Publikum oder Publika? – Ein Kommentar von Matthias Naske
Was wir von Luxemburg lernen können
Das Konzerthaus in Luxemburg ist eines der erfolgreichsten. Hier werden die Klassik-Stars gefeiert, aber auch Nachwuchsarbeit geleistet. Der Intendant behauptet: Das Publikum gibt es nicht – der Erfolg liegt in der Vielfalt.
Sprache ist Mittel des Ausdrucks, der Kommunikation und zugleich fasst und bündelt sie die Wirklichkeit. Im Allgemeinen deckt sie damit recht erfolgreich ab, was sich dem Sprechenden, aus der Sicht seines kulturellen Hintergrunds heraus, eröffnet. So gesehen ist die Sprache ein Begleiter der Wirklichkeit und ist unaufhörlich in Bewegung. Aber sie ist auch ein Instrument der Gestaltung und so lohnt es sich, sich folgender Beobachtung zuzuwenden.
An einem kleinen, besonders vielsprachigen Ort in Europa, einem Land, das im direkten kulturellen Einflussgebiet der französischsprachigen wie der deutschsprachigen Kultur liegt und mit Lëtzebuergësch seine eigene, historisch gewachsene Sprache pflegt, also bildhaft mitten in Europa, liegt ein wunderschönes, im Jahr 2005 eröffnetes Konzerthaus, die Philharmonie Luxemburg. An der jungen Geschichte dieses Hauses lässt sich zeigen, dass der im Singular gebräuchliche Begriff „das Publikum„ dem tatsächlichen Geschehen nicht gerecht wird. Es gibt, und in diesem Punkt ist die französische Sprache, mit ihrem „les publics„, der deutschen an Feinheit voraus, eine Vielzahl an verschiedenen Publika.
Der Begriff „das Publikum„ – und des Konzertveranstalters oder Opernintendanten Gedanken an dieses – ist oft einer Vereinfachung unterworfen, die der Vielschichtigkeit der Wünsche, Erwartungen und Forderungen der „Publika„ nicht gerecht wird. Dieser Singular des Publikums in der deutschen Sprache hat übrigens eine schöne Parallele und erinnert an den deutschen Singular „Himmel„: in fast allen deutschen Übersetzungen der Heiligen Schrift wird das griechische „en tois uranois„ (in den Himmeln) mit „[der du bist] im Himmel„ wiedergegeben, obwohl das nicht ganz richtig ist und es den alten Quellen gemäss wohl mehrere davon gibt. Aber das führt hier vielleicht zu weit …
Ein Konzerthaus mit drei Sälen und einem entwickelten lokalen, regionalen und internationalen Konzertgeschehen, mit über 250 Veranstaltungen in einer Stadt, in der nur 80.000 Einwohner leben, kann statistisch gesehen eigentlich nicht funktionieren und beweist sich doch als starker Motor der Musikkultur, der doppelt so viele Menschen pro Jahr erreicht, als Einwohner in der Stadt leben.
Es gibt das Publikum und es gibt – sofern das Angebot differenziert, vielfältig und hochwertig ist – sehr viele verschiedene Gruppen davon! Jede für die künstlerische Planung einer kulturellen Institution verantwortliche Person weiß, dass Angebot Nachfrage schafft, aber warum bleibt nicht nur im sprachlichen Geschehen, sondern auch in der Programmplanung verborgen, dass nur eine wirklich vielschichtige und absolut diverse Angebotsgestaltung Chance auf Erfolg haben kann? Es mag an dem klassischen Kanon der Rezeptionskultur liegen oder an einer veralteten Idee (?) der Veranstaltungsstätte als Musentempel, aber all das sind schwache Bilder und keine, die in die Zukunft weisen.
Auf Grundlage der Beobachtung der gesellschaftlichen Wirklichkeit kann sich jede kulturelle Spielstätte der massgeschneiderten Definition ihrer (?) Zielgruppen widmen, um danach das programmatische Geschehen und alle weiteren Parameter – von der Verkaufsart bis zur Wahl der optimalen Beginnzeit der Veranstaltungen – darauf abzustimmen.
Neben Phantasie braucht man ein bisschen Mut, über den eigenen Schatten zu springen, um weniger ein bildungsbürgerliches Ideal als die Förderung der individuellen Lust an der Wahrnehmung von Musik in jedem einzelnen Hörer zu fördern. Die Philharmonie Luxemburg versucht von der ersten Stunde an ein Haus der individuellen Begegnung mit der Musik zu sein, ein Haus, in dem sich möglichst alle Menschen einer Gesellschaft begegnen können.
Ein nach Altersgruppen genau definiertes, künstlerisch hochwertiges Programm für Kinder und Jugendliche, das schon seit der ersten Saison etwa die Hälfte der Eigenveranstaltungen des Hauses ausmacht, wird ab der dritten Saison durch ebenso hochwertige künstlerische Konzertangebote für behinderte Menschen erweitert. Das klassische musikalische Geschehen der Philharmonie wird quer durch alle Genres von Musikvermittlungsangeboten begleitet und stellt sich so seiner eigentlichen Aufgabe: der künstlerischen Stimulation möglichst breiter Kreise einer Gesellschaft.
Wer nun meint, das ginge nur in einem Land wie Luxemburg, mit Wohlstand und hohem Bildungsniveau oder im Jahr 2007 während es gemeinsam mit der angrenzenden Großregion als europäische Kulturhauptstadt auftritt, der irrt grundlegend und sollte einfach etwas mehr Mut in die Entwicklung einer der kulturellen Realität des jeweiligen Landes entsprechende Vielfalt von Ideen sowie eines lebendigen Orts der Begegnung investieren. Die richtige Musik am richtigen Ort vermag den „Publika„ die Himmel zu öffnen.
1988 übernahm Matthias Naske die Leitung des künstlerischen Betriebsbüros des Gustav Mahler Orchesters (Künstlerischer Leiter: Claudio Abbado). Als Generalsekretär der Camerata Academica Salzburg erreichte er die Verdopplung der Anzahl der Konzertauftritte des Ensembles. In der Zeit von 1996 bis 2003 übte Naske die Tätigkeit als Generalsekretär der Jeunesses Musicales Österreich aus. Im Januar 2003 wurde er zum Generaldirektor des Etablissement public Salle de Concerts Grande-Duchesse Joséphine-Charlotte (Philharmonie Luxembourg) bestellt, eine Funktion die er bis heute erfüllt. Weitere Funktionen: Mitglied des Vorstands des Gustav Mahler Jugend-orchesters, Mitglied des Boards der Society for the Performing Arts (ispa), Mitglied des Boards des Conseil Supérieur de la Musique (CSM), Luxemburg (seit 2005).









Aribert Wolf
Interessante Impulse kommen da aus Luxemburg. Zukunftsweisend und praktikabel, was Herr Naske da schreibt: Ein Haus der Kultur, das sich pluralen Publikumsinteressen öffnet – und damit Gesellschaften (!) verbindet, statt Sie zu spalten. Die stattliche EU-Förderung und gleichzeitige Fokussierung auf die überschaubare Anzahl an Luxemburgs Kulturstätten erleichtert Naskes Arbeit natürlich immens. Aber ist das nicht die grundsätzliche Idee von EU-Subventionen: Leuchtturm-Projekte zu realisieren? Meine Meinung: Das Geld ist gut angelegt.
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