Nikolaus Bachler: Der Mann für große Operngefühle
Mit Neugier und Skepsis erwarten nicht nur die Münchner Musiktheaterfans den neuen Intendanten der Bayerischen Staatsoper. Nikolaus Bachler zählt zu den profiliertesten und erfahrensten Kulturmanagern weltweit. Welche Entscheidungen er für das Flaggschiff der deutschen Opernflotte trifft, werden die nächsten Jahre zeigen. crescendo gewährt Einblicke in Bachlers Persönlichkeit.
crescendo: „…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” überschrieben Sie Ihren Einstand als Intendant der Bayerischen Staatsoper. Frech gefragt, welcher Zauber geht von Ihnen aus?
Bachler: (Lachen) Finden Sie, ich bin zauberhaft? Ich meinte natürlich den Zauber der Situation.
crescendo: Zauberhaft fanden viele Menschen in München nicht, dass Sie deren Premierenabos kündigen ließen, mit dem Argument: „Die Leute sollten nicht unbedingt das sehen, was sie wollen, sondern, was sie sollen.”
Bachler: Man könnte das für überheblich halten, aber so meinte ich es absolut nicht. Eine Premiere ist ohnehin nicht die beste Vorstellung und ich wollte „Nachrückern” eine Chance einräumen.Ich bin keiner von denen, die sagen: leeres Theater gleich gutes Theater. Für München wünsche ich mir echtes Musiktheater, weg vom „Bildertheater” und hin zum szenischen Erzählen, zu den großen Operngefühlen wie Liebe, Hass und Leidenschaft. Man muss die Menschen erreichen, nur man erreicht die Menschen nicht, indem man ihnen hinterherläuft, dann sieht man nur ihren Rücken. Wie entsteht denn eine Kultaufführung? Oft durch Ablehnung. Der Mensch braucht gerade in der Kunst oft auch Zeit, um etwas zu begreifen und annehmen zu können.
crescendo: 1951 waren Sie ein bestimmt zauberhaftes Baby aus Fohnsdorf in der Steiermark.
Bachler: Zu dem Dorf gehörte ein großer Gutshof, der meinem Großvater gehörte, eine Kirche, eine einklassige Schule, ein Wirtshaus und viele Bauern. Den Bauernhof wollte ich natürlich nicht übernehmen. Meine Mutter war Geigerin, mein Großvater ein unglaublich theatralischer Mann. Mit fünf habe ich in einer Scheune meiner Eltern eine Kirche gebaut und mich selbst zum Pfarrer dieser Kirche gemacht.
crescendo: Pfarrer wurden Sie nicht, dafür Schauspieler.
Bachler: Es war eher Zufall, dass ich am Max-Reinhardt-Seminar genommen wurde. Meine Kindheit war schon immer vom Darstellungswillen geprägt. Bei uns gab es keinen Familienzwist, der nicht in einem Herzschwächeanfall endete. Theater war für mich nie Flucht, wie für so viele Schauspieler, sondern eher: Dort bin ich zu Hause. Ich habe zwar gerne gespielt, ich wusste aber immer, dass mir zum Schauspiel die Naivität fehlte. Der Schauspieler ist ein passives Medium, er lebt von Dingen, die ihm passieren, begibt sich in Hände anderer, lässt sich benutzen, lässt sich führen und leiten, ist oft auch nur „Material” für die Vision eines Regisseurs. Ich war immer sehr kontrolliert und analytisch, und aktiv, habe Revolutionen angezündet in der Kantine. Deshalb bin ich auch zur Theaterleitung ans Berliner Schillertheater gekommen.
crescendo: Eine neue Rolle…
Bachler: Ich saß plötzlich in einem Büro, mit Schreibtisch und Papierkorb und habe erst einmal gespielt. Und plötzlich habe ich eine Produktion zusammengestellt und innerhalb eines Jahres war mir klar, dass dies viel besser zu mir passte. Das Tolle am Theater ist, es gilt nur der Moment, im Hier und Jetzt. Was gestern war oder morgen ist, interessiert nicht. Der Vorhang fällt und es ist so, als wäre nie etwas gewesen. Man lernt im Moment zu leben, denn alles, was einen schwächt, ist die Vergangenheit oder die Angst vor der Zukunft.
crescendo: Von Berlin gingen Sie 1991 nach Wien.
Bachler: Trotz eines unterschriftsfertigen Vertrags beim Nationaltheater in Mannheim ging ich zu den „Wiener Festwochen”. Dort habe ich die Weltumspanntheit von Kunst gelernt; ich weiß, das klingt jetzt etwas platt. Zehn Monate bin ich durch die Welt gereist, um Programm für vier Festwochen aufzustellen. Der größte Luxus. An einem Tag lernte ich Kunst in Rumänien kennen, am nächsten war ich in Shanghai. Und ich habe richtig Produzieren gelernt, es gelang mir, die Wiener Festwochen von einem Festival der Gastspiele zu einem Festival der Produktionen zu verwandeln.
crescendo: Eine neue Rolle erwartete Sie an der Wiener Volksoper.
Bachler: Ja. (Lachen) Es waren nur drei Jahre, die erfolgreichsten überhaupt. Aus einem Lokalkolorit-Operettenhaus machte ich ein Musik-Theater. Bis dahin war das Haus ein Folklorestadl. Und über Nacht war es plötzlich „in”. Plötzlich wurden Kritiken über die Volksoper geschrieben. Es war eine so wunderbare Zeit.
crescendo: So erfolgreich, dass die Wiener Staatsoper Sie haben wollte.
Bachler: Ja, aber auch das Burgtheater. Und das konnte ich natürlich nicht ablehnen. Aber es war nicht einfach. Nach dem Alleinunterhalter Peymann musste ich die Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne ziehen. Wir haben das Theater geöffnet, als öffentlichen Ort etabliert und neue Künste zugelassen. Andererseits lernte ich vom Burgtheater, was Tradition und Historie ist. Es gibt wohl kaum eine identitätsstiftendere Institution als diese und nicht nur für Österreich. Undenkbar, dass ein Burgtheater schließen müsste! Das wirkt sehr stark auf einen, wenn man weiß, man bewegt dieses Rad jetzt für ein paar Jährchen, man weiß aber auch ganz genau, dass es sich vorher gedreht hat und dass es sich auch nachher drehen wird. Das ist irgendwie auch beruhigend.
crescendo: Trotz Thomas Bernhards Warnung „Der neue Mann kann tun, was er will, er ist, indem er seinen Vertrag unterschrieben hat und also Burgtheaterdirektor geworden ist, ein toter Mann”?
Bachler: Na, Sie, die selbst aus Kolumbien kommen, wissen: Dort stirbt man doch etwas schneller als hier. Leben und Tod stehen dort elementar nebeneinander. Vor vielen Jahren kaufte ich mir ein Haus in Antioquia (Kolumbien), fuhr jedes Jahr hin. Als behütetes großbürgerlich aufgewachsenes Nachkriegskind hatte ich noch nie Gewalt erlebt, Tote gesehen oder in einen Gewehrlauf geschaut. Das alles gab es hier. Einmal wurde ich entführt, ein anderes Mal stand ich in einer Disco und musste erleben, wie ein Guerilla-Trupp mit Maschinengewehren den ganzen Raum durchsiebte. Hier lernte ich, was Leben heißt, im Sinne von Lebendigkeit. Was Familie heißt. Wenn man etwas wirklich fürs Leben lernt, dann lernt man es hier.
Das Gespräch führte Teresa Pieschacón Raphael.









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