Serie: Österreich 2010, Ein Jahr für Gustav Mahler (Teil 1 von 3)

Gustav Mahler; Emil Orlik, 1902
Der Weg in die Heimat: Gustav Mahler und seine Wahlheimat Österreich.
Von Uwe Schneider
Wien am 11. Mai 1897: Gustav Mahler dirigiert zum ersten Mal an der Wiener Hofoper. Auf dem Programm steht Wagners romantische Oper „Lohengrin“. Der Erfolg ist überwältigend, „ganz Wien hat mich geradezu mit Enthusiasmus begrüßt“, berichtet er danach selbst. Der Weg dorthin war für den jüdischen Komponisten und Dirigenten, der 1860 im böhmischen Kalischt geboren wurde, jedoch beschwerlich gewesen.
In der mährischen Garnisonsstadt Iglau verbrachte er als Zweitältester von 14 Kindern den größten Teil seiner Jugend. Der Vater, ein Despot, der die Mutter zum Krüppel schlug, löste ein schweres Trauma in Gustav aus. Doch der früh Musikbegabte schaffte seinen Weg aus der Provinz ans Konservatorium nach Wien, wo er sich mit seinem Kommilitonen Hugo Wolf anfreundet und schnell auf sich aufmerksam macht.
Die Volks- und Tanzmusik Böhmens, Militärmusik und die Musik aus der Synagoge prägten den Jungen. Das Erbe dieses Einflusses ist bis in sein spätes kompositorisches Schaffen hinein zu hören. Die intensive und von Selbstdisziplin geprägte Lehrzeit erreicht ihren ersten Höhepunkt, als der erst 21-jährige in Laibach Theaterkapellmeister wird. In den nächsten Jahren erarbeitet er sich über Stationen in Olmütz, Kassel, Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg einen exzellenten Ruf als Dirigent. „Mit unerbittlicher Strenge und dem verzehrenden Eifer, von dem er immer besessen war, forderte er die höchste Genauigkeit“, erinnert sich ein Zeitgenosse. Es ist sein Können und dieser Ruf, der ihm vorauseilt, der ihn rasch zu einem der führenden Dirigenten Europas werden lässt und der Johannes Brahms anlässlich einer „Don Giovanni“-Vorstellung in Budapest seine Bewunderung ausdrücken lässt.
Doch Mahlers Ziel war seine Wahlheimat Österreich und die um 1900 neben Paris wohl bedeutendste Kulturmetropole Europas: Wien. Doch um in Wien reüssieren zu können, hatte er das wohl größte Hindernis, sein Judentum, noch zu beseitigen und so konvertierte er – auch aus Furcht vor antisemitischen Hindernissen – zum Katholizismus. „Ich ziehe in die Heimat ein und werde alles daransetzen, um meine Wanderschaft für dieses Leben zu beendigen“, schreibt Mahler, als er von Hamburg Richtung Wien Abschied nimmt.
Den Zeitgenossen gilt Mahler noch in erster Linie als bedeutender Dirigent. Als Komponist kann er jedoch bereits auf Wegweisendes für die Moderne zurückblicken: die ersten drei Sinfonien, zahlreiche Liedvertonungen und die (erst in den letzten Jahren wieder öfter aufgeführte) Kantate „Das klagende Lied“.

Wiener Staatsoper, Innenraum; Foto: Österreich Werbung/Bartl
Diese Wiener Jahre waren nicht nur von einem großen Schaffensrausch geprägt, in Wien erfüllten sich auch Mahlers private Sehnsüchte. 1902 heiratete er die fesselnde Alma Schindler, die selbst künstlerisch aktiv war und in den Kreisen der Wiener Sezession verkehrte. Sie war von Mahlers Persönlichkeit fasziniert. Mahler bestand darauf, dass Alma ihre künstlerischen Ambitionen aufgab und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter annahm. Mit den beiden Töchtern verbrachte das Ehepaar die Sommermonate gemeinsam: Wandern, Schwimmen, Spazieren stand dann neben dem Komponieren auf dem Programm. Doch die Ehe zwischen dem arbeitswütigen Mahler und seiner von der Männerwelt verehrten Frau blieb nicht ohne Krisen.
Der Wechsel des Lebens zwischen Stadt und Land blieb in Vielem nur ein Äußerer, der Komponist suchte über lange Jahre jeden Sommer in der Ruhe der Natur seine Inspiration. Im Idyll von Maiernigg am Wörthersee ließ er sich 1900 – wie schon zuvor am oberösterreichischen Attersee – ein Komponierhäuschen bauen, in dem er in den Sommermonaten jene Werke schuf, die visionär die Wiener Moderne bis hin zu Arnold Schönberg und seinem Kreis mitprägten.
Tipps: Begegnungen mit Gustav Mahler
Gustav Mahler und Wien
bis 03.10., Ausstellung, Wien, Österreichisches Theatermuseum
www.khm.at
Mahler Spaziergänge
Wien
www.wien.info
„Antipoden der Wiener Gesellschaft: Karl Lueger & Gustav Mahler“, bis 31.10., jeden Samstag
„Lieben Sie Mahler?“, Mai, Juni, September und Oktober, drei Sonntage im Monat
Mahler in Österreich
ganzjährig, Schauraum, Wien, Haus der Musik
www.hdm.at
Gustav Mahler, u. a.
30.5., Liederabend G. Nigl, Wien, Konzerthaus
www.konzerthaus.at
Alma
2.-25.7., interaktives Theaterstück, Wien, K.k. Post- und Telegrafenamt
www.alma-mahler.com
MAHLER Contemporary
9.-18.7., Musik-, Kunst- und Medienfestival, Musikforum Viktring Klagenfurt
www.musikforum.at
Mahlers Wurzeln
9.9., Konzert, Philharmonia Schrammeln, Wien, Österreichisches Theatermuseum
www.khm.at









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