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Parsifal in Bayreuth: Der Gral sind wir

3. August 2009

Stefan Herheims “Parsifal” im zweiten Bayreuther Aufführungsjahr weiterhin als überwältigendes Stück Regietheater/Daniele Gatti dirigiert spannungslos.

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Erlösung dem Erlöser! Stefan Herheims Bayreuther “Parsifal”-Inszenierung endet auch in ihrem zweiten Festspieljahr so global und universal, dass man gerührt sein muss: In einem großen runden Spiegel, der sich über die Szene gesenkt hat, erblickt die Festspielgemeinde sich selbst – bevor der Spiegel zur Weltkugel wird, die langsam rotierend glänzende Strahlen ins Publikum wirft. Der Gral, das sind wir, der Schlüssel zur Erlösung liegt in jedem von uns! Überwältigungstheater gibt es in diesem “Parsifal” genug: etwa sich ständig wandelnde, atemberaubende Bühnen-und Kostümvisionen (Heike Scheele und Gesine Völm), gelenkt von einer genialen Bühnentechnik (Bravo für Karl-Heinz Matitschka und sein Team!). Das alles aber wird uns serviert im Gewand echten Musiktheaters und einer intellektuell durchdachten Inszenierung. Herheim war Götz Friedrich-Schüler und beherrscht es, Personen exakt zu führen. Allerdings ist seine Inszenierung nicht rein konzeptionell auf eine stringente Botschaft ausgerichtet, sondern verfolgt mehrere Interpretationsebenen: Neben der individuellen, psychologisch durchleuchteten Geschichte des Erlösers Parsifal erleben wir die Geschichte der deutschen Nation, die verschiedene Erlöserfiguren aufzuarbeiten hat. Ebene drei der Deutung ist schließlich die Erlösungssuche der Wagnerianer in Bayreuth und im Bühnenweihfestspiel “Parsifal”: Auf der Bühne steht Richard Wagners Wahnfried, aber auch der Gralstempel des Uraufführungs-Bühnenbildes von Paul von Joukowsky – und letztlich Festspielhaus-Bühne in einem bewussten Doppelungseffekt.

Die Verschränkung dieser drei Ebenen ineinander schafft immer wieder spannungsreiche Momente, etwa wenn die junge Bundesrepublik im Schlussbild optisch der Zeit Neu-Bayreuths und Wieland Wagners “Meistersinger”-Festwiese gleicht – oder wenn das vorangegangene Bild im zerstörten Wahnfried die Fußwaschungs-Szene der letzten Wolfgang Wagner-Inszenierung zitiert. Herheim ist ein Alles-Aufarbeiter, auch in punkto Festspielgeschichte. “Warum” zu fragen bei alledem, was sich da auf der Bühne abspielt, wäre allerdings ein Fehler. “Das alles hab ich nur geträumt?”, sagt Parsifal selbst. So folgt auch Herheim vor allem in den ersten beiden Aufzügen der Logik des Traumes, in dem Kausalzusammenhänge nicht wichtig sind, mischt Traum und Trauma, Symbole und Motive und inszeniert doch immer wieder sehr genau am Text, dessen viele Rückblenden er nicht selten bebildert. Lässt man sich auf Herheims Regiesprache ein (die übrigens im dritten Aufzug am ruhigsten ist), ist diese Inszenierung ein großes Erlebnis, Balsam fürs Auge, aber auch diffizile Denkaufgabe für den Kopf und damit die derzeit beste Produktion auf dem “Grünen Hügel”.

Schade nur, dass Dirigent Daniele Gatti das Ganze so uninspiriert dirigiert: Der große Orchestersog bleibt aus, das meiste klingt schlaff und faserig, gedehnt zwar im Tempo, aber häufig inhaltsleer und überdies stellenweise unkonzentriert. Schön dagegen die schlanken, kultivierten Stimmen dieser Produktion: Christopher Ventris kann sich auf den lyrischen Schmelz seines hellen, hohen Tenors verlassen und singt zurückhaltend heldisch, was ideal in die Szene passt. Perfekt artikulierend wie modulierend gestaltet Kwangchul Youn einen anrührenden Gurnemanz, der am Schluss denn auch mit Kundry eine Familie gründen darf. Klangschön und rund Detlef Roth als Amfortas, dem Thomas Jesatko ein expressiv-zerrissenes Klingsor-Portrait gegenüber stellt. Dabei müssen alle nicht nur singen, sondern auch sehr viel und sehr gut spielen – so wie Mihoko Fujimura, die ausdrucksstark und wandelungsfähig agiert. Leider wirkt ihre volle, dunkle Stimme durch die Höhen der Kundry immer noch überfordert: hier muss sie zu sehr fokussieren und forcieren, um im zweiten Aufzug bestehen zu können. Am Schluss Jubel für Sänger, Chor und Technik (die erstmals einen eigenen Vorhang bekam), Buhs fürs Dirigat und auch für Herheim im überwiegenden Jubel einige Buhs von denen, die sich auf echtes Musiktheater ungern einlassen.

Ein Kommentar zu “Parsifal in Bayreuth: Der Gral sind wir”

Mina

4. August 2009 um 12:54 Uhr

Es stimmt nicht, dass Gatti generell ausgebuht wurde. Es gab zum grössten Teil auch Jubel für ihn sowie vereinzelte Buhs, die wahrscheinlich von den Thielemann-Soldaten stammen, die nicht akzeptieren können, dass ein anderer im Orchestergraben auf dem grünen Hügel triumphiert. Insbesondere der dritte Akt gelang dem Orchester unter Gatti betörend schön und weihevoll.

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