Sieglinde ist das „hehrste Wunder“
Edith Haller und Johan Botha revolutionieren das gesangliche „Ring“-Niveau bei den Bayreuther Festspielen
Von Barbara Angerer-Winterstetter
„So blühe denn Wälsungenblut“ singt Siegmund am Schluss des ersten „Walküren“-Aufzugs – und der Vorhang fällt laut Wagners Bühnenanweisung besonders schnell. Aus szenischer Sicht ist das in Tankred Dorsts Inszenierung des Bayreuther „Ring des Nibelungen“ nicht nötig, denn auf der Bühne passiert sowieso nichts. Und schon gleich gar nichts Anrüchiges. Nach ein paar flüchtigen Umarmungen bricht das inzestuöse Liebespaar händchenhaltend zu einem nächtlichen Waldspaziergang auf und überlässt die tobende Leidenschaft der Musik, die auf die schon leere Szene strömt. Aber die Unzulänglichkeiten in der Personenführung dieser Inszenierung, die sowieso in ihr letztes Bayreuth-Jahr geht, sollen hier nicht weiter Thema sein. Viel eher gibt es viel blühendes Wälsungenblut aus gesanglicher Sicht zu vermelden – von einem neuen Wälsungenpaar, das den ersten „Walküren“-Aufzug trotz szenischer Ratlosigkeit zu einer Sternstunde werden ließ.
Allen voran ist Edith Haller die Entdeckung schlechthin als Sieglinde. Schon mit ihren Freias, Gutrunes und Nornen der letzten Jahre hatte sich die junge Sängerin, die am Badischen Staatstheater Karlsruhe Erfahrungen sammeln konnte, für diese Partie empfohlen. Dass sie die Sieglinde nicht nur mit mädchenhaftem Charme, sondern auch mit so viel Kraft, Ausdruck und dabei Klarheit und Sicherheit in der Stimmführung ihres strahlenden Soprans singen würde, war dennoch nicht zu erwarten. Ihr „hehrstes Wunder“ im dritten Aufzug überstrahlte alles, was an diesem Abend sonst noch zu hören war. Wenn die junge Künstlerin – derzeit freischaffend in Salzburg – langsam und vernünftig ihre Stimme ausbaut, dann kann und darf man von ihr in der Wagner-Zukunft Großes erhoffen.
Johan Bothas Debüt als Siegmund ist schon allein deshalb ein Segen, weil damit der stimmgeschädigte Endrik Wottrich nun endlich in Bayreuth ausgedient hat und man sich wieder freuen kann auf Wälse-Rufe und Winterstürme mit Wonnemond und Wonnetenor. Botha singt mühelos und dabei mit schier unendlichen Kraftreserven, aber stets in wundervollem Legato und schönstem Timbre. Eine Traumbesetzung! Leider wirkt er rein optisch wie die Verkörperung der beleibten Wagner-Helden vor gut einem Jahrhundert – und das ist mit Verlaub halt nicht ganz so ansprechend.
Ein Problem, das er mit Linda Watson teilt. Viel schlimmer aber ist, dass diese Brünnhilde seit gut zwei Jahren ausgesungen ist, und das in diesem Jahr so stark, dass sie in den dramatischen Abschnitten der Partie nur noch stemmt und presst, wobei man dann kein Wort Text mehr versteht (was nicht im Sinne des Erfinders ist). Nur, wenn Watson lyrisches Piano singt, springt ihre Stimme noch an. Schade, dass die Festspiele im letzten „Ring“-Jahr keine junge, unverbrauchte Brünnhilde gefunden haben! Ebenso hat Albert Dohmen als Wotan seine starken Momente erst im anrührenden Schluss des „Walküre“ und bleibt vor allem im „Rheingold“ hinter den Erwartungen zurück – was man von Kwangchul Youn (Hunding) und Mihoko Fujimura (Fricka) nicht sagen kann. Das „Vorspiel“ zum „Ring“ entscheidet wie immer Arnold Bezuyen als lyrischer Loge für sich: eine Stimme, die sich übrigens in diesem Jahr mehr denn je auch für einen Siegmund anbietet.
Christian Thielemann am Pult des Festspielorchesters wärmte sich beim „Rheingold“ noch auf, blieb dort seltsam diffus und schwammig. Ab den ersten „Walküren“-Takten aber war er wieder da, der Wagnersche Klangmagier: Mehr denn je die Tempi dehnend, um markante Stellen interessant herauszuarbeiten, mit feinstem Gespür für große Linien und aufglühenden Orchesterklang.











Allan Pearson
Kritiker innerhalb Deutschlands sind der Linda Watson unheimlich unfair. Ich habe sie jeden Sommer bis jetzt persoenlich da LIVE gehoert. Wicthige Saengerfreunde von mir, die jetzt da mitmachen, beschreiben sie als “the divine Linda Watson” privat, als Bruennhilde. Vermute deutsche Kritiker sind sehr unfair, wenn eine Auslaenderin in Bayreuth die Bruennhilde singt.
Rüdiger Horn
Welch ein Unsinn!
In der Geschichte Bayreuths gab es viele ausländische Brünnhilden, vielfach auch von deutschen Kritikern und Kritikerinnen hoch gelobt.
Linda Watson war im 2. Bayreuther Ring 2010 als Brünnhilde vorgesehen und sang diese Rolle in der Walküre (2. August) – eher schlecht als recht.
Vor der heutigen Siegfried-Aufführung “erkrankte” sie und wurde von Sabine Hogrefe ersetzt – zur Freude des Publikums und sicher auch der Kritiker.
Niemand will vergangene Verdienste Frau Watsons schmälern. In ihrer gegenwärtigen Verfassung tut sie sich jedoch selber keinen Gefallen, an der Rolle festzuhalten. Diese Feststellung hat nichts mit “Unfairness” oder gar “Ausländerfeindlichkeit” zu tun sondern ist die schlichte Wahrheit.
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