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Raus aus der Rauschanstalt – Peter Mussbach über die Oper

14. Mai 2007

Peter MussbachAls Intendant der Staatsoper Berlin und als Regisseur ist die Oper für Peter Mussbach Arbeitsgrundlage. Aber über ihre Zukunft ist er sich trotzdem nicht ganz sicher.

Peter Mussbach ist der vielleicht erfolgreichste Berliner Intendant, und außerdem einer der gefragtesten “Regisseure”. Früher war er Gehirnforscher. Kein Wunder, dass er einen Zusammenhang zwischen Denken und Oper sieht.

Herr Mussbach, die Oper ist eines der ältesten Multimedien – eine gigantische Mythosmaschine aus Worten, Musik und Bildern. Wie würden Sie die Grundentwicklungen dieser Kunst, von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, zusammenfassen?

Mussbach: Ich glaube, dass die Oper stets sehr eng mit der Herrschaftlichkeit und der Macht verbunden war. Unter diesem Aspekt spielt Mozart sicherlich eine Schlüsselrolle – er war zwar zunächst noch in Salzburger Diensten, hat dann aber freischaffend gearbeitet und Werke komponiert, für die er nicht einmal einen Auftrag hatte. Das war ein großer Befreiungsschlag. Doch dann folgte leider das unsägliche 19. Jahrhundert und mit ihm das Bürgertum, der Nationalstaat und die vermeintliche Individualität …

… und eine neue Bedeutung der Oper.

Mussbach: Ja, aber merkwürdiger Weise hat ausgerechnet hier die Konventionalisierung wieder erbarmungslos zugeschlagen. Die Oper wurde zur Kunst eines Bürgertums, das dem Künstler gegenüber ein eigentümliches Schuldgefühl hatte: dieser bereichert zwar die Menschen, lebt aber selber in Not; man denke nur an Kleist, Lenz, Schubert, Mussorgsky. Das Bürgertum hat sich in der Musik einen Menschenbild-Kosmos geschaffen, der die Bedingtheit des Individuums in der Gesellschaft als Abgrund verstand. Der Mensch war ein nicht zu fassendes Wesen, und die Oper wurde zu einem Ort, in dem die alten Sujets auf das freischwingende Individuum übertragen werden konnten. So ist die Oper zu einer Kunst der Psychopathologie und des Wahnsinns geworden.

Aber es gab auch Konstanten, die sich entwickelten: die Transzendenz, das Pathos, die Überlebensgröße. Ist die Formulierung der bürgerlichen Sehnsüchte nicht sogar ein Fortschritt gewesen?

Mussbach: Ich glaube, dass Mozarts “Così”, oder sein “Don Giovanni” von einer grundlegend anderen Spiritualität sprechen als Verdi, Puccini, oder ganz besonders Wagner es getan haben. Die Eingebundenheit des Einzelnen, die Bedingtheit des Menschen in der Welt, im Sinne, Teil der Natur und der Evolution zu sein und nicht alles verändern zu können, hat sich im 19. Jahrhundert eindeutig in die Psychopathologie verlagert. Ich denke da an Opern wie “Simone Boccanegra”, die den Wahnsinn kultivieren, oder an Wagner, der versucht hat, das Spirituelle wieder einzufangen, dabei aber eine semiklerikale Haltung im Sinne der Weltverbesserung eingenommen hat. Oper wurde zu einer Art Religionsersatz.

Aber diese Religion war eine freiwillige Religion – vielleicht die Religion einer menschlichen Sehnsucht.

Mussbach: Das ist mir eine zu konstruierte Sehnsucht, eine zu kranke, eine zu pathologische. Der Glaube, dass es eine Gesamtbedingtheit gibt, wie sie noch in der “Johannespassion” zu hören ist, spielte im 19. Jahrhundert kaum noch eine Rolle. Die Spiritualität wurde zunehmend aus der Sache herauskatapultiert. Wunderbar, dass Berg im “Wozzeck” darauf reagiert hat: hier ist die Gesellschaft wahnsinnig, der wahnsinnige Held aber der einzig Normale.

Es ist doch spannend, dass die Oper in einer zunehmend rationalisierten Welt, in einer Gegenwart, in der es um Realpolitik und Sachlichkeit geht, wieder als Kunst der Sinnlichkeit entdeckt wird.

Mussbach: Man muss aufpassen, dass die ewigen Wahrheiten, die über 400 Jahre lang durchdekliniert wurden, nicht als Referenz stehenbleiben. Die Oper entledigt sich immer mehr ihrer sozialen Funktion. Was macht man heute zum Beispiel noch mit Uraufführungen? Führt man sie lediglich auf, um in die Zeitungen zu kommen? Man sollte wieder viel mehr mit Menschen in Kontakt treten, die außerhalb dieses ganzen, selbstreferenziellen Betriebes wachsam in der Zeit stehen und trotzdem den Bogen zu dem spannen können, was war und zu dem, was sein wird. Wir müssen, was Oper anbelangt, sagen, dass sie nicht per se Gold ist.

Aber steht sie nicht für Werte, deren Verschwinden in der Gegenwart wir bedauern? 

Mussbach: Wie können wir glauben, dass ausgerechnet die Oper jene Werte in sich aufnimmt und weiterbelebt, die überall anders längst ins Wanken geraten sind? Die Oper setzt ein historisches Wissen voraus, das aber so, wie sie es voraussetzt, gar nicht mehr existiert. Die Oper hat ihre Gegenwart antizipiert, Machtverhältnisse abgebildet, sich in eine gesellschaftliche Ordnung begeben. All das kommt ihr aber abhanden, wenn man sie jetzt allein auf das Emotionale beschränkt. Die Synchronizität nimmt zu, während die diachrone Haltung, das Gefühl dafür, dass man sich in einem historischen Prozess befindet, abnimmt. Was soll in diesem Prozess denn bittschön noch das Epiphänomen der Oper ausrichten? Sie wäre nur noch ein Rausch um ihrer Selbst willen. Damit wäre sie allerdings nichts anderes als ein gigantischer Betrug.

Ist es auch ein Betrug, wenn ich “Tristan” höre und mir dabei sicher bin, dass es so etwas wie Liebe geben muss.

Mussbach: Für mich ist das ein Moment, in dem die Oper droht, Kitsch zu werden. Da berausche ich mich an etwas, das ich gar nicht mehr verstehe. Die Entrückung wahrer Liebe in die Sphäre der Transzendenz, in welcher einzig die Erfüllung dieser Liebe möglich sein soll … Da gehe ich lieber wieder zurück zu Mozart.

Sollen wir die Oper etwa dicht machen?

Mussbach: Nein, aber sie muss weg vom Image dieser Rauschanstalt! Es ist doch so: Das historische Bewusstsein, die Mnemotechnik geraten ins Wanken und degenerieren – wir haben kaum noch einen Begriff davon, was einst passiert ist. Wir erinnern uns einfach nicht mehr, weil es kein Thema mehr ist. Wenn man davon ausgeht, dass das Gehirn plastisch ist und wir uns anhand der Veränderungen, die das Gehirn durchmacht selbst verändern, dann ist alles, was ist, nur eine Entwicklung der Evolution. Und ich glaube, dass wir uns aus dieser Überlegung heraus auch der Oper annähern können. Vielleicht finden wir in ihr Antworten auf die Frage, wo wir vom Wege abgekommen sind, weshalb wir uns immer mehr hypostasieren. Warum stehen wir heute, wo wir stehen? Das Medium, das sich immer zentral mit der Frage der menschlichen Existenz beschäftigt hat, das durch Musik und nicht durch rationale Begrifflichkeiten belebt wurde, das Rationale aber stets antizipiert hat, könnte die Frage stellen, ob es noch mal besser wird mit uns Menschen.

Wenn Sie von einem historischen Prozess sprechen, muss sich auch die Oper verändern. Aber welchen Kontext trifft die Oper?

Mussbach: Wir befinden uns durch die scheinbare Freiheit, die wir glauben erkämpft zu haben, nicht mehr in der Postmoderne, sondern in einer Borderline-Struktur. Das heißt: die Bedingtheiten des gesellschaftlichen Lebens sind zerbrochen. Wir pendeln zwischen psychotischen und neurotischen Zuständen. Der Mensch dreht durch und läuft Amok, weil er kein Innen mehr hat und gleichzeitig das Außen nicht mehr begreift. Die Ordnung ist aufgelöst und das innere Subs-trat, um sich zu dieser Situation zu verhalten, fehlt.

Wird sich die Oper in dieser Situation behaupten können?

Mussbach: Ich weiß nicht, ob sie bleiben wird. Die Oper ist derzeit doch erkennbar eine Kunst im Regress – wie viele Literaturopern wurden in der letzten Zeit geschrieben? Ich verstehe gar nicht, warum sich die Komponisten immer auf die Filetstücke der alten, der vorhandenen Literatur beziehen. Die Oper hat sich doch nie antagonistisch zur Gesellschaft bewegt, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihren Kontext integriert. Aber diese neue Hermetik, der Glaube, dass die Musik scheinbar emotional gesteuert ist, und dass die Oper das letzte Residuum sein soll, in dem die Frage nach der Emotion thematisiert wird, ist mir suspekt. Ja, ich finde das sogar falsch. Die Funktion der Oper ist es, auf der Klaviatur der Wahrnehmung und der Virtualität unserer Wahrnehmung zu spielen.

Vielleicht ist die Oper eine Form, die uns die Möglichkeit gibt, die Gegenwart zu reflektieren. Sie bietet uns eine Transferleistung an: Die Oper gibt einen emotionalen Raum, aus dem heraus wir eine Bezüglichkeit zu unserer Gegenwart herstellen können.

Mussbach: Aber warum muss Kunst immer Transferleistungen hervorrufen. Erlauben Sie mir einen kleinen Schlenker. Ich glaube daran, dass es in jedem Menschenleben mindestens einmal eine Begegnung mit Gott gibt. Die Frage ist, ob man sie überhaupt wahrnimmt, ob man sie wahrnehmen will, und ob man sie, wenn man sie wahrnimmt, inkorporieren kann. Wichtig ist, dass diese Begegnung immer eklatant ist und immer ohne Transferleistung auskommt. Wenn wir schon über Transzendenz sprechen, und wenn sie in der Oper angelegt ist, dann muss sie ohne Transfer auskommen.

Aber da sind wir uns ja einig: Ich glaube, dass die Oper mit der Erfahrung von Transzendenz spielt. Letztlich funktioniert sie wie die theologischen Transzendenzerlebnisse.

Mussbach: Ich meine das viel praktischer. Sie verwechseln die Transzendenz mit einer Institutionalisierung von Transzendenz. Aber die Gottesbegegnung, von der ich rede, ist nicht gleichzusetzen mit Religion. Religion ist nur die ritualisierte, kommunikative Form dessen, dass man sich vergewissern kann, dass es so etwas wie Gott geben könnte. Und so funktioniert auch die Oper, die ich nicht will: Sie ist eine Institution geworden, in der wir das Emotionale oder das Transzendente erleben und reflektieren wollen. Ja, mehr noch, wir wollen das Transzendente sogar durch die Kunst vermitteln. Für mich sind genau das die Momente, in denen die Kunst funktionalisiert wird – wenn der Komponist eine viertel Stunde vor der Aufführung darüber redet, was er eigentlich komponiert hat, oder wenn der Regisseur im Programmheft drei Seiten über das schreibt, was er inszeniert haben wollte.

Mit anderen Worten: die Oper muß sich selbst erklären, beziehungsweise vollkommen ohne Erklärung auskommen?

Mussbach: Auf jeden Fall ist mir jede Form von Transfer suspekt, diese Dramaturgenarbeit, die sagt, was man zeigen will. Die Kunst hat die große Möglichkeit, etwas zu zeigen, das keinen Transfer verlangt, was keine Einklinkungsmöglichkeit hat. Sie kann etwas total anderes zeigen als das, was ich je noch begreifen kann. Das ist, was ich mit der Gotteserfahrung meine. Ich hasse es, wenn in der Oper ein Ersatz gefunden werden soll für das, was sonst in der Kunst verloren zu gehen droht. Die Oper ist ein kohärenter Teil innerhalb der Geschichte und sie ist kein Kontinuum, das für sich steht und als Auffangbecken des einzig Schönen und Hehren dient.

Machen wir es konkret: Was erwarten Sie von Kunst?

Mussbach: Dass sie mit meiner Fähigkeit wahrzunehmen und mit meiner sozialen Fähigkeit spielt – dass alles, was ich bin, zur Disposition gestellt wird. Und zwar nicht, in dem sie relativiert, sondern indem sie alles auflöst. Diese ganzen Sicherheitsstrukturen, mit denen wir immer irgendwo, selbst in der größten Krise, versuchen, irgendwelche Paradigmen auszudrücken. All das braucht die Kunst nicht. Kunst muss grundsätzlich in Frage stellen.

Ist Kunst denn kein Vexierspiegel der Wirklichkeit?

Mussbach: Die Kunst spielt erst einmal fast bedeutungslos auf der Klaviatur der Wahrnehmung: der Virtualität der Sinnesorgane, des Versuches Innen und Außen in eine “sinnvolle” Balance zu bringen. Ob damit die Abbildung oder die Kritik von Strukturen stattfindet, das ist sekundär. Das Primäre ist das Spiel an sich. Kunst ist nicht eingebunden in den unmittelbaren Prozess, sondern gleichsam chaotisch im Umgang mit dem, was zur Diskussion steht. In diesem Spiel erfahre ich, dass ich nicht so bin, wie ich bin und, dass ich anders sein kann als ich bin – aber das alles ist ein offenes Moment und keine Ideologie. Kunst hat keine Direktiven.

Soziologen wie Slavoj Žižek versuchen, der Oper mit der Freudschen Psychoanalyse zu begegnen, sie als Ort des Traumes und des Unterbewußtseins zu definieren. Ist das auch ein Weg für Sie?

Mussbach: Nein. Freud ist für mich historisch wichtig, aber doch nicht als Retter der Gegenwart. Allein das Unterbewusstsein ist doch eine mechanische Konstruktion. Freud hat einen Handwerkskoffer aufgestellt, mit dem man vielleicht einen “Horch”, aber keinen 7er BMW reparieren kann – und die Oper schon gar nicht. Dieses Herumgereite auf der Psychoanalyse, das auch im aktuellen Regietheater immer wieder zu sehen ist, ist für mich obsolet.

Sie kommen aus der Hirnforschung …

Mussbach: Wolf Singer hat einmal gesagt, dass das sich selbst erforschende Gehirn ein köstliches Phänomen ist. Wie das Gehirn funktioniert, hat für mich sehr viel damit zu tun, wie Kunst funktioniert. Ein Fehler der Gehirnforschung ist, immer und überall lokalisieren zu wollen: hier ist das motorische Sprachzentrum, dort die primäre Sehrinde, etc. Die Wahrheit ist: das gesamte Gehirn ist ein Funktionsorgan, das offensichtlich Areale hat, die für eine bestimmte Aufgabe stehen, erst dann aber zu einer bestimmten Leistungsfähigkeit kommt, wenn die Impulse synchronisiert sind, egal wo die Neuronen eines bestimmten Areals sitzen. Da kann man nicht mehr sagen, was wofür zuständig ist. Alles ist ein Phänomen, in dem die Funktion des einzelnen Neurons vollkommen unbedeutend wird. Bedeutend ist die Synchronizität unterschiedlicher Funktionsuntereinheiten, die ganz plötzlich in einem gemeinsamen Rhythmus schwingen.

Und dadurch entsteht erst das, was wir Wirklichkeit nennen. Eigentlich eine Benutzeroberfläche, um die Welt wahrzunehmen.

Mussbach: Sicherlich, aber so weit bin ich ja noch gar nicht. Was daraus entsteht ist auch gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, wie es entsteht: dass unterschiedliche Neurone vollkommen unindividuell funktionieren. Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie! Das ist in gesellschaftlichen Prozessen übrigens das Gleiche. Was versuchen wir heute nicht für Programme zu entwickeln, um die Gesellschaft zu steuern. Wir entfernen uns immer mehr von der Fähigkeit im Sinne Heideggers zu sein. Wir entfernen uns immer weiter vom Selbstverständnis, das Leben zu leben. Wir drohen die Selbstverständlichkeit des Lebendigen zu verlieren. Wir brauchen für alles Programme. Und auch die Oper ist diesem Prozess unterworfen. Wir glauben immer noch, dass sie eine Funktion hat. Aber vielleicht hat sie ja gar keine mehr. Denn das, was wir da erwarten, ich meine den Sozialkitsch, ist doch nur eine Projektion auf uns selbst.

Bei der Welt des Seins sind wir gar nicht so weit auseinander. Dieses Sein setzt aber auch eine Wahrhaftigkeit, also eine übergeordnete Wahrheit jenseits der Wahrheiten voraus – und dafür steht für mich die Oper.

Mussbach: Ich glaube, dass das Sein nicht definiert sein darf, sondern, dass es darum geht, wie es funktioniert. Darauf könnten wir uns dann tatsächlich einigen.

Lassen Sie uns trotzdem noch einmal darauf kommen, was entsteht, wenn Kunst entsteht: ich glaube, es entsteht eine sinnliche Wirklichkeit.

Mussbach: Ich würde das radikaler sehen. Ich glaube, dass diese Wirklichkeit in der Oper letztlich virtuell ist. Mich interessiert aber keine virtuelle Wirklichkeit, der ich dann in einer Aufführung beiwohnen kann. Mich interessiert viel mehr, dass es keine Wirklichkeit gibt. Nehmen sie “Così”, “Don Giovanni” oder “Wozzeck”. Besonders bei Mozart kann man das veranschaulichen: Es geht nicht darum, etwas festzuhalten, sondern um die Auflösung der Struktur, ohne eine andere anzubieten. Eine gute Oper beschreibt mir, dass es keine Wirklichkeit gibt – und nicht, dass es eine virtuelle Wirklichkeit gibt.

Also geht es darum, einen Zustand zu beschreiben?

Mussbach: Das kann man so sagen, einen Prozess, der selbst die Semantik auslöscht. Es kann nicht darum gehen, zu sagen: Früher war das so und so, da wollen wir jetzt hin. Auch da geht es wieder um die ständige Evolution. Letztlich geht es um nichts anderes als um die Problematisierung, ja die Auslöschung von Bedeutung. Letztlich existieren die Momente der größten Freiheit im Nichts, in der reinen Bedeutungslosigkeit.

Nun befinden wir uns wieder in transzendenten Gefilden. Wie genau war Ihre Begegnung mit Gott?

Mussbach: Für mich ist Gotteserfahrung die Erfahrung des Nichts. Mir ging es damals sehr schlecht, und plötzlich war da etwas, was eine unglaubliche Gewissheit in mir geschaffen hat. Eine Gewissheit, mich der Bewegung hinzugeben. Warum schielt denn alles auf das Jenseits? Wir wissen doch, was das ist. Wir kommen alle aus dem Nichts und werden auch wieder in das Nichts eingehen. Was soll daran so wahnsinnig spannend sein? Das führt wieder zurück zur Kunst. Kunst ist die Auflösung der Bedeutung, nicht die Kunst, neue Bedeutungen zu schaffen.

Aber was ist das Nichts? Ist das Nichts nicht auch Alles?

Mussbach: Das Nichts ist ja erst einmal nur eine Bezeichnung. Giordano Bruno wusste das. Vielleicht ist das Nichts Alles und nicht Nichts.

Ist das Marcuses Auflösung des Schreckens vor dem Tod, von der Sie sprechen? Eine radikale Lebenseinstellung, der Mozart im “Don Giovanni” eine Oper gewidmet hat? Was sind Ihre Todeserfahrungen?

Mussbach: Ich bin das dritte Kind meiner Mutter, habe meine beiden Brüder aber nie erlebt – sie sind mit vier und zwei Jahren kurz vor meiner Geburt gestorben. Schon als ich auf die Welt kam war ich unmittelbar mit dem Tod konfrontiert. Diese ganz frühe Erfahrung mit dem Tod war auf der einen Seite fürchterlich, inzwischen kann ich ihr aber auch etwas Positives abgewinnen: Ich lebe mit der Potenzialität des Todes. Die Frage der Endlichkeit führt doch in einer lustvollen Weise in das Diesseits, in ein Leben, dass die Schwarte Kracht. Todessehnsucht entsteht erst, wenn ich das Jenseits dauernd verdränge, nicht wenn ich es als Normalität begreife.

Dann geht es also wieder um den Umgang mit dem Nichts – darum, es im Diesseits zu feiern. Hatten Sie eine ähnliche Erfahrung wie bei Ihrer Begegnung mit Gott auch in der Kunst?

Mussbach: Ja, das erste Mal, als ich Michelangelos “Maria Magdalena” in London gesehen habe. In der Musik war es, als ich zwölf Jahre alt war und die “Dichterliebe” mit Fritz Wunderlich hörte; in einem Konzert mit Arturo Benedetti Michelangeli. Außerdem in einem Konzert mit Klemperer, am 4. April 1966, als er die Achte von Schubert und die Vierte von Bruckner dirigiert hat. Das waren jeweils Erlebnisse, die mein Leben tiefgreifend verändert haben.

Was ist da passiert?

Mussbach: Ich bin anders herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Es geht darum, das Nichts zuzulassen, um das Nichts zu genießen. Aber was machen die Menschen statt dessen? Sie schauen durch Radioteleskope nach Planeten und fremdem Leben und rufen pausenlos: “Hallo, ist da wer!?” Es ist diese unglaubliche Angst, die noch in uns steckt. Für mich ist es eine Aufgabe der Kunst und der Oper, diese Angst abzubauen. Eine andere Dimension der Freiheit zu schaffen.

AB

 

5 Kommentare zu “Raus aus der Rauschanstalt – Peter Mussbach über die Oper”

Aribert Wolf

22. Mai 2007 um 11:55 Uhr

Ein faszinierend anderer Blick auf die Oper – oder eher eine Vision? Eventuell wird Herr Mussbach dennoch eher im Buddhismus fündig, als auf der Opernbühne

Maren Vogler

30. Mai 2007 um 17:12 Uhr

Es geht nicht darum, etwas festzuhalten sondern, um die Auflösung der Strukturen ohne eine andere anzubieten.
Ein großartiger Satz, und das TGrauenhafte daran… erst einmal zu erkennen, dass sich die Strukturen auflösen, keine Alternative angeboten werden. Dann erst wird die Oper zur wahren Emotion. Denn, es macht Angst und Bange, die Welt der Strukturen zu verlassen. Doch erst dann besteht überhaupt die Möglichkeit im Heideggerschem Sinne das Sein zu verstehen. Das Sein als Nichts im Nichts. Ein großartiger Aufsatz!

Jan Renner

7. Juni 2007 um 14:57 Uhr

Hochinteressantes Interview. Ich habe mich beim Lesen gefragt, wie sich denn die Grundhaltung des Regisseurs mit der Grundeinstellung des GMDs (in diesem Fall Daniel Barenboim) verträgt bzw. vertragen muss.
Gibt es da Reibungspunkte zwischen Musik und Inszenierung oder konzentriert sich der GMD grösstenteils auf die Musik, so dass die Inszenierung aus Sicht des Dirigenten zweitrangig ist? Lieber Axel Brüggemann, vielleicht könnten Sie die Frage noch nachreichen…

Adrian Abel

22. Dezember 2007 um 22:12 Uhr

Mussbach behauptet, Gott begegnet zu sein, den er mit dem Nichts gleichsetzt. Ich sage, er ist Gott nie begegnet. Die Frage ist, was bedeutet im die Macht, denn Gott tritt in dieser Weltzeit als Ohnmächtiger, als Diener auf. Wenn Mussbach das Diesseits erfüllen will mit einer Lust, dass die “Schwarte kracht”, dann ist er eigentich ein degenerierter Herodes, der die wahre Liebe nicht kennt.

Sebastian Schimmelpfennig

18. November 2008 um 02:01 Uhr

Als “Gehirnforscher” hat Dr. Mussbach seinen Psychiatriepatienten
in der geschlossenen Station III B in den Jahren ca.1983-1987
sicher alles andere als Gott gezeigt, zum Beispel eher Haldol, Neurocil+andere zu dieser Zeit zum Teil noch nicht legalisierte Neuroleptika bis die Gehirnschwarte krachte!
So viel zum Thema “Raus aus der Rauschanstalt”…

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