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Seelenreise bis zum Tod

1. September 2010

Jan Garbarek, Foto: Paolo Soriani/ECM Records

Der Saxophonist Jan Garbarek, das Hilliard Ensemble und Manfred Eicher gehen gemeinsam den nĂ€chsten Schritt: Mit Officium Novum setzen sie die Geschichte einer großen Vision fort.

Von Fiona Talkington

„Ich muss an den Nussbaum vor der Kapelle denken.“ – Das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte, als ich Manfred Eicher zu seinem ersten Treffen mit Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble 1993 in der österreichischen Propstei St. Gerold fragte. Und trotzdem passend, dass er ein Symbol fĂŒr Leben und Wachstum, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, wie eben diesen Baum vor Augen hat, wenn er an das „Officium“-Projekt denkt, das uralte Traditionen, menschliche GefĂŒhle, Rituale und Gebete in zeitloser Musik verbindet.

Seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 1994 hat die Musik von „Officium“ tiefgreifende Auswirkungen auf Hörer, Konzertbesucher, die Plattenindustrie und natĂŒrlich andere Interpreten gehabt.

FĂŒnf Jahre spĂ€ter erschien „Mnemosyne“, das 22 Jahrhunderte Musikgeschichte umschloss. Und jetzt, im September 2010, legt „Officium Novum“ Zeugnis ab ĂŒber die ungewöhnliche, mittlerweile 17-jĂ€hrige Partnerschaft von vier klassisch ausgebildeten britischen SĂ€ngern und einem norwegischen Jazz-Saxophonisten.

Schon oft wurde darĂŒber gesprochen, woher Manfred Eicher vom Label ECM die Inspiration nahm, diese Musiker zusammenzubringen: WĂ€hrend Dreharbeiten in Island und der Suche nach der passenden Musik zum Film erinnert er sich an den spanischen Komponisten Morales und sein Requiem, „Officium Defunctorum“. Eichers Vision reichte jedoch ĂŒber Morales’ Werk hinaus, er hörte Garbareks Saxophon in freier Improvisation. Am Ende war der Film, den Eicher drehte, nicht das richtige Umfeld fĂŒr diese Musik. Aber die Vision blieb.

David James, Countertenor der Hilliards, weiß noch genau, wie sie bei ihrem ersten Treffen in der Kapelle mit dem sich langsam entfaltenden „Parce mihi Domine“ von Morales begannen, wĂ€hrend Garbarek – so dachten sie zumindest – dastand und zuhörte. Plötzlich war da aber noch ein anderer Klang. Garbarek hatte sein Saxophon gegriffen und begonnen zu spielen. James sagt: „Ich kann mich noch immer an die vollkommene Stille am Ende erinnern. Dann stand Manfred auf, breitete seine Arme aus und sagte, ‚wir mĂŒssen das so schnell wie möglich aufnehmen‘ und wir alle hatten TrĂ€nen in den Augen.“

Seit diesem Tag erleben Konzertbesucher auf der ganzen Welt eben dieses ergreifende Schaudern. Gleich einem Wunder spiegelt sich das GebĂ€ude – ob Konzerthalle oder Kirche – im Klang des Saxophons, das ĂŒber dem beruhigenden Chorgesang aufsteigt. Spazierend erkunden die Musiker dabei den Konzertort und spielen mit der Akustik des Raumes.

FĂŒr Eicher ist die Aufnahme ein Zeugnis dieser Verbindung, fĂŒr die Entwicklung von Musikern und Musik- und dafĂŒr, wie durch das Nebeneinander in den Konzerten neue musikalische Ideen entstehen. Er spĂŒrte, dass etwas von diesem Geist und dieser neuen Musik eingefangen werden musste. In einem neuen „Officium“.

Eicher sieht darin weder eine Sammlung wunderbarer Alter Musik wie das erste „Officium“ noch wie „Mnemosyne“, einen Schatz unentdeckter Kostbarkeiten. Das „Officium Novum“ ist vielmehr eine vollwertige Komposition. Von Anfang bis Ende. Wie eine Seelenreise. Sie beginnt mit dem eindringlichen Gebetsruf des Saxophons – noch vor Komitas’ „Ov zarmanali“, -basierend auf einem Choral zur Taufe Christi. Fast eine Stunde spĂ€ter endet sie mit Garbareks Fassung der indianischen Worte „We are the stars“, das den Weg der Seele bis zum Tod und darĂŒber hinaus skizziert. Eicher beschreibt den roten Faden der CD als einen langsamen Schwenk mit der Kamera vom Orient ins Abendland, der alle EindrĂŒcke und EinflĂŒsse aufnimmt.

Seit Jahren hat das Land Armenien tiefe Wirkung auf Eicher und die Musiker ausgeĂŒbt. Da liegt es nahe, dass ein Fokus von „Officium Novum“ auf gerade diesem Land zwischen Orient und Okzident liegt. Vor 30 Jahren besuchte Manfred Eicher Armenien und verliebte sich in Landschaften und Gesichter – und die Musik des Priesters und Komponisten Komitas Vardapet.

Auch das Hilliard Ensemble hat die traditionelle Musik der armenischen Kirche auf diese Weise kennengelernt: In einer kleinen abgelegenen Kirche, die ĂŒber dem Abgrund einer Schlucht zu schweben scheint, mit Blick auf den Berg Ararat und die wilde armenische Landschaft. FĂŒr Garbarek spielte und sang Komponist Tigran Mansurian seine Melodien auf dem Klavier. Melodien voller Emotion. Als Garbarek dann mit dem Hilliard Ensemble einige der Melodien spielte, fĂŒhlte er sich ihnen sofort „verbunden“. „Ich wollte sie fĂŒr mich selbst erschließen.“

Am Ende des ĂŒberwĂ€ltigend schönen „Surb, surb“ – das dem „Sanctus“ der lateinischen Messe entspricht – nimmt einem die Musik der CD schier den Atem. Das demĂŒtige Gebet, zart und vorsichtig von Garbarek und dem Hilliard Ensemble erforscht, schwebt in einem Ruf himmelwĂ€rts. Das Saxophon erhebt sich, die Stimmen kehren zurĂŒck, heften sich an die letzte Note des Saxophons und gehen ĂŒber in Arvo PĂ€rts „Most Holy Mother of God“.
Ein außergewöhnliches StĂŒck, herzzerreißend in seiner offensichtlichen Einfachheit, seinen stillen Momenten und seiner Eindringlichkeit. „Most Holy Mother of God save us“ – „Rette uns, Heilige Mutter Gottes“ – eine Zeile, wiederholt, als sprĂ€chen Opfer durch sie: Haus, Familie, die wahren SchĂ€tze des Lebens, reines Wasser – und Hoffnung, alles verloren. So setzt sich die Reise fort, die Kamera lĂ€uft weiter: uralte Rituale in der Musik von Komitas, wirbelnde spanische Rhythmen, eine musikalische Fassung des „Vaterunser“ und eine Wiederbegegnung mit PĂ©rotins „Alleluia. Nativitas“.

Das CD-Booklet vervollstĂ€ndigt dieses Zeugnis der Inspiration. Die Bilder des italienischen Fotografen Mario Giacomelli zeigen das Ende der Welt und zugleich ihren Anfang: Finsternis und Licht, sĂŒditalienische Landschaften, weites flaches Land, zerfurchte Felder, den Mond, vereinzelte BĂ€ume.

So ist auch der letzte Klang nicht musikalisch: Manfred Eicher wĂ€hlte ein Gedicht von Georgio Seferis, gelesen von Bruno Ganz: „Nur ein Weniges noch“: „Nur ein Weniges noch / und wir werden die Mandeln blĂŒhen sehen…„“

Jan Garbarek, Hilliard Ensemble „Officium Novum“ erscheint bei ECM.

TERMINE: 14.9. Hamburg; 15.9. Salzburg; 30.9. Berlin; 4.10. Heidelberg; 5.10. Kloster Eberbach; 6.10. Köln; 8.10. MĂŒnchen; 9.10. ZĂŒrich; 11.10. Wien

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