crescendo Premium
Sofort bestellen:

7 Ausgaben mit Festspielguide + 6 Abo-CDs+Prämie Ihrer Wahl + Geschenk CD

crescendo Premium
Erst Testen:

1 Ausgabe gratis + 1 Abo-CD + Geschenk CD bei Abo-Bestellung

Peinlich und beschämend!

2. September 2010

Joachim Kaiser und crescendo-Autor Tobias Haberl im Wohnzimmer von Kaisers Anwesen in München.

Deutschlands Kritiker Nr. 1 erklärt uns die Welt. Thema diesmal: München und der Umgang mit Stardirigenten.

CRESCENDO: Sie leben seit über 50 Jahren in München. Wie finden Sie den Verlust von Christian Thielemann und Kent Nagano?

JOACHIM KAISER: Ich finde es peinlich und beschämend! München ist eine Musikstadt, in der mehr Dirigenten ersten Ranges nebeneinander fest engagiert waren als irgendwo sonst. Dirigenten von Weltrang haben hier eine große Tradition. Noch schlimmer aber finde ich, dass es keine Nachfolger gibt! Solche Leute darf man doch nicht ziehen lassen, wenn gleichwertiger Ersatz fehlt.

CRESCENDO: Wer von beiden liegt Ihnen denn mehr am Herzen?

KAISER: Naja, Thielemann kenne ich ganz gut. Ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Er ist übrigens gar nicht so hyperintellektuell wie manche denken. Nagano kenne ich persönlich leider nicht, er scheint ein leiser, zurückhaltender Mensch zu sein. Am Anfang hat er mich nicht so sehr gefesselt, mittlerweile hat er sich entwickelt. Ein großer Dirigent, keine Frage!

CRESCENDO: Ist es nicht übertrieben, so zu tun als gäbe es keine Alternativen?

KAISER: Natürlich darf man den Personenkult nicht übertreiben. Als Furtwängler oder Kleiber starben, kamen Karajan und Bernstein, das Leben geht weiter und auch in München wird die Musik nicht aufhören.

CRESCENDO: Es gibt doch gute Dirigenten: Andris Nelsons zum Beispiel.

KAISER: Schon. Die meisten Guten sind aber fest engagiert. Und die anderen sind noch nicht so weit. Tut mir leid, dass ich das sagen muss: Thielemann und Nagano, dazu ein Mariss Jansons vom Symphonieorchester des BR, das war schon ein fabelhaftes Gespann für diese Stadt.

CRESCENDO: Kann es sein, dass Sie etwas verbohrt sind in dieser Frage?

KAISER: Naja, vielleicht bin ich ein bisschen beschränkt mit meinen 81 Jahren, ich habe mich an die drei eben gewöhnt.

CRESCENDO: Und wenn keine gleichwertigen Nachfolger gefunden werden…

KAISER: …wäre es eine kleine Katastrophe. Ein großes Orchester ist wie ein Schiff. Das kann starken Wellengang aushalten, da kann auch mal die Schraube kaputt sein, dann repariert man sie halt. Aber wenn es zu sinken beginnt, das Schiff, dann geht es unaufhaltsam unter. Dann ist es weg.

CRESCENDO: Sie waren dieses Jahr schon wieder nicht in Bayreuth! Lässt ihre Begeisterung jetzt auch noch in München nach?

KAISER: Ach, da kommt viel Menschliches zusammen. Mit 81 lässt man sich einfach nicht mehr so leicht begeistern wie mit 29. Umso mehr erfreuen einen die doch noch möglichen großen Erlebnisse.

CRESCENDO: Warum sind Sie eigentlich nie in eine andere Stadt gezogen, nach New York zum Beispiel?

KAISER: Ganz ehrlich: Ich bin leider nicht besonders gut in Sprachen. Ich kann mich zwar auf Englisch ausdrücken, kann auf Französisch ein Essen bestellen, aber ich geniere mich dabei. Ich bin unsicher, halte bei fremdsprachlichen Diskussionen lieber die Klappe, weil ich mich nicht auf dem Niveau eines 12-jährigen ausdrücken will und habe es deswegen auch nie richtig gelernt.

CRESCENDO: Endlich mal etwas, das Sie nicht können, Herr Kaiser.

KAISER: Ich hatte übrigens in den 70ern ein vorfühlendes Angebot von der New York Times.

CRESCENDO: Wow!

KAISER: Ja. Die hätten sogar alles übersetzt. Aber man muss doch die Nuancen der Sprache kennen. Ich habe mich einfach nicht getraut und abgelehnt.

CRESCENDO: Und jetzt diese Probleme mit München…

KAISER: Ach was. Sie werden mir zustimmen: Man lebt schon sehr gerne in München.

Share

Einen Kommentar schreiben

 

Kommentar
Name
Email