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Ohr sticht Auge

25. Mai 2010

Ist die Macht der Inszenierung wirklich gut fĂŒr die Musik?

Von Pascal Morché

„Prima la musica, dopo le parole“ – Zuerst die Musik, dann die Worte. Das strittige VerhĂ€ltnis von Musik und Wort, erstmals von Mozarts Gegenspieler Antonio Salieri 1786 zum Thema bĂŒhnenwirksamer Auseinandersetzung gemacht, ist ja noch vergleichsweise harmlos, gegenĂŒber der Variation dieses Themas in Zeiten visuellen Overkills: Zuerst die Musik, dann die Bilder.

Die Frage lautet lĂ€ngst: Kommt die Musik noch „zuerst„ und folgt ihr dann das Bild? Oder ist es nicht lĂ€ngst umgekehrt? Was ist schließlich beim Musikkonsum primĂ€r geworden: ein MusikstĂŒck zu „hören“ oder ein Bild, das sich uns zu der Musik aufdrĂ€ngt (oder aufgedrĂ€ngt wird) zu „sehen„? Schon die Programmmusik war ein Irrtum! Ja, im Grunde sollte es als justiziable Nötigung, wenn nicht gar als Vergewaltigung unseres Fantasievermögens geahndet werden, wenn uns jemand (selbst wenn er Beethoven oder Richard Strauss heisst) Bilder vorschreibt: Hier, lieber Zuhörer hast du dir jetzt eine „Szene am Bach“ vorzustellen! Oder, hier bist du „Auf dem Gletscher“. Als einzige Entschuldigung fĂŒr solche doktrinĂ€ren Anweisungen wollen wir gelten lassen, dass zu Zeiten von „Pastorale“ oder „Alpensymphonie“ niemand ahnte, dass die Welt der Zukunft einmal nicht aus Wille und Vorstellung be- und entstehen wĂŒrde, sondern aus Wille und YouTube, aus Beamern, Videoprojektoren und hunderten von TV-Programmen. Das Bombardement mit Bildern, dem wir tĂ€glich schutzlos ausgesetzt sind, hat im Musikbetrieb lĂ€ngst zu der Formel gefĂŒhrt: Das Auge hört mit! Schließlich leben wir in einem Zeitalter, indem die einzige GlaubwĂŒrdigkeit die Visuelle ist. Aaron, der dem Volk Bilder gibt, hat gesiegt und zwar auf voller LĂ€nge, nicht Moses!

Okay, permanentes Sehtraining hat auch seine Vorteile in der Welt der Musik; es hat uns Sopranistinnen mit Modelmaßen auf die BĂŒhne gebracht. „Wenn vor 25 Jahren eine ,Salome‘ gegeben wurde, dachte man mit Grausen an den Striptease der Titelfigur und freute sich auf ihren Gesang. Heute verhĂ€lt es sich meistens umgekehrt“; in diesem Bonmot von Michael Klonowsky steckt Wahres. Verfolgt man die Opernregie der vergangenen 25 Jahre, so scheinen die Regisseure geradezu panische Angst vor jedweder Musik ohne Bild zu haben. Seit langem schon können sie dem Zwang nicht mehr nachgeben, unbedingt auch die OvertĂŒre, oder das Vorspiel einer Oper „bebildern“ zu mĂŒssen. Der Vorhang geht auf, obwohl er nach Komponistenwunsch geschlossen bleiben sollte und die Augen des Publikums bekommen vom Regisseur schon mal ordentlich Futter. Nur: MĂŒssen wir (wie derzeit in Bayreuth) wĂ€hrend des Parsifal-Vorspiels wirklich „sehen“ wie Herzeleide in Wahnfrieds Salon den kleinen Thoren Parsifal zur Welt bringt? MĂŒssen wir nicht!

Überhaupt, Wagner: Hier kann man dem Publikum ja gar nicht genug der Bilder in die Augen knallen, denn inzwischen weiß ja ein jeder: Mit Wagner beginnt die Filmmusik. Das fĂŒhrte dann dazu, dass bereits ein Staunen und Raunen durchs Feuilleton wehte, wenn als Produktionsteam fĂŒr Wagners „Ring des Nibelungen“ der Name George Lucas und seine „Krieg der Sterne“-Werkstatt gehandelt wurden. Bereits jetzt verspricht die New Yorker Met fĂŒr ihren neuen Ring (ab 2011) unter dem Regisseur Robert Lepage einen ganz besonders tiefen Griff in die Theatertrickkiste mit nie zuvor dagewesenen Video-Projektionen und Bildinstallationen, auf dass dem Publikum die Augen ĂŒbergehen mögen an optischen Reizen. Nun, schlimmer kann’s nicht werden als in Valencia, wo die Theatertruppe „La Fura dels Baus“ Wagners Tetralogie stemmte. Was es dort zu sehen gab, waren opulente Bilder immer wiederkehrender kaleidoskopartiger Videoinstallationen und davor jede Menge Turnen am Trapez. Der „Fura dels Baus-Ring“ hatte aber so gar nichts mit Wagners intelligentem Werk oder gar mit intelligenter Opernregie zu tun, sondern war nichts weiter als die schweisstreibende Bebilderung eines zirzensischen Spektakels mit artistischen Einlagen. Intendanten sollten begreifen, dass solche Zirkusnummern genau so doof sind, wie weiland Ausstattungsorgien von Zeffirelli – nein, in der Konsequenz noch doofer, weil nĂ€mlich noch beliebiger. Aber fĂŒr die Theatermacher gilt: Wenn der Regisseur nicht weiter weiß, dann greift er gern zum Trockeneis.

RĂ€t ja auch schon Goethe zu Materialschlachten auf der BĂŒhne: „Drum schonet mir … Prospekte nicht und nicht Maschinen! Gebraucht das groß und kleine Himmelslicht …“ Und in Wagners Ring wird die Theatermaschinerie gar nicht geschont. Wenn die Welt auf der BĂŒhne schon untergeht, dann soll man das auch sehen! Zwar gehören „Rheingold“ und „Siegfried“ zu den durchaus schwer zu verkaufenden Opern; aber der „Ring“, auch wenn er rundum ausinterpretiert und (von der „WalkĂŒre“ abgesehen) absolut kein Publikumsrenner ist (!), der „Ring“ muss sein! Mailand und Frankfurt starten gerade mit dem Mammutprojekt, in Hamburg wird er fertig und Wien hat ihn auf das Langweiligste soeben vollendet. Diese Projekte haben mehr mit Eitelkeit der Intendanten zu tun, als mit irgendetwas anderem. Der „Ring“, die SchwanzlĂ€nge des Intendanten.

Und noch im kleinsten Stadttheater trĂ€umt dieser davon einen ganz, ganz großen (Ring-Wurf) zu haben. Dazu gehören inzwischen hauptsĂ€chlich BĂŒhneneffekte fĂŒrs Auge – auch wenn sie buchstĂ€blich ins selbe gehen: Das ist keine Opernregie, sondern Effekthascherei und bestĂ€tigt ungewollt Wagners schönen Satz: „Effekt ist Wirkung ohne Ursache.“

Doch zurĂŒck zum Bild und der Musik. Musikvermarkter brauchen Bilder, weil sie glauben, dass sie die Musik sonst nur mehr schwer an den Zuhörer bringen. WĂ€hrend ĂŒbrigens der Autor dies hier schreibt, dirigiert Zubin Mehta in Shanghai zur Expo die Wiener Philharmoniker. Das Konzert wird im Fernsehen ĂŒbertragen. Es gibt Mozart und der Teletext versichert: „Zur Musik Mozarts werden dem Fernsehpublikum Bilder dieser faszinierenden Stadt gezeigt.“ Ja: Shanghais Skyline zu Mozart! Wer will schon einen blasenden Oboisten sehen? Musikvermarkter und -vermittler misstrauen den FĂ€higkeiten des Hörens und dem Ohr als Organ. Die Masai in Ostafrika denken da anders: „Es ist das Ohr“, sagen sie, „das die Dunkelheit durchdringt, nicht das Auge.“ Das bedeutet: Wir nehmen ĂŒber das Ohr meist mehr Informationen auf als ĂŒber den Sehsinn. (Ach, man denke an den US-Thriller „Warte bis es Dunkel ist“, in welchem eine blinde Frau ihrem potentiellen Mörder ĂŒberlegen ist, wenn es kein Licht im Haus gibt und fĂŒr Opfer und TĂ€ter gleiche Bedingungen herrschen.) Also: Wer nicht, oder wer Nichts sieht, der hat durchaus auch Chancen, zu ĂŒberleben. Gerade in der Musik.

Dabei ist die Wechselbeziehung von Bild und Musik, von Malern und Komponisten lang und fruchtbar. Meist beneiden in dieser Beziehung die bildenden KĂŒnstler die Musiker um die ImaterialitĂ€t ihrer Kunst: „Ich beneide Sie sehr„, schreibt Kandinsky 1911 an Arnold Schönberg, „wie unendlich gut haben es die Musiker in ihrer so weit gekommenen Kunst. Wirklich ‚Kunst‘, die das GlĂŒck besitzt, auf reinpraktische Zwecke vollkommen zu verzichten. Wie lange wird wohl die Malerei noch darauf warten mĂŒssen?“ Die Malerei wartet weiter und die Musik ist zu unsicher, ihre Chance und ihr GlĂŒck der imateriellen Bildlosigkeit zu erkennen und zu nutzen. Auch in ihrer Welt wird von neuer Bildsprache und neuen Sehweisen geschwĂ€tzt. Ein Sinfoniekonzert wird aber nicht dadurch spannender, dass man das Orchester wĂ€hrend der AuffĂŒhrung abwechselnd in blaues, rotes oder gelbes Licht taucht oder sonst irgendwelche optisch-psychedelischen MĂ€tzchen veranstaltet, um es zum Beispiel „fernsehkompatibel rĂŒberzubringen“. Auf der BĂŒhne ist das etwas anderes: NatĂŒrlich will niemand mehr AuffĂŒhrungen, die optisch so anspruchslos sind wie vor dreißig Jahren, als das Publikum im Schummerlicht hinter einem Gazevorhang die SĂ€nger auf der BĂŒhne erahnen musste. NatĂŒrlich will auch kein Theatermensch „konzertante AuffĂŒhrungen“. Diese werden zwar von Dirigenten geliebt, aber Dirigenten sind eben auch wirklich keine Augenmenschen, gehen selten in Museen und beschĂ€ftigen sich mit bildender Kunst so gut wie gar nicht.

Durchaus typisch dafĂŒr, was in den vergangenen 30 Jahren zum Thema Bildsprache auf der BĂŒhne stattfand, ist die Bayerische Staatsoper. In jenen Jahren, in denen Peter Jonas das MĂŒnchner Haus leitete, Ă€nderte er die Ästhetik des Sehens massgeblich. Das war damals auch höchste Zeit. Jonas Ă€nderte die Optik durch Regisseure des anglo-amerikanischen Britpop. Nur erwies sich auch das als Sackgasse, indem alles sehr Ă€hnlich wurde: Als die Wagner-Opern aussahen wie die HĂ€ndel-Opern; und ein Werk Tschaikowskys in der selben optischen Ästhetik spielte wie eines von Alban Berg, da war Schluss mit dem Konzept der poppigen, bunten Bilder. Was blieb also von der Ära Jonas im GedĂ€chtnis? Das Bild des umkippenden Dinosauriers in „Giulio Cesare“, oder das Bild der an einer MilchtĂŒte saugenden Kuh in „Calisto“, oder das Bild eines BĂ€ren am Bartresen in „Pique Dame“ … Es blieben Bilder im Kopf – keine Töne wie sie noch aus der Ära Sawallisch nachhallen. MĂŒnchen ging mit Sir Peter Jonas durch eine Schule des Sehens. Im Schauspiel wird gedacht, in der Oper gefĂŒhlt.

Nikolaus Bachler ist ein kluger Intendant: Bei ihm kann man auch in der Oper denken. Dass ihm dabei Werke wie „Jenufa“, „Wozzeck“, oder Poulencs „Dialogues des CarmĂ©lites“ zu großen Erfolgen gerieten und nicht jene StĂŒcke des traditionellen Kanons wie „Aida“, „Lohengrin“ oder „Don Giovanni“, könnte sich auch aus dem Umgang mit der Bildersprache erklĂ€ren. Die drei Erfolgsproduktionen sind in ihrer Optik wesentlich reduzierter, puristischer, visuell klĂŒger und moderner. Das GĂ€rtnerballett zu Beginn des 3. Aufzugs „Lohengrin“ wĂ€re in der Ära Jonas wahrscheinlich ein poppiger, optischer Erfolg gewesen. Heute kann man ĂŒberlegen, ob diese Tanzeinlage noch lĂ€cherlich, oder ob sie schon lachhaft ist. Denn gerade auch „wie„ wir etwas sehen, unterliegt den Moden. „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.“ Nochmal Goethe. Das Schauen fordert Reflektion. Sie muss das Opernpublikum – nicht nur in MĂŒnchen – nach einer Flut der Bilder und des Gesehenen wieder lernen.

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