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Neun Minuten mit Plácido Domingo

19. Oktober 2009

Plácido Domingo; (c) Dario Acosta/DG“Heute tut jeder überall seine Meinung kund!”

crescendo: Sie stehen seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne. War es für einen Opernsänger zu Beginn Ihrer Karriere einfacher als heute?

Plácido Domingo: Als ich jung war, war es viel schwerer, denn das Angebot für einen Sänger war längst nicht so groß wie heute. Heute gibt es viel mehr Bühnen, die anspruchsvolle Rollen vergeben. Es gibt Gesangswettbewerbe, bei denen Talente gefördert und entdeckt werden. Damals war es ungeheuer schwer die Treppe hinaufzusteigen, die Scala war fern wie der Mond.

crescendo: Was ist mit den Fans, sind sie heute aufdringlicher als vor 30 oder 40 Jahren?

Domingo: Nein, es sind zum allergrößten Teil sehr freundliche Leute, die an der Bühnentüre warten und uns Sängern nette Dinge sagen. Der Unterschied liegt woanders: Früher haben nur berufsmäßige Kritiker eine Aufführung kritisiert, heute tut jeder überall seine Meinung kund, das ist manchmal lästig.

crescendo: Sie meinen die Kommentare auf YouTube?

Domingo: Wenn ich früher vor 2000 Leuten gesungen habe und es gab eine Panne, dann haben das nur diese 2000 mitbekommen und sonst niemand. Heute steht das fünf Minuten später im Internet und alle Welt weiß Bescheid. Der Druck ist enorm, speziell für junge Kollegen.

crescendo: Was halten Sie von der modernen Vermarktung?

Domingo: Gut, man muss heute für die eigene Kunst Reklame laufen, man muss viele Medienauftritte absolvieren. Früher war alles ruhiger, man war nicht in dem Maß eine öffentliche Person wie es im Moment der Fall ist.

crescendo: Was würden Sie Ihren Enkeln raten, wenn sie Sänger werden wollten?

Domingo: Ich würde mich sehr freuen und sie dabei voll und ganz unterstützen. Es ist eine wunderbare Kunst und ein wunderbares Leben – aus vielen Gründen …

crescendo: Hatten Sie irgendwann ernsthafte Probleme mit Ihrer Stimme, wurden Sie jemals an den Stimmbändern operiert, wie jetzt Ihr Tenor-Kollege Rolando Villazón?

Domingo: Kritiker haben mich vor vielen Rollen gewarnt, sie seien zu schwer für meine Stimme. Das fing mit Verdis “Otello” an und hat bei Wagner nicht aufgehört. Nichts davon hat sich bewahrheitet. Glücklicherweise hatte ich mein ganzes Sängerleben kaum Probleme. Wenn doch, dann waren sie unkompliziert und haben sich dadurch gelöst, dass ich zwei Tage den Mund gehalten habe.

crescendo: Wenn Sie zurückblicken, würden Sie Ihr Leben genau so wieder leben wollen?

Domingo: Ja. Mit allen Fehlern. Denn erst durch Fehler machst du die nötige Erfahrung.

Das Gespräch führte Hannah Glaser.

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