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Rod Gilfry – Heiliger und Verführer

17. Juli 2008

rod_gilfrey.jpgHannah Glaser sprach mit dem kalifornischen Bariton über moderne Musik, klassische Opernrollen und die Stimme als Instrument. An der Nederlandse Opera in Amsterdam wurde jetzt Olivier Messiaens Heiligenlegende “Saint Francois d´Assise” in einer Neuproduktion aufgeführt. Die einzige Oper, die der Franzose Messiaens komponierte, legt die Latte für Musiker, Sänger und Zuschauer sehr hoch, denn die Oper verkündet eine Weltanschauung. Eine Handlung im klassischen Sinn gibt es nicht, statt dessen stellen acht Bilder das Eingehen der göttlichen Gnade in die Seele Franz von Assisi dar – ein Mix aus Oratorium und kirchlichem Weihespiel. Die Hauptrolle des fünfstündigen Werkes sang der amerikanische Bariton Rod Gilfry.

 

crescendo: Herr Gilfry, ist es ein Vergnügen, auf der Opernbühne einen Heiligen darzustellen?

Gilfry: Naja, erst einmal ist es sehr anstrengend. Die Rolle des Franz von Assisi ist stark stilisiert. Ich durfte zum Beispiel nicht gehen wie ein normaler Mensch, sondern ich mußte mich fast in Zeitlupe bewegen, schreitend, unbeweglich, eher wie eine Statue. Da staut sich jede Menge Energie. Genauso mühsam ist es übrigens, fünf Stunden ausschließlich Güte und Erleuchtung auszustrahlen (lacht), fiese Charaktere machen einfach mehr Spaß als Gutmenschen, die alles richtig machen…

crescendo: …und am Schluß auch noch eine Stunde lang sterben. Das Orchester saß hinter Ihnen auf der Bühne, Sie spielten auf dem abgedeckten Orchestergraben. Wieso?

Gilfry: Das war alles sehr ungewöhnlich. Das Orchester saß deshalb auf der Bühne, weil es so gewaltig ist, dass es im Orchestergraben keinen Platz hatte. Alles in dieser Oper hat epische Ausmaße, hundert Sänger im Chor,150 Musiker im Orchester, neun Schlagzeuger…

crescendo:…und der Dirigent stand hinter Ihrem Rücken. Wie trifft man da den richtigen Einsatz?

Gilfry: Für die Sänger gab es sechs Monitore, auf denen der Dirigent zu sehen war. Leider kann ich ihm da aber nicht in die Augen schauen – und er mir auch nicht. Das macht alles schwieriger. Auch der Klang ist viel gewaltiger, wenn er direkt von der Bühne und nicht aus dem Orchestergraben kommt.

crescendo: Trotz der schwierigen Materie waren alle Vorstellungen ausverkauft, und es gab am Ende jedesmal Standing Ovations.

Gilfry: Das Publikum in Europa und speziell in Amsterdam ist sehr interessiert, aufgeschlossen und neugierig! Vielleicht hat diese religiöse Inbrunst in einem calvinistischen Land auch einen Exotik-Bonus (lacht).

crescendo: Sie haben 2001 als Don Giovanni in Zürich Furore gemacht. In der Inszenierung von Jürgen Flimm sang Cecilia Bartoli die Donna Elvira, Nikolaus Harnoncourt dirigierte. Ihr Don Giovanni war ein Womanizer, ein diabolischer und faszinierender Lady-Killer.

Gilfry: Der Don Giovanni ist eine fantastische Rolle, ein Charakter mit vielen Facetten und Schattierungen, ein Glücksfall – und auch eine sehr moderne und zeitgenössische Figur.

crescendo: Wann singen Sie den nächsten Don Giovanni in Europa?

Gilfry: Jederzeit! Leider hat mich bisher noch niemand gefragt.

crescendo: Wieso das?

Gilfry: Wahrscheinlich hält man mich inzwischen für einen Spezialisten für neue Musik, weil ich in den letzten Jahren fünf Uraufführungen gesungen habe. Klar ist das jedesmal eine neue und spannende Herausforderung, aber die moderne Musik hat auch eine andere Seite. Für die neuen Rollen muß man sehr viel Arbeit aufwenden. Wenn die Uraufführung dann stattgefunden hat, überlegen sich alle, naja, war das jetzt wirklich so gut, dass man es immer wieder hören will? Und oft verschwindet das Stück dann in der Versenkung.

crescendo: Die klassischen Opern haben sich dagegen bereits bewährt. Wird es denn irgendwann langweilig einen Don Giovanni, einen Almaviva, Belcore oder Papageno zu singen?

Gilfry: Überhaupt nicht. Ein berühmter Kollege vom Sprechtheater hat mal gesagt, man muß eine Rolle dreißigmal spielen, um alle Facetten kennenzulernen und sich in der Figur wohlzufühlen. Danach fängt das Vergnügen überhaupt erst an. Soweit kommt man in der Oper leider kaum, weil nach acht bis neun Aufführungen schon wieder Schluß ist. Es ist wie ein Treffen mit einem guten Freund, wenn man eine Rolle aus einem früheren Repertoire nach Jahren wieder singt.

crescendo: Sie haben kürzlich ihr 20jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Hatten Sie jemals Stimmkrisen und mußten deshalb Aufführungen absagen?

Gilfry: Jeder wird mal krank, das gehört zum Leben dazu. Aber das Singen ist zum größten Teil eine mentale, eine geistige Angelegenheit. Wir sind eben keine Maschinen, wir haben Gefühle und Zweifel, mal sind wir glücklich, mal melancholisch, niemand ist jeden Tag in derselben Form. Nehmen Sie Rolando Villazón. Ich habe seine Anfänge in Kalifornien miterlebt, eine wunderbare Stimme, eine atemberaubende Karriere. Und seither steht er im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Die Stimme ist aber kein neutrales Instrument, dem man nach Belieben Glanz und Kraft und alle möglichen Klangfarben entlocken kann, sondern sie ist unmittelbarer Ausdruck der physischen und seelischen Verfassung. Immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, diesen Druck halten nur wenige Menschen auf Dauer aus.

crescendo: Sie gehen jetzt nach Japan?

Gilfry: Ja, und das wird eine Herausforderung ganz anderer Art. In Yokohama hat es derzeit 35 Grad und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit, da ist die Luft vermutlich dick wie Watte.

Zur Person: Rod Gilfry wurde 1959 in Covina in Kalifornien geboren, war in den Jahren 1987-1994 führender Bariton an den Opernhäusern in Frankfurt und Zürich und lebt seitdem wieder in Kalifornien. Er gilt als Mozart-Spezialist und singt neben den klassischen Bariton-Partien viel zeitgenössische Musik wie den Stanley Kowalski in André Previns Oper “A Streetcar named Desire” (Endstation Sehnsucht). Derzeit ist er bis Ende August mit der Rolle des Dr. Falke in der Strauß-Operette Die Fledermaus auf Japan-Tournee. Rod Gilfry im WEB   

Zum Anschauen: Gilfry in seiner Glanzrolle als Verführer Don Giovanni (Zürich 2001) mit Liliana Nikiteanu (Zerlina)und Cecilia Bartoli (Donna Elvira), am Pult Nicolaus Harnoncourt, Inszenierung Jürgen Flimm.


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8 Kommentare zu “Rod Gilfry – Heiliger und Verführer”

Martina Pohl

18. Juli 2008 um 11:24 Uhr

Diesen Don Giovanni habe ich gesehen, er lie mal im Fernsehen und er hat mir sehr gut gefallen. Cecilia Bartoli ist eine furiose Donna Elvira von der ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, daß sie am Schluß ins Kloster geht. Die wird irgendeinen armen Teufel heiraten, 10 Kinder kriegen, und jedem die Hölle heiß machen der es wagt, Paella woanders als zuhause bei Muttern zu essen ;.)
Aber sie war ganz wunderbar! Gilfry war in der Tat ein womanizer, für den man schon man sein Seelenheil auf’s Spiel setzen kann…;-)

Liane

18. Juli 2008 um 22:42 Uhr

Na, ja…. Gilfry war gut, Polgar ebenso, aber Cecilia Bartoli war einfach schrecklich in dieser Rolle. Ich mag sie sonst sehr, aber den armen Mozart hat sie hier fast unkenntlich gemacht. Die gleiche scharfe Kritik gilt auch für ihre Fiordiligi in Zürich.

Martina Pohl

19. Juli 2008 um 09:03 Uhr

Najaaa, viel Mozart war in ihrer Donna Elvira wahrscheinlich wirklich nicht, das kann schon sein. Und doch…sie hat mch fasziniert :-)
Aber ich habe in der Tat schon von vielen Bartoli-Fans gehört. daß sie ihnen in Mozartrollen gar nicht gefällt.

Aeru

23. Juli 2008 um 18:00 Uhr

Naja, mir hat ihre Elvira und ihre Fiordiligi sehr gefallen…:-)
Aber ich muss ehrlich sagen, mir gefällt Gilfrys Stimme nicht so…

Aeru

23. Juli 2008 um 18:04 Uhr

Ich meine, die Elvira ist in ihrer ersten Arie wütend (und nicht traurig, wie sie die meisten Sängerinnen darstellen) was ja der Text beweist=gli vo` cavar il cor.
Und die Idee ihre letzte Arie zuerst wütend und dann schön traurig zu singen fand ich toll!
Aber das ist ja nur meine Meinung…
Martina Pohl hat recht, es war einfach faszinierend!

Martha Fries

24. Juli 2008 um 19:05 Uhr

also ich für meinen teil finde Gilfrys stimme ist wie für diese oper gemacht!!!!
ein leichter bariton, und dazu diese optik…;)
nein, ehrlich, ich liebe Gilfrys stimme!! ich finde sie genau richtig,

das ist mal ein bariton, der sich nicht anhört, wie ein elch zur paarungszeit.

vor allem sein la ci darem la mano, am anfang so sanft und am ende überrennt er die Zerlina richtig.
und natürlich nicht zu vergessen: die champagner arie!! in dem tempo, das soll ihm erst mal einer nachmachen!!

so I just can say: Rodney, please come gack to Germany!!

aeru9

25. Juli 2008 um 15:55 Uhr

Ich hab ja nur gesagt, dass mir seine Stimme nicht so gefällt. Als Darsteller ist er toll. Man kann ja schlieslich nichts für die Stimme. Ich meine, die Netrebko hat ja auch nicht die schönste Stimme, macht trotzdem Karriere, wie Gilfry.

mimi

7. August 2008 um 14:08 Uhr

Könnte nicht mal irgendwer dieses interview an herrn Flimm schicken???? Vielleicht tut sich ja was! Um Gilfry in Los Angeles oder in Sedona oder Philadelphia zu hören, fehlt mir leider das geld, aber Zürich oder Salzburg zum Beispiel, da kann man immerhin mit der bahn hinfahren, das wäre fantastisch! Ich hab irgendwo gelesen, dass er Marathon läuft…unglaublich. Kenne ich nicht viele opernsänger, denen ich das zutraue! :-)

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