„Schwellkopf“ Richard schüttelt den Kopf
Bayreuther Festspiele: Katharina Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ erfahren im vierten Jahr etliche Veränderungen/Neuer Sachs bleibt blass
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Eigentlich sind die „Meistersinger von Nürnberg“ ja Richard Wagners liebeswertestes Werk: Die Dichtung ist feinsinniger und vielschichtiger als in anderen Werken, und auch die Musik huldigt beileibe nicht nur vordergründig prachtvoll-dröhnendem C-Dur, sondern hat wundervolle Momente des Gefühls zu bieten. Allein das Vorspiel zum dritten Aufzug ist ein Kleinod – und gleichzeitig der seelische Reifeprozess des Hans Sachs‘, der sich zum Verzicht auf seine heimliche Liebe Eva Pogner entschließt wie einst Richard Wagner selbst, als er Mathilde Wesendonck, wahrscheinlich die Liebe seines Lebens, loslassen muss und wieder an ihren Gatten Otto verliert. Nicht selten hat Wagner selbst solch prägende Erlebnisse auf der Bühne verarbeitet oder – wie eben in den „Meistersingern“ – auch überwunden.
Dass Katharina Wagner, die ihre Inszenierung des Werks nun im vierten Jahr großflächig überarbeitet und als Abschluss des diesjährigen Bayreuther Premierenzyklus vorgestellt hat, sich gerade der Sachs-Eva-Beziehung neu annimmt, ist also im Grunde nicht verkehrt. Erstmals erleben wir in dieser Inszenierung den Ausdruck tiefen Gefühls und einer zärtlichen, durchaus erotischen Beziehung. Das alles ist schön anzusehen und quasi als Wagner-biografische Keimzelle des Werks auch nachvollziehbar – im Kontext der „Meistersinger“ aber ergibt sich damit immer weniger die Notwenigkeit der im Werk maßgeblichen Beziehung Eva-Walther, die Katharina Wagner weiterhin sehr an den Rand drängt: Erst sieht der in diesem Jahr mit neuen Dreadlocks bestückte Walther in Eva nur das Kunstobjekt für dekoratives Bodypainting (neu: Motive a la Joan Miró) und nach seiner Mutation zum Volksmusikstar-Star im dritten Akt nur noch die eigene Karriere. Ergo: Eva wäre bei Sachs besser aufgehoben.
Überhaupt stellt Katharina Wagner mit ihrer Regie vieles auf den Kopf. Verkürzt gesagt, wird aus böse gut und aus gut böse. Dass dabei noch gleich der Missbrauch der „Meistersinger“ in den Nazi-Zeit aufgearbeitet wird, gehört weiterhin zu den umstrittenen, wenngleich wichtigen Nebeneffekten dieser Inszenierung. Zu den schönsten Einfällen zählt dagegen der Auftritt Richard Wagners: Als einer der mit Schwellköpfen bestückten deutschen Meister der Festwiesenorgie, kann er übers Bühnengeschehen nur noch den Kopf schütteln. Ein selbstironischer Zug der Regisseurin Katharina Wagner, der sich auch für die Festspielleiterin anbieten würde. Denn wer über sich auch mal lachen kann, sieht vieles einfach entspannter.
Musikalisch hat die Produktion in diesem Jahr nach Franz Hawlata im Premierenjahr wieder einen neuen Sachs: Konnte ersterer sich immer wieder lautstark durchsetzen, aber nicht phrasieren, setzt James Rutherford bei seinem Bayreuth-Debüt zwar schöne gebundene, Phrasen und eine gefühlvolle Gestaltung dagegen, bleibt aber mangels Kraftreserven für diese anspruchsvolle Partie einfach viel zu blass. Nicht ideal ist auch Michaela Kaunes zu eindimensional klingender Sopran für die Eva, und Carola Guber wirkt als Magdalene immer wieder zu schrill.
Dafür gibt es mit Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing abermals einen Idealtenor zu feiern, der die optimale Kombination aus Stimmqualität und Optik bietet: Seine helle Tenorstimme gewinnt von Jahr zu Jahr mehr an Glanz und Fülle, bewahrt sich aber ihre jungendlich-frische Ausstrahlung für viele weitere Aufgaben auf dem Grünen Hügel. Die nächste steht schon 2011 an, wenn Klaus Florian Vogt den Lohengrin von Jonas Kaufmann übernimmt. Frisch und klar auch der Bariton von Adrian Eröd, der als schlanker, wendiger Beckmesser mit schönen Kantilenen für sich einnimmt, ohne dabei allerdings die Bühnenpräsenz der Premierenbesetzung von 2007 (Michael Volle) zu erreichen. Sebastian Weigle dirigierte am Pult des Festspielorchesters angenehm unpathetisch und der Festspielchor (Eberhard Friedrich) übertraf sich an diesem Abend in punkto Klangfülle wieder selbst.
Dass diese Produktion noch immer mehr die Gemüter erhitzt als etwa der neue „Lohengrin“, konnte man am Buhgewitter für Katharina Wagner erkennen: Ihre Produktion hat sicher spannende Momente und ein durchaus nachvollziehbares Konzept, zugunsten dessen sie aber über so manche Feinheit des Werks hinweg inszeniert.









Einen Kommentar schreiben