sicher nicht und sicher ist das gut so.

In “Die Meistersinger von Nürnberg” thematisiert Richard Wagner übrigens sehr präzise die Crux, das Hadern, ja, die innere Zerrissenheit eines Menschen mit seiner Doppelbegabung umzugehen. Es ist die Figur des Schusters und Meistersingers Hans Sachs, die darüber sinniert: “Tät besser das Leder zu strecken, und ließ’ alle Poeterei!” – Ja, Wagner lässt Hans Sachs verdammt leiden an seinen zwei Talenten. Und doch: Nur wenn der “Engel” der Poesie ihn “im Himmel hält, dann liegt zu Füssen mir die Welt, und bin in Ruh Hans Sachs ein Schuhmacher und Poet dazu.” Da ist es wieder, dass süße Wörtlein “und”! Diese Textstelle im 2. Meistersinger-Aufzug zeigt sehr jene Sehnsucht Doppelbegabter Ruhe zu finden mit (und trotz) einer Doppelbegabung; endlich nicht mehr aufgerieben zu werden zwischen zwei Talenten, zwei Disziplinen, zwei Medien. Und vor allem: sich nicht mehr entscheiden zu müssen zwischen diesem oder jenem. Besonders schwer dürfte dieser Entscheidungszwang jenen Musikern fallen, die Dirigenten und Komponisten waren oder sind: Richard Strauss, Gustav Mahler, Wilhelm Furtwängler, Pierre Boulez oder Esa Pekka Salonen – um nur wenige prominente Beispiele zu nennen. Strauss und Mahler entschieden sich definitiv für die Komponistenkarriere; Wilhelm Furtwängler ebenso definitiv für seinen Weg als Dirigent; Boulez oder Salonen wiederum üben ihre Doppelbegabung gleichermaßen aus.

Die in einem selbst schlummernden Talente zu wecken und die eigene wirkliche Begabung zu finden, ist für keinen Menschen leicht. Wie sollte es dann gerade bei einer vielschichtigen Künstler- hier Musikerseele einfach sein? Ist es da überhaupt ein Wunder, dass jemand bei der Suche nach (s)einem Talent, manchmal zwei (oder mehr) Talente findet? Doch oft sind es auch nur äußere Zwänge, familiärer oder persönlicher Druck, die Sicherheit des “Brotberufs”, die einen Tenor wie Michael Schade zunächst mit der Zoologie liebäugeln oder den wunderbaren Bariton Thomas Quasthoff sechs Semester Jura-Vorlesungen und sechs Jahre einen Marketing-Job bei der Kreissparkasse in Hildesheim ausüben liessen. Die, hochdramatische, im vergangenen Jahr verstorbene Hildegard Behrens schloss ihr Jura-Studium sogar mit Staatsexamen ab. Und wieder andere Musiker, zumeist Sänger, hatten mit ihrem anderen Talent schon durchaus respektable Karrieren als Profi-Sportler hinter sich, bevor sie auf die Bühne strebten: Nadja Michael als Leistungsschwimmerin in der DDR oder der große Don Giovanni-Darsteller Ezio Pinza als italienischer Radrennfahrer. Und dass Dirigenten oftmals zunächst ein Mathematikstudium einschlagen (Sergiu Celibidache, Pierre Boulez, Lorin Maazel) verwundert bei der, von Hirnforschern hinlänglich untersuchten Verbindung zwischen Mathematik und Musik auch nicht sonderlich.

Wahrscheinlich ist es nicht das Schwerste, die eigene Doppelbegabung zu erkennen, sondern sich selbst objektiv entscheiden zu müssen, welches Talent denn nun wirklich das eigentlich relevante, die eigentliche Notwendigkeit für das weitere Leben ist. Je intellektueller jemand ist, desto komplizierter dürfte dieser Prozess der Entscheidungsfindung sein. Der italienische Dirigent Giuseppe Sinopoli zum Beispiel hat sich Zeit seines Lebens um diese Entscheidung herumgedrückt: Nicht nur, dass Sinopoli neben seiner musikalischen Ausbildung am Konservatorium von Venedig ein Medizinstudium (Fachrichtung Psychiatrie) mit Promotion abschloss – bis kurz vor seinem Tod während eines Dirigats der “Aida” in Berlin 2001 bereitete er seine Dissertation im Fach Vorderasiatische Achäologie mit dem Thema “Die assyrische Kultur in Mesopotamien” vor. Ein anderer Mediziner am Pult ist Jeffrey Tate. Soeben hat der Facharzt für Augenheilkunde sein Amt als Chefdirigent der Hamburger Symphoniker angetreten …

Medizinisch liess Tate weniger von sich hören. Außer einmal, als sich Georg Solti bei der Einspielung des “Parsifal” im Wiener Aufnahmestudio den Taktstock in die Hand stach. Der damalige Assistent und Korrepetitor Doctor Tate wurde gerufen, desinfizierte eine kleine Nadel über dem Feuerzeug und machte sich daran, die Stabsplitter aus des Maestros Hand zu puhlen. Nun gibt es Wissenschaftler, zumal Ärzte, die in ihrer freien Zeit hochambitionierte Musiker sind, wesentlich häufiger als die paar Einsteins, Tates & Co und es könnte beweisen, dass Musiker eher selten über eine Doppelbegabung verfügen: “Der geistige Horizont der meisten Musiker endet am Rande der Partiturseite”, beschied einmal der Intendant Gérard Mortier. Recht hat der Mann, leider: Als Kind bereits ausschließlich auf das eine, das musikalische Talent fixiert oder gedrillt, gibt es in der Klassikszene wenig wirklich Doppelbegabte, oder wenigstens Doppeltinteressierte. Der Spezialisierungswahn der Zeit tut dazu sein übriges: Als doppeltbegabt gilt heute schon wer Alte Musik und Neue dirigiert oder spielt.

Mitunter aber entpuppt sich eine gepflegte, oft schick schillernde und PR-dienliche sogenannte Doppelbegabung, dieses Streicheln des anderen Talents, doch nur als eine recht profane Doppelbetätigung. Erstens: als Ausübung eines höchst ehrenwerten, besseren Hobbys – man denke an den malenden Dietrich Fischer-Diskau! Zweitens: als Eitelkeit befriedigende Zugabe zum abendlichen Konzert – man denke an die vielen Musikbücher, die Musiker schreiben – oder unter ihrem Namen schreiben lassen. Drittens: als clever mit dem Etikett Doppelbegabung versehene Doppelbetätigung zur schnöden Möglichkeit zusätzlichen Geldverdienens – man denke nur an jene Bühnenbildner, die fest an ihre Doppelbegabung als Regisseur glauben und diese – (leider) auch ausleben. Also, bleiben wir doch bei den Tatsachen, die selbst von einem malenden Udo Lindenberg oder einem Romane schreibenden Leonard Cohen nicht verrückt werden: Schön, wenn jemand mehrere Talente hat und sie pflegt und sie lebt! Nur, da es verdammt wenige Goethes und da Vincis gibt, macht doch jeder am Ende immer nur das Eine wirklich richtig gut!

Wie hätten Sie’s nun lieber: Nadja Michael über 200 Meter Lagen im Wasser oder als Salome auf der Bühne? Und vor allem, was bedeutet Ihnen mehr: Ein Buch des zweifellos humoristisch veranlagten und äußerst klugen Schriftstellers Alfred Brendel – oder ein Schubert/Beethoven-Abend mit dem nämlichen Künstler?

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