Bayreuth 2008: Erlösung vom Gral
Stefan Herheim vollbringt ein Bayreuther Wunder zur Eröffnung der Festspiele 2008 â mit der Erlösung von Wagners BĂŒhnenweihfestspiel aus seiner Rezeptionsgeschichte
Von Barbara Winterstetter
Endlich wissen wir, was âErlösung dem Erlöserâ, die vieldiskutierten Schlussworte des Wagnerschen  âParsifalâ bedeuten! Es geht um die Erlösung von unserer Bayreuth-Erwartung, um die Erlösung derjenigen, die seit Generationen dorthin auf der Suche nach dem Gral pilgern, auf der Suche nach der Ersatzreligion âParsifalâ.Â
Nun waren ja die Erwartung jener Pilger schon in den vergangenen vier  Jahren einigermaĂen gestört, als Christoph Schlingensiefs höchst assoziativer âParsifalâ-Deutung hier zur SelbstbeweihrĂ€ucherung des Regisseurs mutierte. Doch weil Schlingensief als Ersatzgral viele eben nicht akzeptieren wollten, konnten die Gralssucher immer noch die Augen schlieĂen und sich musikalisch erlösen lassen. Nur an Stefan Herheim kommt seit der Festspieleröffnung 2008 am vergangenen Freitag niemand mehr vorbei.Â
Denn Herheim und sein Team stellen die Rezeptionsgeschichte des âParsifalâ inhaltlich wie optisch fesselnd auf die BĂŒhne und verpacken ihre  Erlösungsbotschaft am Schluss so raffiniert, dass alle begeistert sind. Nicht nur, weil es am Schluss eine Glaskugel als Globus gibt mit einer leuchtenden Friedenstaube drĂŒber, die uns globale Erlösung offeriert, sondern auch, weil anstelle des Grals am Schluss ein Kind auf die BĂŒhne tritt: Das Leben siegt ĂŒber die Kunst, das unverdorben Neue ĂŒber das BĂŒhnenweihfestspiel! Vielleicht haben viele der enthusiastischen Klatscher dabei gar nicht gemerkt, dass das in Bayreuth eine ganz schön mutige Botschaft ist: Die Erlösung kommt nicht aus Wagner, nicht aus dem BĂŒhnenweihfestspiel, nicht aus Parsifal (der mitsamt Speer nach unten abfĂ€hrt), sondern aus dem neuen Leben. âKinder macht Neuesâ rief Wagner selbst enthusiastisch. Endlich passt dieser Satz so richtig.
Aber fangen wir von vorne an: Herheim hat die Auseinandersetzung mit âParsifalâ und der Festspielgeschichte zum Grundthema einer runden, vielschichten, tiefsinnig durchdachten Deutung gemacht, die seit ChĂ©reaus âRingâ 1976 das Beste ist, was das Regietheater in Bayreuth hervorgebracht hat. Pralles Theater, aber auch Stoff zum Nachdenken und Nachwirken lassen. Das Schöne dabei: Herheim erlöst nicht nur die pilgernden Fangemeinde von ĂŒberkommenen Grals- und Heilsvorstellungen, sondern auch die Festspiele von der Patina der letzten Jahre, von (mit wenigen Ausnahmen) oft mĂŒhsamen Versuchen, hier neue Dimensionen im Werk Wagners zu erkennen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem auch der Wechsel in der Festspielleitung klar auf dem Tisch liegt und ein spĂŒrbar frischer Wind ĂŒber den HĂŒgel fegt.
Dabei setzt Herheim auf drei Ebenen: Aus der psychologisch dichten Geschichte des reinen Toren Parsifal, der zu Selbstreflektion fĂ€hig ist und sich immer wieder neu erschafft, wird die Geschichte der deutschen Nation, die ihre verschiedenen Erlöserfiguren aufzuarbeiten hat. Optischer Rahmen und Kern der Deutung aber ist Bayreuth selbst: Auf der BĂŒhne steht â ĂŒbrigens in atemberaubenden BĂŒhnen-und KostĂŒmvisionen (Heike Scheele und Gesine Völm) â Richard Wagners Wahnfried, mal von innen, mal von auĂen, was eine geniale BĂŒhnentechnik ermöglicht (technische Leitung: Karl-Heinz Matitschka). Hier in Wahnfrieds Saal stirbt schon zu Beginn des Vorspiels Parsifals Mutter Herzeleide. Oder ist es die greise Cosima? Im Vordergrund prangt das ganze StĂŒck ĂŒber Richard Wagners Grab, aus dem bezeichnenderweise der heilige Gral geholt wird und zum Schluss das neue Leben geboren wird. Im Gralstempel begegnen wir dann â zugegebenermaĂen gerĂŒhrt â dem UrauffĂŒhrungs-BĂŒhnenbild Paul von Joukowskis wieder, jener wunderbar mediterranen Eingebung, die vom Dom zu Siena beeinflusst war. Soviel also zu den Zitaten aus Bayreuths höchst erfolgreichen Festspiel-AnfĂ€nge im Jahr 1882, die man nach dem umstrittenen und finanziell misslungenen âRingâ 1876 dringend brauchte . Die geniale Idee, den Parsifal als Testament zu deklarieren und als âBĂŒhnenweihfestspielâ einzig an die Bayreuther BĂŒhne binden zu wollen (was trotz Cosimas Eingabe im Reichstag misslang), war nichts als die eigennĂŒtzige Idee, die Festspielidee als Institution etablieren zu wollen. Den âParsifalâ aber als erstarrte Ersatzreligion â das hĂ€tte auch Wagner mit seinem âWerk von göttlicher Wildheitâ nicht gewollt.
Herheim geht geschichtlich aber noch weiter: Er zeigt das Festspielhaus auch als Ort der âKunstentweihungâ, was noch heute in der Literatur nur sehr schwer zu finden ist. Im zweiten âParsifalâ-Aufzug begegnen uns nicht nur verwundete Krieger (die hier in den letzten Kriegsjahren zu finden waren), sondern auch bunte Revuegirls als BlumenmĂ€dchen. Sie erinnern an die Zeit der Festspielhaus-Beschlagnahmung, an Puccini und amerikanische Revuen zur Unterhaltung der GIs. Hier setzt sich Herheim auch kurz mit dem dritten Reich auseinander und zieht Hakenkreuz-Fahnen auf, was eben auch zum dunklen Teil der Festspielgeschichte gehört. Der dritte Aufzug konfrontiert uns folgerichtig mit dem zerstörten Wahnfried, mit TrĂŒmmerfrauen zum Karfreitagszauber und mit dem Neubeginn durch Wieland und Wolfgang im Jahr 1951, dem ersten Versuch, dem weihevollen âTestamentâ des GroĂvaters zu entkommen â was bei Herheim beeindruckend durchs Einmauern von Wagners Totenmaske via Projektion geschieht. Das Schlussbild erinnert nicht umsonst an die klaren Wieland-Bauten etwa fĂŒr die âMeistersingerâ-Festwiese.
Eigentlich aber befinden wir uns hier im Bundestag: Die Gralsritter, die sich im ersten Aufzug zu den  Soldaten des 1. Weltkriegs gewandelt hatten, begegnen uns wieder als diskutierende Parlamentarier unserer Demokratie, von der uns Herheim schlieĂlich auch noch mit seinem globalen Schlussbild erlöst â und das vor versammelter Premieren-Politprominenz. Dieser Durchlauf durch die deutsche Geschichte, den das Regie-Team ausgehend von der Parsifalgeschichte als Ausweitung von der individuellen zur kollektiven IdentitĂ€ts- und Heilsuche begreift, ist höchst raffiniert ins Werk eingebaut, ohne jemals aufgesetzt zu wirken. Hier begegnen wir dem wilhelminischen Zeitalter in einem Rauch aus KostĂŒmen (angelehnt unter anderem an Wagnersche Familienfotografien), der dem ersten Aufzug schon fast heitere Dimensionen gibt und keinesfalls abgestandenen Weihrauchgeruch. Auch weitere historische Zitate â wie etwas die Aufarbeitung der Hitler-Zeit â geschehen hier knapp, aussagekrĂ€ftig und dabei angenehm unbelehrend. Â
Das gröĂte KunststĂŒck dieser Produktion: Sie ist in ihrer FĂŒlle aus DenkansĂ€tzen, in ihren ĂŒberbordenden BĂŒhnenbildern niemals dezidiert auf Botschaft und den erhobenen Zeigefinger bedacht. Im Gegenteil: Man darf das pralle Spiel an sich auch immer wieder in seinen vielen Details genieĂen, darf sich ĂŒber das Amfortas-Bild mit dem Hermelinmantel Ludwigs II. ebenso freuen wie ĂŒber den Fantasy-reifen Auftritt Klingsors im ersten Akt zur Gurnemanz-ErzĂ€hlung.
Dass in dieser Inszenierung die Musik ein wenig in den Hintergrund tritt, liegt indes nicht am Regie-Team. Daniele Gatti macht zwar mit extrem gedehnten Tempi auf sich aufmerksam, ohne sie jedoch wie einst James Levine mit berstender Spannung zu fĂŒllen. Auch wenn Gatti so manch italienische Kantilene entdeckt und das wunderbare (in den BlĂ€sern allerdings nicht hundertprozentig intonationssichere) Festspielorchester exakt dirigiert, bleibt seine Interpretation doch zu brav.  Aus der SĂ€ngerriege gibt es Hochs und Tiefs zu vermelden. Wunderbar der perfekt artikulierende und seine Stimme modulierende, niemals laute oder pathetische Gurnemanz von Kwangchul Youn. Und Detlef Roth als Amfortas singt mit Kunstlied-geschulter Stimme trotz chromatischer Schmerzzerrissenheit auch klangschön, rund und frisch. Beide Interpretationen eignen sich perfekt, um das Weihespiel auch sĂ€ngerisch von so manch triefendem Pathos einstiger Interpretationen zu erlösen. Christopher Ventris schlieĂt sich dem als Parsifal an: Er gestaltet sicher auch in der Höhe, auch wenn seinem Tenor noch Glanz und das unverkennbare Timbre fehlt. Darstellerisch gut, aber stimmlich zu sehr bellend: Thomas Jesatko als Klingsor. Und leider zeigte sich auch Mihoko Fujimura der Partie der Kundry nicht gewachsen. Sie kann mit ihrem Körper unglaublich ausdrucksstark agieren, doch die Stimme ist zu, die Einzeltöne wirken zu sehr (und in der Höhe auch zu mĂŒhsam) fokussiert, um fĂŒr den zweiten Akt die groĂe Linie zu finden. Schade â nach ihren Bayreuther Glanzstunden mit Fricka und Erda. Nicht zu vergessen: BlumenmĂ€dchen, Knappen, Gralsritter und der ausgezeichnete Festspielchor â allesamt auf hohem Niveau.
Ein Abend, der bleiben wird in der Geschichte der Festspiele, weil er uns fordert, anregt, bewegt. Endlich!       Â









Einen Kommentar schreiben